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Jeder Mensch birgt in sich verschiedene Strömungen, darunter auch weibliche und männliche. Ein kompletter Mensch hat die verschiedenen inneren Sphären in sich selbst bewusst erkannt und nimmt fortwährend ihre zusammenhängende Einheit wahr. Intuition, Spontaneität, Rationalität und Intellekt stehen dann nicht mehr im Kampf miteinander, sondern sie bilden ein harmonisches Selbst. Das Erkennen, Annehmen und Leben des ureigenen Selbst, ist der Grundstein für spirituelle Entwicklung. Die Verleugnung oder Unterdrückung bestimmter Seiten verhindert menschlichen Fortschritt (GGS, S. 441, M. 3).
Die Vermännlichung Gottes In der heutigen Welt wird äußerlich alles dafür getan, individuell zu sein. Doch im Handeln werden die Menschen immer ähnlicher – sie orientieren sich nach global vermarkteten Werbebotschaften, Filmproduktionen und Stars. Immer weniger Menschen haben den Mut, sie selbst zu sein. Das Original wird allzu oft gegen eine Kopie eingetauscht. Solche vorgetäuschten Existenzen beruhen auf Selbstzweifel und Unsicherheit. Männer sind Meister solcher Mechanismen. Seit je her haben Männer mehrheitlich versucht, dass Weibliche in ihnen und somit auch im Leben draußen zu unterdrücken. Bis heute hat die männliche Sphäre die weibliche überlagert und kontrolliert. Dies hat dazu geführt, dass Weiblichkeit kulturübergreifend negativ besetzt worden ist bzw. mit Schwachheit in Verbindung gebracht wird. Nicht nur im Alltag, wo noch immer in den gesellschaftlichen Kernbereichen Männer das Sagen haben, sondern auch in der Sprache. Im Deutschen macht “man” dieses und jenes, auch wenn von Frauen die Rede ist. Gott ist in vielen Sprachen ein “er”. Der männliche Gott sagt vieles über Männer und den von ihnen geschaffenen religiösen Vorstellungen aus, aber nichts über das Mysterium Leben selbst.
Die Dominanz der Männer - Ein Perpetuum Mobile Erstaunlich ist, dass auch dort, wo der Banner der Gleichberechtigung verbal hochgehalten wird, tatsächlich die Männer fast nach Belieben schalten und walten und Weiblichkeit missachten. Es gibt nach wie vor Eltern, die sich über die Geburt eines Jungen mehr freuen als über ein Mädchen. Ein Mädchen wird hier als Bürde gesehen, als “verlorene Investition”, da sie nach der Heirat die Familie verlässt (siehe Bericht “Tödlich teure Mitgift - Es ist ein Mädchen! Dies Ergebnis der Ultraschall-Untersuchung bringt vielen Föten in Indien den Tod”, taz vom 10.01.2006). Es ist noch immer eine Tatsache, dass Mädchen in manchen Familien nicht genauso gefördert werden, wie ihre Brüder. Sie bekommen weniger Freiräume, gleichzeitig überträgt man ihnen mehr Pflichten. Oft dürfen sich Mädchen in religiösen Familien im Gegensatz zu ihren Brüdern nicht mit gegengeschlechtlichen Altersgenossen verabreden. In solchen Familien verzeihen Eltern ihren Söhnen mit Zähneknirschen voreheliche Beziehungen; nicht aber ihren Töchtern, weil bei ihnen ein “Beweis ihrer Schuld” bleibt. Oft sieht man bei Mädchen aus solchen Familien, dass sie, sobald sie durch einen ausbildungsbedingten Ortwechsel zum ersten Mal der direkten Kontrolle der Eltern entzogen sind, exzessiv das Nachholen, was sie glauben verpasst zu haben. Da stellt sich die Frage: Was ist aus der universellen Einsicht geworden, dass jeder Mensch ungeachtet seines Geschlechtes, Orientierung oder Herkunft vor der Schöpfung gleich ist und dementsprechend auch gleich behandelt und gefördert werden sollte? Von welcher Moderne reden wir, wenn Mütter aus religiösen Familien die männliche Sichtweise in der Erziehung verinnerlichen? Von welcher Moderne reden wir, wenn religiöse Männer übersehen (wollen), dass Frauen sehr viel für die Menschheit leisten und zumeist viel weniger wehleidig sind als Männer (man denke nur an Männer mit einer kleinen Erkältung)? Genau deshalb hat beispielsweise Guru Nanak diskriminierende Haltungen gegenüber Frauen angeprangert: “Von der Frau wird man geboren, in der Frau wächst man heran, mit einer Frau verlobt und vermählt man sich. Von der Frau erfahren wir Freundschaft, durch die Frau setzt sich der Gang der Welt fort. ... Wie kann man sie als minderwertig bezeichnen, wo sie doch Königen das Leben schenkt? Aus einer Frau entsteht eine Frau, niemand wäre ohne die Frau. Nanak sagt, ganz ohne Frau existiert nur die Eine (Schöpferin)” (GGS, S. 473, M. 1).
Ganzheitlichkeit - Ein Schlüssel zu innerer und äußerer Entwicklung Wenn wir uns selber ehrlich fragen, warum es in Welt im 21. Jahrhundert noch soviel geschlechtliche Ungleichheit gibt, dann müssen wir feststellen, dass wir die universelle Weisheit der Gleichberechtigung nicht leben. Was können wir tun? Zunächst einmal eingestehen, wo wir selber Gleichberechtigung nicht leben. Dann erst kann die persönliche Haltung geändert werden. Hierzu bedarf es der Wachsamkeit im Fühlen, Denken und Handeln. Erst wenn wir selber in den kleinen Dingen im Alltag aufrichtig Gleichberechtigung leben, können wir Kindern überzeugend diese Grundhaltung näher bringen. Was bringt es, wenn man öffentlich als Mann über das Gleichberechtigungsprinzip der Geschlechter spricht, aber zu Hause seine Frau lieblos behandelt? Was für eine Lebenshaltung vermittelt wir, wenn wir unserer Frau ständig Vorschriften machen, ihr jegliche Freiräume absprechen, nie Zeit mit ihr verbringen und sie als eine Art gesetzlich garantierte Hausangestellte sehen? Es zeigt lediglich, dass wir in unserer Entfaltung stehen geblieben sind. Wenn wir solche Entwicklungen, die den gesamten Fortschritt der Menschheit behindern, überkommen wollen, muss folgendes verstanden werden: Viele der oben beschriebenen Haltungen gegenüber Frauen rühren daher, dass lokale kulturelle Gegebenheiten wie etwa die Patriarchie oder die Tabuisierung von natürlichen Bedürfnissen als unhinterfragbare kulturelle oder religiöse Normen angesehen werden. Man hört dann diesem Zusammenhang Sätze wie: “Bei uns ist das aber so. Das war in unserem Heimatland Y schon immer so und das bleibt hier in Z auch so.” Es wird übersehen, dass sich in jedem Gebiet zu jeder Zeit von Menschen geschaffene Haltungen und Traditionen fortlaufend ändern und schon immer verändert haben. Es bedarf daher der Einsicht, dass wenn wir in unserem Leben einen wahrhaften Ruhepol suchen, dieser nur in uns selbst gefunden werden kann und nicht in einer bereits gelebten Vergangenheit oder einem entfernten Heimatland, das längst nicht mehr die Heimat ist. Die Gurus und die Bhagats haben diese Problematik in ihrer ganzen Tragweite erkannt. Sie haben dementsprechend ihre Botschaft nicht mit regionalspezifischen Praktiken, Ritualen oder Regeln beladen, sondern allgemeingültige spirituelle Weisheiten offenbart, die zeitlos in den jeweiligen Lebenszusammenhang integriert werden können.
Sobald Frauen und Männer gleichermaßen bereit sind, kulturell bzw. religiöse überlieferte Normen und lokale Praktiken kritisch zu hinterfragen und sich innerlich ganzheitlich zu öffnen, können neuartige menschliche Beziehungen und Menschen auf dieser Welt entstehen. Erst wenn Männer lernen, sich selbst als Wesen mit femininen Zügen anzunehmen, können sie sich spirituell weiterentwickeln. Denn Männer, die ihre innere weibliche Seite verleugnen, werden auch immer in irgendeiner Form in Bezug auf Frauen negativ denken und handeln und somit ihre und die Entwicklung des Menschengeschlechts behindern. Umgekehrt gilt dies genauso für Frauen.
Als Sikh geht es nicht darum, biologische und sinnliche Unterschiede zwischen Mann und Frau zu leugnen, sondern sich von sozial konstruierten und durch Erziehung erlernten verengenden Mustern zu lösen und ganzheitlich zu leben. Gemäß dem gelebten Vorbild der Gurus, wird dann das Weibliche und Männliche gleichermaßen als göttliches Prinzip anerkannt (GGS, S. 103, M. 5). Ein Mensch, der sämtliche göttliche Seiten in sich entfaltet, sieht zum Beispiel “weinen” nicht mehr als weibliche und damit vermeintlich negative Eigenschaft an. Entgegen der vorherrschenden sozialen Zuschreibung erkennt ein solcher Mensch weinen schlichtweg als eine ureigene menschliche Facette an. Die vergossenen Tränen eines Mannes, einer Frau, eines Mädchens und eines Jungens werden dann nur noch als universeller Ausdruck von emotionaler Bewegtheit gesehen werden.
Singh und Kaur - Yin und Yang Es kommt in diesem Zusammenhang die Frage auf, warum Sikh-Frauen im Gegensatz zum männlichen Singh (Löwe) den Nachnamen Kaur annehmen. Kaur bedeutet bekanntermaßen Prinzessin. Was soll damit ausgedrückt werden? Etwa das Männer die Starken und Frauen die Schwachen sind? Ist mit Prinzessin eine schutzbedürftige, reiche Schönheit gemeint oder eine Frau die wegen ihrer vermeintlichen Adligkeit höherwertig anzusehen ist? Um eine angemessene Antwort zu finden, müssen die Nachnamen Kaur und Singh als Einheit gesehen werden. Der GGS betont ein soziales Leben, in dem Partnerschaft eine positive Stellung hat. Daher ist das Zusammensein von Mann und Frau ein Leben der Vervollständigung. Damit ist gemeint, dass das weibliche und männliche Prinzip zusammen kommen um die Welt positiv zu gestalten. Der Löwe und die Prinzessin sind hier wie so oft in der Sikhi metaphorisch zu verstehen. Der Löwe ist unter den Tieren hoch geachtet und genießt Respekt. Ein Löwe verliert auch als Einzelner seine Sicherheit nicht und ist somit in der Lage, seinen eigenen Lebensweg zu gehen. Die Prinzessin symbolisiert ebenfalls ein einzigartiges Geschöpf. Bei ihr geht man davon aus, dass sie nicht nur schön ist, sondern auch von edlem Charakter ist und ein würdevolles Leben führt. Inneres und äußeres bilden bei ihr eine anmutige Balance. Kaur und Singh stehen also beide für ein hohes Lebensprinzip. Sie leiten und werden nicht geleitet. Da alle Männer und Frauen jeweils denselben Namen haben, soll auch die Wichtigkeit von Gleichberechtigung ausgedrückt werden. Der Mann repräsentiert dabei ein Teilprinzip sowie die Frau auch. Beide verhalten sich dabei ähnlich dem Yin und Yang. Sie sind komplementäre Teile eines Ganzen und nicht von einander getrennte Sphären. Denn ein Leben, das das Weibliche vom Männlichen trennt, führt zu Entfremdung und damit zu Rückschritt - die Geschichte ist ein überwältigendes Zeugnis dafür. Sikhs steht im Namen geschrieben, dass sie sich auf den Weg gemacht haben, eine aufgeklärte und einheitsstiftende Existenz zu führen. Noch ein wichtiger Aspekt wird durch die jeweiligen Nachnamen ausgedrückt: Mann und Frau behalten ihre einmalige Persönlichkeit und opfern diese nicht für den jeweils anderen auf. Sie leben gemeinschaftlich und leugnen dennoch nicht ihre jeweilige Individualität.
05/2007 | Khushwant Singh hat Ethnologie und Erziehungswissenschaften an der Universität Heidelberg sowie Social Anthropology an der University of London studiert. In seinem Studium hat er sich eingehend mit der Sikh-Religion beschäftigt und in Deutschland sowie im indischen Panjab dazu geforscht. Singh engagiert sich aktiv im interreligiösen Dialog, in der Jugendarbeit und hält Vorträge über die Sikh-Religion. Der Film Musafer - Sikhi is Travelling, den Singh gemeinsam mit Dr. Michael Nijhawan gedreht hat, ist sein erster Dokumentarfilm.
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