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Verse aus dem Guru Granth Sahib lassen sich aufgrund der zahlreich verwendeten Metaphern, der Bezüge zu populären religiösen Vorstellungen aus der Zeit der Gurus sowie der spezifischen grammatikalischen Regeln nicht ohne weiteres (wörtlich) übersetzen. Eine akzeptable Übersetzung muss dieser Herausforderung durch erläuternde Kommentare beikommen. Zudem muss berücksichtigt werden, dass im GGS viele bekannte Worte aus dem religiösen Kontext der damaligen Zeit gebraucht werden, diese aber eine neue Bedeutung erfahren. Hilfreich für eine gute Übersetzung ist, verwendete Worte in verschiedenen Versen zu betrachten bzw. Worte im Zusammenhang mit der Hauptaussage des gesamten Verses zu sehen. Es ist wichtig, den zu übersetzenden Vers mit der Kernbotschaft des Guru Granth Sahib in Bezug zu bringen. Die meisten existierenden Übersetzungen berücksichtigen nur selten diese wichtigen Leitlinien und verwenden zudem eine wörtliche Übertragung. Dies führt leider oft zu verfälschten Auslegungen.
Im Folgenden wird, in Anlehnung an Prof. Sahib Singh’s Werk, eine ausführliche und beispielhafte Interpretation eines populären Verses aus dem Jap (GSS, S. 7, M. 1) von Guru Nanak vorgestellt. Mit beispielhaft ist gemeint, dass die Auslegung die einzelnen Wörter sowie ihre Aussprache erklärt und den Vers einschließlich aller Metaphern im Gesamtzusammenhang des GGS erläutert. Hierzu werden an entscheidenden Stellen auch Querverweise zu anderen klärenden Versen hergestellt. Die Buchstaben in runden Klammern bedeuten, dass der Buchstabe aus grammatikalischen Gründen in der Schriftsprache verwendet wurde, dieser aber nicht ausgesprochen wird. Aufgrund der Komplexität der Grammatik, wird hier aber nicht auf die einzelnen Formen eingegangen. Das [n] verweist auf eine nasale Aussprache an der entsprechenden Stelle.
Worterklärungen
ik du[n]: aus einer
jhibau[n]: (mit der) Zunge
hohe[n]: werden
jowhe[n]: wenn ... werden
lakh wies: zwei Millionen mal (lakh= 100000, wie=20, also 20X100000)
gerraa: Kreis, im Kreis drehen
akhieeh[n]: wenn man es sagen würde
ek(u) naam(u) jagdies(h) : den einen Namen Jagdiesh (Gott)
it(u): diesem
raah(e): (auf dem) Weg
pat(e): Vater
pawarrieaa(n): Treppen
pat(e) pawarrieaa(n): die Treppen, die zum Vater (Gott) führen
charrieai: die wir hinaufgehen, die wir hinauf gehen können
hoe ekies(h): eins werden (wie der Tropfen ein Teil des Ozeans)
sun(e): (wenn man) hört
galaa[n]: Erzählungen, Geschichten
akkaas(h): Himmel, gemeint ist hier ein göttliches Leben
kietta(n): Würmer, Insekten
aaie: ist gekommen, gelernt
riies: Nachahmung
nadrie[n]: Gnade; hiermit ist nicht die Gnade eines Gottes gemeint, der außerhalb des Schöpfung weilt und einiger Menschen gnädig ist und anderer nicht. Eher deutet das Wort darauf hin, dass einem Menschen, der göttliche Tugenden lebt, die Gnade göttlicher Weisheit zuteil geworden ist, die jedem Menschen potentiell bereitsteht. Gottes Gnade wirkt fortwährend und bedingungslos.
paieai: erlangt man
kuurrie: falsch, verlogen
kuurrai: verlogener (Mensch)
thies: Gerede, unangebrachtes Lob
Erläuterung Guru Nanak setzt sich in diesem Vers kritisch mit weit verbreiteten religiösen Praktiken seiner Zeit auseinander. Es ist eine rhetorisches Werkzeug des Gurus, zunächst auf Missstände im Namen der Religion hinzuweisen um dann am Ende seine Offenbarung dagegen zu setzen. Guru Nanak offenbart in dem Vers, dass die bloße Wiederholung bestimmter Wörter und Gebete keinen Seelenfrieden bringen. Nur ein Leben voller alltäglichem Gottesbewusstsein kann die Unruhe des Geistes bändigen. Guru Nanak betont hier die Wichtigkeit, göttliche Tugenden zur Entfaltung kommen zu lassen. Dem Menschen ist es geboten, das kostbare Lebensgeschenk zu nutzen, seinen falschen Stolz, sein Ichgefühl, sprich alle innewohnenden niederen Angewohnheiten abzulegen und sich göttlicher Gedanken und Taten zuzuwenden. Der GGS betont diesen Aspekt eines spirituellen Lebens an vielen Stellen: Awgunn chod(e) gunna kou dhawh(u) kar(e) awgunn pch(u)tahie jieo(u) || Gib schlechte Taten auf und verinnerliche (göttliche) Tugenden; denn bereuen wirst du die Konsequenzen schlechter Taten (GGS, S. 598, M. 1).
Der Vers verweist darauf, sich vor vermeintlich religiösen Zahlenspielen zu hüten und sich von solchem Aberglauben freizumachen. Gemeint ist damit, dass es eine Torheit ist zu denken, man könne durch die x-malige Wiederholung eines bestimmten Gebetes oder Wortes Gott erkennen bzw. einen Wunsch erfüllt bekommen. Guru Nanak drückt hier auch indirekt aus, sich von selbst ernannten Heiligen (Sant, Baba, Guru, Swami etc.) fern zu halten, die einem unter dem Namen der Religion weltliche und spirituelle Versprechungen durch Rituale, Gebetswiederholung oder Mantren machen. Raam raam sabh(u) ko kahai(n) raam(u) na hoe || gur parsadie[n] raam(u) man(e) wasai taa fal(u) pawai koie || 1|| Jeder spricht (Mantren wie) Raam Raam (Gott) und findet Raam doch nicht. Durch die Gnade der göttlichen Weisheit verinnerlicht man Raam im Inneren und erntet die Früchte (GGS, S. 491, M. 3).
Unter Berücksichtigung der Grundbotschaft des GGS besagt der Vers: Wenn man mit unendlich vielen Zungen gleichzeitig den Namen Gottes mit dem Gedanken aufsagen würde, man könnte so eins mit Gott werden, dann wäre dies nur eine niedere Tat eines egoistischen Menschen. Man würde denken, man hätte Gott gefunden. Aber erliegen würde man nur dem falschen Ego. Die zu besteigenden Treppen auf der Suche nach der Einheit können nur bestiegen werden, wenn man sein Ego aufgibt und das göttliche in sich erkennt. Das Aufsagen des Namens mit all den Zungen, das unaufhörliche Wiederholden, sind zwecklos. Nur durch die göttliche Gnade kann man Einheit erlangen. Ohne diese Gnade sind all die Wiederholungspraktiken nur Selbstbeweihräucherung, eine sinnlose Selbstbezogenheit die sagt, schaut her, wie religiös ich bin. Die Rituale des Menschen mit denen dieser Gott finden will sind so, als wenn die Insekten sich nach dem Himmel sehnten; als könnte man einem Erleuchteten durch Rituale und religiöse Techniken nacheifern. Rituale und Praktiken sind doch nur wie falsches Gerede, die einem von Gott entfernen: Jaleo(u) aisie riet jet(u) mai piaaraa viesrai || Entledige dich solcher Rituale, die dich von deinem Geliebten entfernen (GGS, S. 590, M. 1). Der Guru betont die Notwendigkeit der Überwindung schlechter Gedanken und Taten durch das Verinnerlichen göttlicher Weisheit. Nur dann kann dem Menschen die göttliche Gnade zuteil werden.
Übersetzung (Oh Mensch) Wenn aus einer Zunge hunderttausend würden und aus hunderttausend wiederum zwanzigmal so viele || Und man Hunderttausende von hunderttausend Malen den einen Namen des Schöpfers wiederholt ausspräche || Dann könnte man auf diesem die Treppe hinauf zum Herren erklimmen und würde eins mit ihm || Die Stimmen des Himmels hörend, eifern sogar die Würmer dort unten demnach || Nanak (sagt), nur durch seine Gnade kann man ihn finden; alles andere ist nur verlogenes Geschwätz ||32|| (GGS, S. 7, M. 1).
Kommentar Es ist wichtig zu verstehen, dass jeder Vers des GGS trotz der lokalen Bezugnahmen zu religiösen Praktiken, Vorstellungen und Worten eine zeitlose Botschaft vermittelt. Es ist einer Schrift und einer Sprache ihrer Natur gemäß allerdings unmöglich, in einem bedeutungsleeren Raum zu wirken. Sprache muss Bezug nehmen zu zeitgenössischen Begriffen, Vorstellungen und Praktiken. Ansonsten kann keine verständliche Aussage getroffen werden. Eine wirkungsvolle Methode Sprache zeitlich zu überbrücken gibt es allerdings doch: das Sprechen in Bildern. Daher werden im GGS durchgängig Metaphern verwendet, da diese es eher ermöglichen, göttliche und damit zeitlose Einsichten zu offenbaren. Im GGS sind daher nie bestimmte Menschen angesprochen, sondern jeder Mensch zu jeder Zeit. Heute dominieren genauso wie zu Zeiten Guru Nanaks unter dem Deckmantel der Religion Aberglauben und Rituale, die angeblichen Seelenfrieden schenken sollen. Guru Nanak distanziert sich deutlich von diesen und betont wie der gesamte GGS die Notwendigkeit einer emanzipierten Religiosität, die sich in Gedanken und Taten und nicht in bestimmten Praktiken oder Ritualen zeigt. Es verwundert, dass es Menschen gibt, die den Guru Granth Sahib äußerlich zwar als Guru verehren, aber in ihren religiösen Praktiken, die zum Teil auch noch einträglich vermarktet werden, genau das praktizieren, was darin angeprangert wird. Seelenfrieden und Gottverbundenheit, so der Guru, zeigen sich im Alltag und nicht in einem zeitlich und räumlich begrenzten Rahmen der Wiederholung oder des Rituals. Die Erläuterung des Verses sowie die Querverweise verdeutlichen auch, dass man die oft verwendete Metapher des GGS “naam japnaa” nicht einfach mit “Meditation über Gott” oder “die Wiederholung des göttlichen Namens” übersetzen kann.
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