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Anlässlich des 400-jährigen Jubiläums des Guru Granth Sahib verwandeln junge britische Sikhs mit bewegenden Live-Acts die Royal Albert Hall in einen vibrierenden Raum der Vielfalt.
26.09.2004 - Ich habe vorhin einen Anruf bekommen. Nun bin ich in die berühmte Royal Albert Hall in London eingeladen. Nein nein, nicht Luciano Pavarotti wird dort wie so viele male zuvor auftreten, sondern andere “berühmte und weniger bekannte Leute”. E s soll das 400-jährige Jubiläum der ersten Lesung des Guru Granth Sahib gefeiert werden, erzählt mir Jasvir Singh, Moderator bei Panjab Radio aus London. “Pop in man”, schau mal rein, wie man hier zu einer ungezwungenen Einladung sagt. Ich schaue rein. Zum Glück gibt es noch Tickets, jetzt schnell rein, denn ich bin eh schon spät dran. “Please wait here”, sagt die ganz in Rot gekleidete freundliche Einlassdame zu mir und wird dann ganz ernst. Sicherheitsschecks und dann wieder warten. Worauf, denke ich nur, ist doch nur eine Feier. Just in dem Moment nähert sich der Grund meines verzögerten Einlasses. Eine Traube von Sikhs, darunter der Stadtbekannte Indarjit Singh, Ansprechpartner der BBC zu Sikh-Fragen, begleiten Prinz Charles in die imposante Royale Albert Hall.
Feiern will gelernt sein Eine kleine Feier der britischen Sikhs? Jetzt erst werden mir die Dimensionen des Events deutlich. Was für mich als deutschen Sikh in London ein unerwartetes Spektakel werden wird, sind die hiesigen Sikhs längst gewohnt. Sie lieben es, so erfahre ich bald eindrücklich, viel Geld für professionell organisierte Jubiläums auszugeben. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern sind Sikhs in Großbritannien, unter anderem durch die spezifische Kolonialgeschichte des Königsreiches, zahlreich vertreten. Sie verfügen als Community mit politischen Spürsinn über exzellente Kontakte zu hochrangigen Politikern und Kirchenvertreten. An die 500.000 Sikhs zählt das Land mittlerweile. Sie bekleiden viele bedeutende Positionen, darunter die des Richters am Obersten Gerichtshof. Abstrakt war mir all das klar, dies in konkreter Form zu sehen, überwältigt mich dann doch.
Die Gastrednerliste ließt sich dann auch wie eine Wohltätigkeitsveranstaltung der oberen Klasse: Prinz Charles, Tony Blair per Videoschaltung, eine Grußbotschaft der Queen, der Londoner Bischof, Michael Howard von den Thories, ein Vertreter der Liberalen (Simon Hews), der jetzigen Regierung und des Kultusministeriums, Sikh-Professoren aus New York und Indien sowie zahlreiche lokale und internationale Künstlerinnen und Künstler, darunter viele junge Sikhs. Die Live-Acts der Jugendlichen zwischen den Ansprachen bestechen durch perfekt einstudierte Gesangs- und Trommeleinlagen; auch ein Theaterstück wird aufgeführt.
Fast alle Redner, selbst der vielbeschäftigte und der Zeit oft gescholtene Toni Blair, haben sich Zeit genommen, um die über 3000 Gäste unterschiedlichster Herkunft mit dem traditionellen Sikh-Gruß, der für manch einen ein Zungenbrecher ist, zu begrüßen. Der ein oder andere, darunter natürlich der belesene Prinz Charles, hat sich ein wenig mehr Gedanken gemacht und weiß dementsprechend auch näheres über das Jubiläum selbst zu berichten. Der Tradition gemäß wurde etwa vor 400 Jahren zum ersten Mal im Darbar Sahib in Amritsar aus dem Guru Granth Sahib rezitiert. Das Werk, das in Europa weithin unbekannt geblieben ist, beinhaltet Verse des Begründers der Sikhi, Guru Nanak, die seiner Nachfolger sowie Heiliger Nordindiens wie Namdew, Kabir und Rawidas. Die monotheistische Botschaft des Guru Granth Sahib, die sich an alle Menschen richtet, gibt Inspiration für ein gotterfülltes Leben der Nächstenliebe. Sie betont, so stellt einer der Moderatorinnen des Abends fest, mit Nachdruck die Notwendigkeit der Überwindung unreflektierter religiöser Einstellungen sowie die Beseitigung diskriminierender Haltungen wie Rassismus und Frauenfeindlichkeit.
Der rote Faden des Events? Ein Turban voller Respekt Wie ein roter Turban zieht sich die Botschaft von gegenseitigem Respekt und einem friedvollen und gerechten Miteinander durch die Veranstaltung. Hier ein Theaterstück gegen religiöse Intoleranz, dort eine musikalische Performance mit dem Slogan: “Wir sind alle Kinder Gottes.” Doch wissen alle Anwesenden nur zu gut, wie es tatsächlich in der Welt gerade zugeht. Grund genug für die Veranstalter, unverkennbar klar zu stellen, dass die britischen Sikhs gewillt sind, ihren Beitrag für ein menschliches Miteinander zu leisten.
Durchgängig, wie das bei Veranstaltungen von Minderheiten so ist, würdigen die eingeladenen Politiker deren spezifischen Beitrag für das Land. Aber irgendwie klingt es diesmal ein wenig glaubhaft(er). Ganz im Gegensatz zu sonst, wird nicht die kulinarische Expertise an erster Stelle genannt, sondern der Beitrag für ein familienorientiertes, friedliches Zusammensein. Im Gegensatz zu Frankreich oder Deutschland, versucht man hier staatlicherseits vor allem nach den ausgrenzenden Erfahrungen der 60er, einen politischen Konsens in Minderheitenfragen zu finden. Wo dies nicht möglich ist, bzw. nicht gewünscht wird, gehen Minderheiten wie die Sikhs den juristischen Weg. Aufgrund der ausgefeilten Lobbyarbeit und den guten Kontakten zu politischen Repräsentanten oft mit Erfolg. Die eher ausgewogene Zusammensetzung der Richter tut ihr übriges für allgemein anerkannte Urteile. So wurde das vermeintliche ‘Problem’ religiöser Trachten in Schulen bereits 1983 rechtlich gelöst. Einem Sikh-Jungen wurde in einem Urteil mit Nachdruck erlaubt, in der Schule einen Turban, der eine Selbstverständlichkeit für einen Sikh ist, zu tragen. Das Urteil hatte Signalwirkung nicht nur für Sikhs, sondern half auch vielen jungen Muslimen, mit uneingeschränkter Rechtssicherheit und positivem Selbstwertgefühl in die Schule zu gehen. Seither ist dieses Thema kein Thema mehr. Man fühlt sich als britischer Staatsbürger. Punkt.
Mittlerweile haben Communities wie die Sikhs eigene Schulen mit anerkanntem Curricula. Vorbehalte konservativer Politiker haben sich indes nicht bestätigt, wonach die Schüler religiös beeinflusst werden könnten. Das Gegenteil ist der Fall. Die Schüler nehmen Diversität als etwas Natürliches an und finden einen alltäglichen Umgang damit. Auch Christen und Muslime schicken inzwischen ihre Kinder in solche Schulen. “Die Kinder lernen jeden Tag auf ihre ganz persönliche Weise, dass Leben Vielfalt bedeutet”, so eine Mutter. Es passt in das Bild der Reichhaltigkeit, dass der Londoner Bischof, als auch der Vertreter der Konservativen in ihren Reden am heutigen Abend das Verbot religiöser Trachten für Schüler in Frankreich auf Schärfste kritisieren.
Einheit in der Vielfalt. Aber bitte nicht beim Kricket! Es ist eben diese Stärke der Einheit in der Vielfalt, die diese Feier zu einem einmaligen öffentlichen Ereignis werden lässt. Die Art und Weise, wie hier ein Jubiläum gefeiert wird, verdeutlicht die Fähigkeit des Aushaltenkönnens unterschiedlichster sozialer Kräfte innerhalb demokratischer Rahmenbedingungen. Die Royal Albert Hall vereint in diesem Moment Unterschiede und wird zum Sinnbild für Raum und Repräsentation in einer pluralistischen Gesellschaft, in der Minderheiten Gehör finden.
Das Pendant zum gesellschaftlichen Stellenwert der Veranstaltung bildet der humanistische Leitgedanke, der durch die bewegenden künstlerischen Auftritte in jedem Beitrag mit schwingt: “Who can not see God in all, does not see God at all.” Bei sich selbst anfangen, lautet die einhellige Einsicht der Sprecher.
Bei aller Nächstenliebe und Harmonie stellt einer der Moderatoren am Ende der Veranstaltung dann doch nüchtern und ganz weltlich fest: “Wenn Indien gegen die Briten beim Kricket antritt, dann halten wir selbstverständlich … für die Briten.”
09/2004 | Khushwant Singh Sozialanthropologe und Erziehungswissenschaftler. In seinem Studium hat Singh sich eingehend mit der Sikh-Religion beschäftigt und in Deutschland sowie im indischen Panjab dazu geforscht. Singh ist Vorstandsmitglied im „Rat der Religionen Frankfurt“ und engagiert in der Jugendarbeit. Gemeinsam mit Prof. Michael Nijhawan ist er Produzent des internationalen Dokumentarfilms „Musafer – Sikhi is Travelling.”
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