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Alles Lebendige kommt und geht. Dies ist ein universelles Gesetz der Schöpfung. Aus Sicht der Sikhi ist das begrenzte irdische Leben allerdings nicht auf das körperliche Dasein zu reduzieren. Denn es geht als Mensch im Kern darum, den göttlichen Ursprung in sich selbst und in Allem zu erkennen. Das Göttliche ist zu jeder Zeit allgegenwärtig. Allerdings neigt der Mensch dazu, sich ausschließlich auf die äußeren Sinnesorgane zu verlassen. Im Laufe der Zeit gewinnt dadurch ein materielles und egoistisches Verständnis Oberhand. Der gemeinsame göttliche Ursprung kann kaum noch wahrgenommen werden. Dies gilt auch für den Tod. Er wirkt von einer materiellen Perspektive aus erschreckend. Markiert er doch das vermeintlich endgültige Ende der Existenz. Doch aus ganzheitlicher Sicht ist der Tod immer auch ein Anfang. Wenngleich dieser Anfang letztlich ein Mysterium bleibt. So wie das Leben selbst.
Der Tod erhält das Leben Der Mensch, genauso wie alles, was im Universum existiert, ist Teil eines Kreislaufs. Dabei geht nichts verloren, sondern verändert sich nur. Ein Beispiel: Aus der Erde heraus wächst ein Baum heran. Der Baum wiederum bringt Blätter hervor. Die Blätter fallen irgendwann einmal ab und werden wieder zu Erde. Aus der Erde entsteht wieder neues Leben. Sei es in Form von Pflanzen oder Insekten. Gleiches trifft für den Menschen zu. Zu Lebzeiten ist der Mensch auf andere Art und Weise in den schöpferischen Kreislauf eingebunden als nach dem Tode. Aber dass er eingebunden ist, lässt sich nicht bestreiten. Die Asche eines Menschen führt ebenso zu Neuerung wie ein verwelktes Blatt. Der Tod garantiert somit Fortschritt. Die Schöpfung hat den Tod als universelles Prinzip hervorgebracht, damit das Leben erhalten bleiben kann. Anders würde es die Schönheit und Vielfalt des Universums so nicht geben können. Dieses schöpferische Prinzip wird in der Sikhi als die unendliche Einheit allen Seins bezeichnet. Vereinfacht ausgedrückt ist also alles was existiert, miteinander verwandt.
Umgang mit dem Tod Aufgrund der schöpferischen Notwendigkeit der Erneuerung ist der körperliche Tod gemäß den Einsichten der Sikhi als natürlich und positiv zu akzeptieren (hukam). Es gibt also keinen wirklichen Grund, Angst vor dem Tod zu haben, diesen zu beklagen oder Mächte die nach dem Tode walten, besänftigen zu müssen. Entsprechend haben die Begründer der Sikhi auch keine Todesrituale kreiert oder Regeln vorgegeben, was mit dem Leichnam oder nach der Todeszeremonie passieren sollte. Sie haben sich vielmehr von bestehenden Ritualpraktiken - darunter auch der Witwenverbrennung - losgesagt, die den vermeintlichen Seelenfrieden des Verstorbenen garantieren sollen.
Todeszeremonie Bei einer Todeszeremonie gemäß den Idealen der Begründer - beschrieben im Verhaltenskodex - wird die Leiche eines Sikhs verbrannt und die Asche verstreut. Wenn die Umstände eine Einäscherung nicht erlauben, ist gegen ein alternatives Vorgehen nichts einzuwenden.
Der Leichnam wird zunächst gewaschen und sauber gekleidet. In Indien werden weiße Kleider bevorzugt. Verstorbene Sikhs behalten dabei alle religiösen Merkmale, die sie zu Lebzeiten getragen haben. Nun kommen Angehörige, Freundinnen, Freunde und Kollegen zusammen und rezitieren Verse aus dem Guru Granth Sahib (GGS). Es werden Verse gewählt, die einen direkten Bezug zum Thema Tod haben. Anschließend wird die Leiche verbrannt. Es wird kein Grab angelegt. Dementsprechend gibt es keinen Toten- oder Götzenkult unter Sikhs. Nichts desto trotz wird der Körper wie zu Lebzeiten bis zur Verbrennung voller Respekt behandelt. Die Asche des Verstorbenen wird üblicherweise in einen nahegelegenen Fluss oder in einem Wald verstreut. Es hängt allerdings von den lokalen Gesetzen und Behörden ab, welches Vorgehen gewählt werden kann. Einige Sikh-Familien gehen anschließend in einen Gurdwara und kommen in den nachfolgenden Wochen regelmäßig zum Gebet zusammen.
Im Gegensatz zu der immer noch existierenden Vorstellung in Indien, dass eine Frau sich nicht wieder vermählen sollte, haben die Begründer der Sikhi bereits im 15 Jahrhundert betont, dass sich verwitwete Frauen genauso wie Männer wieder neu binden dürfen.
Die Heirat mit der Schöpferin Traditionell werden bei der Todeszeremonie Verse aus dem Sohila rezitiert. Im Sohila - das heutige Nachtgebet der Sikhs - wird der Tod metaphorisch als Heirat mit der Schöpferin beschrieben. Guru Nanak schreibt: “(Ghar ghar eeho paahuchaa sadharre nit pavan ...) An jedes Haus (Körper) ergeht die Einladung zur Hochzeit. Immerfort wird einer gerufen. Nanak (sagt), gedenke der, die dich ruft. Denn auch für dich kommt dieser Tag” (GGS, S. 12, M. 1).
Es geht hier Guru Nanak aber nicht primär um den körperlichen sondern um den seelischen Tod, der durch die Verkennung des Göttlichen eintritt. Der seelische Tod tritt dort ein, wo göttliche Tugenden und Einheit nicht gelebt werden. Daher ist es einem Sikh geboten, jeden Tag so zu leben, als wäre es der Letzte. Als Sikh geht es darum, sich im Hier und Jetzt mit der Schöpferin zu vermählen und ein “kleiner Gott auf Erden” zu werden. Es ist somit für einen Sikh zweitrangig, was nach dem körperlichen Tod passiert. Denn Spekulationen oder eigens erschaffene konkurrierende Glaubensvorstellungen helfen nicht weiter, das Göttliche zu Lebzeiten zu erkennen. Laut den Begründern weiß nur der Schöpfer selbst, was genau nach dem Tod passieren wird.
Umgang im Krankenhaus Es spircht nichts dagegen, wenn Nicht-Sikhs den leblosen Körper von Sikhs respektvoll berühren. Die Versorgung des Leichnams kann vom Pflegepersonal wie üblich durchgeführt werden. Die fünf K’s von getauften Sikhs sollten nicht entfernt und weder das Haar geschnitten noch der Turban abgenommen werden. Der Körper sollte möglichst gewaschen werden. Gegenüber einer Obduktion mag es persönliche Vorbehalte geben, aus religiöser Sicht gibt es keine Einwände.
Überführung der Leiche Aus religiöser Perspektive kann die Asche einer Leiche überall auf der Welt verstreut werden. Manchmal besteht bei Sikhs allerdings der Wunsch, die Asche nach Indien zu überführen. Um dies reibungslos zu gewährleisten, sollten folgendes bedacht werden: Handelt es sich bei dem verstorbenen um einen indischen Staatsbürger, muss ein Angehöriger bei der deutschen Botschaft vorstellig werden und ein Formular mit den genauen Daten des Verstorbenen ausfüllen. Die Botschaft händigt dann ein Zertifikat für die Urnenübertragung nach Indien aus. Dieses Zertifikat muss die Person mitführen, die mit der Urne nach Indien fliegt. Die Urne wird von den Friedhofsangestellten zumeist einen Tag nach der Einäscherung ausgehändigt. Es ist wichtig, die Urne offiziell versiegeln zu lassen. Dies hat zolltechnische Gründe. Die Urne darf bis zur Ankunft in Indien nicht mehr geöffnet werden.
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