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DIE TAUFE - KHANDE DI PAHUL

Die Sikh-Taufe, khande di pahul, wurde vom zehnten Meister Guru Gobind Singh 1699 in Anandpur Sahib eingeführt. Sie markiert eine bewusste Entscheidung für ein spirituelles Leben, das gleichzeitig von gesellschaftlicher Verantwortung geprägt ist. Die Taufe symbolisiert die Aufnahme in den Khalsa - die religiöse Gemeinschaft der innerlich Reinen. Bisherige soziale Prägungen, Glaubensvorstellungen, Rituale sowie abgrenzende Vorstellungen wie das Denken entlang des ‘Kastensystems’ werden hinter sich gelassen. Durch die Taufe erklären Sikhs öffentlich, dass für sie ein neuer Lebensabschnitt beginnt, der eine innere Offenheit bietet. Die Mitglieder des Khalsa streben nun als Gemeinschaft nach Erkenntnis und sozialer Verbesserung. Ausgedrückt wird die Reinheit und die neue Gemeinschaftlichkeit dadurch, dass alle zu Taufenden aus ein und demselben Gefäß Wasser zu sich nehmen und spätestens jetzt gemeinsame Familiennamen annehmen: Männer heißen tradionsgemäß spätenstens jetzt mit Nachnamen “Singh” und Frauen “Kaur”. Die Zugehörigkeit zum Khalsa und die damit verbundenen Verantwortlichkeiten dienen in besonderer Weise dazu, die alltägliche Lebensgestaltung an den Weisheiten des Guru Granth Sahib (GGS) auszurichten.

Wer wird getauft?
Die Taufe steht jedem Menschen offen. Ein Sikh kann sich taufen lassen, ist aber nicht verpflichtet dazu. Idealerweise können nur mündige Frauen und Männer getauft werden, die sich der Verantwortung dieses Schrittes bewusst sind und aktiv über eine längere Zeit die Lebensweise eines Sikhs geführt haben. Eine religiöse Grundbildung sowie Kenntnisse des
Gurmukhi sind Voraussetzung für die Taufe. Kinder können gemäß dem gemeinschaftlichen Sikh-Kodex nicht getauft werden.

Vorbereitung
Die Taufzeremonie wird an einem ruhigen Ort, zumeist in einem separaten Raum in einem
Gurdwara, durchgeführt. Um eine Taufe zu vollziehen, ist es notwendig, dass sieben getaufte Sikhs zur Verfügung stehen und der GGS gegenwärtig ist. Getaufte Männer und Frauen sind berechtigt, die Zeremonie durchzuführen. Die Taufzeremonie selbst wird von fünf Sikhs durchgeführt, die Panj Piare. Sie repräsentieren die historischen Fünf Geliebten der Gründung des Khalsa. Der sechste Sikh sitzt hinter dem GGS und rezitiert die Abschlussgebete. Ein siebter Sikh stellt sicher, dass die Taufe ungestört vollzogen werden kann. Traditionell dürfen nur die Fünf Geliebten und die Taufkandidaten der Zeremonie beiwohnen. Die Menschen, die sich taufen lassen wollen, müssen vor der Taufe ein Bad genommen haben und bereits die Merkmale eines getauften Sikhs, mitsamt den Fünf K’s tragen.

Unterweisung
Bei der Zeremonie sitzen alle anwesenden Frauen und Männer auf dem Boden. In der Mitte des Raumes befindet sich der GGS. Zunächst werden die Sikhs darin unterwiesen, wie sie als Sikhs ihr Leben idealer Weise gestalten. Die Verinnerlichung spiritueller Weisheiten und Tugenden im Alltag werden betont. Auch wird auf die wichtigsten Gebote hingewiesen: die Bewahrung der Haare, die Meidung von Drogen wie Alkohol und Tabak sowie geschächtetem
Fleisch. Die Täufer stellen zudem die Wichtigkeit partnerschaftlicher Treue heraus. Die Anwesenden werden gefragt, ob sie mit der erklärten Lebensweise einverstanden ist. Wenn notwendig, werden offene Fragen geklärt. Anschließend wird mit dem Hukamnama fortgefahren. Hierfür wird zufällig eine Seite im GGS aufgeschlagen und der erste Vers auf der linken Seite rezitiert. Der Inhalt des Verses dient als spirituelle Inspiration für das bevorstehende Leben.

Wassertaufe
In einer großen Eisenschale wird eine Mischung aus Kristallzucker und Wasser zubereitet. Die Fünf Geliebten positionieren sich um die Eisenschale im Bir Asan, eine Sitzform, bei der das rechte Knie auf dem Boden aufliegt und das Linke erhoben ist. Ihre Hände berühren die Eisenschale, ihr Blick ist auf das Wasser gerichtet. Die Fünf Geliebten rezitieren nun nacheinander fünf memorierte Passagen der Religionsgründer nach einer festgelegten
Reihenfolge. Dabei rührt der oder die Rezitierende einen Khanda, ein doppelschneidiges Schwert, in der Flüssigkeit. Die linke Hand berührt die Eisenschale. Abschließend wird Ardas gesprochen, das Abschlussgebet. Nun erhält jeder Sikh aus der Schale fünf Mal von der zubereiteten Flüssigkeit zu trinken. Die Flüssigkeit wird meistens Amrit - Nektar der Unsterblichkeit - genannt. Die Flüssigkeit wird anschließend in die Augen und in die Haare der Sikhs gesprenkelt. Die Getauften erwiderm die Handlung mit dem Gruß eines Khalsa: Waheguru ji ka Khalsa - Waheguru ji ki fateh! Dies bedeutet übersetzt: “Der Khalsa entstammt dem Schöpfer - Möge der Khalsa glorreich sein”. Im Anschluss wird der erste Vers aus dem GGS von allen Anwesenden laut vorgetragen. Die versammelten Sikhs erhalten nochmals eine detaillierte Unterweisung der Lebensweise eines Khalsa. Dann wird gemeinschaftlich um innere Erkenntnis gebetet und Hukamnama eingeholt. Zuletzt nehmen die Getauften zusammen das für alle gleichsam zubereitete Essen zu sich.

Heutige Taufpraxis aus Sicht der Religionsgründer
Die Taufe ist den Ursprüngen gemäß ein Akt der inneren und äußeren Befreiung. Ein Khalsa sagt sich von sozialen sowie oberflächlichen Glaubensvorstellungen los und lässt sich von Weisheiten leiten, die nach und nach verinnerlicht werden. Dadurch wird innere Erkennnis und die Mehrung von
Tugenden angestrebt.

In der alltäglichen Praxis kann festgestellt werden, dass sich auch die Taufe in verschiedener Hinsicht von ihrem Kern entfernt hat. Auffällig ist, dass Quantität inzwischen mehr Bedeutung zu haben scheint, als Qualität. Viele Gruppen, Prediger und selbst ernannte Gurus (Sant) rühmen sich damit, dass sie viele zehntausende Sikhs getauft hätten. Bekommt man jedoch näher mit, über welchen Charakter zum Teil die Täufer und die Getauften verfügen, kommt das Bild der erfolgreichen Taufen ins Wanken. Was sind die Gründe dafür, dass selbst die Taufe nicht mehr zu dem gewünschten Ziel führt? Ein Hauptgrund liegt in der religiösen Bildung. Oft verfügen Getaufte aber auch Täufer nicht einmal über religiöse Grundkenntnisse. Die Taufe wird dabei auf das äußerliche Erscheinungsbild eines Khalsa sowie ritualisierte Formen der Rezitation reduziert. Ein Grund hierfür ist, dass bereits der üblicherweise verwendete Name für die Taufe Amrit irreführend ist. Er suggeriert, dass man durch das Trinken des gezuckerten Wassers zu Erkennntis gelangt und ein besserer Mensch wird. Amrit bezieht sich laut dem GGS jedoch ausschließlich auf eine innere allmähliche Bewusstwerdung und nicht auf eine Flüssigkeit, die materiell hergestellt werden kann. Der zweite Guru Angad schreibt: “Nanak amrit eek hai doojaa amrit naahi || Nanak amrit manai maahi paaeeai gur parasaad || ...” (GGS, S. 1238, M. 2). Die Taufe wird korrekterweise “khande di pahul” genannt.

Ein weiterer Grund dafür, dass die Taufzeremonie ihren tieferliegenden Sinn verliert, liegt an der Durchführung der Zeremonie. Die Taufe variiert aufgrund mangelnder Bildung, aber auch wegen bestimmten Gruppenzugehörigkeiten. Man findet bspw. bei Gruppen, die sich der Damdami Taksal oder dem Akhand Kirtani Jatha (AKJ) zugehörig fühlen, Abweichungen. Am Beispiel des AKJ zeigt sich, zu welchen Entwicklungen dies führen kann.

Der AKJ gehen historisch auf den Freiheitskämpfer Randhir Singh zurück, der von den britischen Kolonisatoren über viele Jahre in Haft gehalten wurde. Randhir Singh nutze die Zeit im Gefängnis, um so oft wie möglich Verse aus dem GGS zu rezitieren. Aufgrund der widrigen hygienischen Zustände im Gefängnis nahm er nur selbst zubereitete Nahrung zu sich. Laut Eigendarstellung ist das Hauptziel der Gruppen mit der Abkürzung AKJ heute, die Botschaft der Sikh-Gurus durch ununterbrochene Lesungen des GGS, Gesänge (Kirtan) und Taufen zu verbreiten.

Gruppierungen der AKJ sind vor allem stark in England und in Delhi vertreten. Innerhalb der AKJ gibt es zum Teil rivalisierende Fraktionen. In Europa und auch im deutschsprachigem Raum verfügen Gruppen der AKJ durch die Veranstaltung von Gesangszusammenkünften (kirtan smagam), Jugendcamps und Taufzeremonien über einen gewissen Einfluss.

Die AKJ betont vor allem körperliche Elemente, allen voran Nahrungs(vorbereitungs)vorschriften, das Erscheinungsbild eines Khalsa, Gruppengesänge sowie Disziplin im täglichen Ablauf. AKJ Gruppen ‘taufen’ auch Kinder und sogar Neugeborene. Sie bekommen einen “Chula”, eine handvoll Wasser eingeflößt. AKJ Mitglieder werden in der Taufe verpflichtet, gegen zwei Uhr in der Nacht aufzustehen und über den “Namen Gottes zu meditieren”. Die AKJ sprechen von “nam japna”. Dabei wird der Name “Waheguru” nach einer bestimmten Atemtechnik wiederholt. Wenn AKJ Gruppen aus dem GGS singen, findet dies ohne Verserläuterungen statt. Die Gesänge, die bei der “rehan subai” die ganze Nacht andauern, bestehen aus einfachen Melodien. Diese werden von schnellen und  lautstarken Wiederholungen des Wortes “Waheguru” unterbrochen.

Einordnung aus Sicht der Religionsgründer: Positiv fällt bei vielen AKJ auf, dass sie sich mit Hingabe bemühen, Frömmigkeit zu leben. Sie versuchen, sich nicht von einem rein weltlich orientierten Leben verleiten zu lassen. Daher kritisieren die AKJ zurecht selbsernannte Heilige (Sant, Brahmgiani), die vor allem auf materiellen Profit im Namen der Religion aus sind. Junge Frauen empfinden es als positiv, dass AKJ gemäß den Einsichten der Sikhi, die soziale Gleichberechtigung von Mann und Frau betonen. Jugendliche schätzen die religiösen Veranstaltungen, die organisiert werden.

Einige Verhaltensweisen der Gruppe sind jedoch probleamtisch, weil sie nicht im Einklang mit den Weisheiten des GGS stehen. Dabei fallen vor allem ritualisierte Praktiken auf, die teilweise an die Gruppe der Namdhari erinnern. Heutige Anhänger der AKJ erkennen einige zentrale Punkte des gemeinschaftlichen Kodexes der Sikhs nicht an, obwohl Randhir Singh selbst ein Mitglied des Komitee war, das für die Erarbeitung der Sikh Rahit Maryada verantwortlich war.

Taufe und Ernährung: Die Mitglieder sehen nicht ungeschnittene Haare als eines der Fünf K’s an, sondern stattdessen einen Turban. AKJ schreiben daher auch Frauen vor, einen Turban zu tragen. Die Argumentation, dass Haare nicht zu den Fünf K’s zählen, finden zahlreiche Sikhs nachvollziehbar, handelt es sich doch bei den K’s um Merkmale, die freiwillig angelegt werden. Obwohl es zu Zeiten der Gründung der Taufe unter Guru Gobind Singh keine Taufen von unmündigen Kleinkindern gegeben hat, ist dies eine gängige Praxis bei den AKJ. Sie verpflichten die Getauften, nur in Eisenschalen zubereitetes vegetarisches Essen zu verzehren. Einige vom AKJ getaufte Sikhs nehmen ausschließlich nur von Gruppenmitgliedern hergesellte Mahlzeiten zu sich. Hintergrund ist, dass Speisen von anderen Sikhs oder Nicht-Sikhs als ‘unrein’ erachtet werden. Manche gehen soweit, dass sie bereits die Berührung des Tellers durch jemanden, der nicht zu den AKJ gehört, als ‘unrein’ erachten. Dies erinnert an die Berührung eine vermeintlich ‘hochkastigen’ Brahmanen durch einen ‘Niederkastigen’.

Bei den AKJ werden Mitglieder, sie sich besonders strikt an die Vorschriften halten, oft als besonders religiös angesehen. Die AKJ nennen ihren Verhaltenskodex “bibek rahit”. Das Wort “bibek” wird wie auch die Metapher “nam japna” und andere innere Haltungen wörtlich verstanden. “Bibek” im GGS bezieht sich auf eine erwachte Geisteshaltung, die in der Lage ist zu unterschieden, was auf Spiritualität beruht und einem dem Schöpfer näher bringt und was nicht. Bei den AKJ bedeutet es vor allem “allgemeines sowie Wissen über erlaubte und verbotene Nahrung”. Dabei wird davon ausgegangen, dass jeden Nahrung eine direkte Verbindung zur Seele hat. Durch AKJ getaufte Sikhs, die gegen die aufgestellten Nahrungsvorschriften oder die vorgeschriebene Routine verstoßen, werden dazu angehalten, sich wieder taufen zu lassen. Ihr Amrit, eigentlich ein Ausdruck innerer Erkenntnis (GGS, S. 28, M. 3), ist nach diesem Verständnis ‘gebrochen’. Es kommt daher vor, dass sich Mitglieder im Verlaufe ihres Lebens mehrere Male taufen lassen. Beispielsweise müssen sich Anhänger des AKJ wieder taufen lassen, die während eines Krankenhausaufenthaltes nicht in der Lage waren, regelmäßig Verse zu rezitieren oder zeitweise einen der Fünf K’s abgelegt haben. Frauen, die gerade Mütter geworden sind, müssen sich auch wieder taufen lassen.

Die Taufe ist dem Sinn nach kein Akt, den man aus einem der benannten Gründe mehrfach im Leben wiederholen müsste. Im GGS wird an zahlreichen Stellen betont, dass alles auf der Welt gleichermaßen rein bzw. unrein ist und Menschen, die sich auf weltliche Reinheitsvorschriften konzentrieren und andere dazu noch ausgrenzen, unreligiös sind (GGS, S. 472, M. 1; 1289 M. 1). Laut GGS führt die übermäßige Betonung von materiell geprägten Reinheitsvorstellungen zu sozialer Entfremdung. Wiederkehrende ritualisierte Handlungen führen zu innerem Stillstand, der letztlich Egoismus fördert und spirituelle Entwicklung hemmt (GGS, S. 590 M. 1). Im GGS wird an vielen Stellen beispielhaft Bezug zu den Brahmanen genommen, die gemäß dem Kastensystem die höchste Stufe in der Gesellschaft einnehmen. Sie grenzen sich von der restlichen Bevölkerung unter anderem durch ausgefeilte Nahrungs- und Reinheitsvorschriften ab. Gerade dadurch vergrößert sich ihr Ichgefüh laut den Gurus: “Pehilaa suchaa aap hoe suchai baithaa aae || ...” (GGS, S. 473, M. 1). Die Gurus haben in weiser Voraussicht immer wieder auf die Gefahr von Gruppenzwang sowie materiell verstandener Religion hingewiesen:

“Dhaeiaa kapaah santhokh sooth jath gantee sooth vatt ... Mache Mitgefühl zu Deinem Stoff, Zufriedenheit zur Schnurr, Bescheidenheit zum Knoten und Wahrhaftigkeit zur Wendung. Dies ist die wahrhaftig heilige Schnur. Wenn Du über diese verfügst, so lege sie mir an. Sie zerbricht nicht und wird auch nicht schmutzig. Weder verbrennt sie noch kann man sie verlieren. Gepriesen seien diejenigen, die solch eine (unzerstörbare innere) Schnur um ihren Hals (Seele) tragen” (GGS, S. 471, M. 1).

Gesänge: Ein Grund, der allgemein zu religiösen Unstimmigkeiten führt, liegt darin, dass Verse nur gesungen, aber nicht erläutert werden. Die meisten AKJ verstehen, wie andere Sikhs auch, kaum die Inhalte der vorgetragenen Verse. Dabei kommt es vor, dass unwissentlich Verse gesungen werden, die nicht vn den Religionsgründern geschrieben wurden. Beim Gesang werden zudem Verse aus unterschiedlichen Stellen miteinander verbunden und oft nicht zu Ende rezitiert. Dies verstößt einerseits gegen die Tradition, Verse respektvoll, vollständig, verständlich und in korrekter Aussprache vorzutragen. Andererseits wird es unmöglich, den Zusammenhang von vorgetragenen Passagen zu verstehen. Bei der Rezitation in Begleitung von Harmonium und Tabla scheint weniger Ruhe (saihaj) und Reflektion der Tradition gemäß im Mittelpunkt zu stehen, sondern die in Wallung setzende lautstarke und schnelle Wiederholung des Wortes “Waheguru” und damit verbundene heftige Kopfbewegungen. Der GGS betont jedoch, dass der unendliche und unfassbare Schöpfer gar keinen Eingennamen hat und auch nicht durch die Wiederholung eines Wortes oder körperliche Atem- und Konzentrationstechniken erkannt werden kann (GGS, S. 491 M. 3). Der zeitlich begrenzte Rausch des Gesangs in der Gruppe nimmt dabei teilweise Formen an, die von frommen Sikhs als Grenzüberschreitung angesehen werden. Die folgenden Videos von AKJ Gruppengesängen (ungekürzte Version) bzw. Nachahmern dokumentieren solche Besispiele.

Fazit: Vor allem Jugendliche ohne religiöse Grundorientierung fühlen sich in bestimmten Lebensphasendurch durch die vereinfachte Botschaft der AKJ und die Art des Gesangs angezogen. Wie auch in vielen anderen Zusammenhängen wirken gut organisierte Veranstaltungen wie die gemeinschaftlichen Rezitationen attraktiv. Gemeinschaftserlebnisse und Regeln bieten einen Halt im Schutze der Gruppe. Die vorgefundenen Botschaften können allerdings dazu führen, dass sich die Mitglieder nicht eigenständig und gründlich mit Grundfragen des Lebens und den Inhalten des GGS beschäftigen. Ehemalige Anhänger der AKJ berichten von einem zum Teil ausgeprägten Gruppenzwang. Dieser kommt demnach dadurch zustande, dass ein alleiniger und unhinterfragbarer Wahrheitsanspruch aber auch manchmal ein Überlegenheitsgefühl gegenüber anderen Sikhs vorherrscht. Auch wird von einem teilweise ausgeprägten Egoismus (Haumai, Hankaar) unter populären Sängern der Gruppe berichtet, da diese schon in jungen Jahren mit Lob überhäuft oder als angehende Gruppenführer bezeichnet werden.

Gerade die Verhaltensweisen, die abgrenzend wirken, entziehen Sikhi ihren spirituellen und einheitsstiftenden Charakter. Allein die Tatsache der Gründung von Gruppen (Jatha) widerspricht der Idee der Einheit in der Sikhi. Die Ablehnung der freien Speisen (Langar) selbst in den religiösen Stätten ist ein besonders irritierendes Beispiel der Ausgrenzung. Die Tradition der freien Speisen für jeden Besucher und jede Besucherin, die auch deswegen von den Gurus eingeführt wurden, um die Gleichheit der Menschen symbolisch zu betonen, wird untergraben. Vor allem Jugendliche und Erwachsene, die sich nicht näher mit dem GGS und den Sikh-Traditionen auskennen und getaufte Sikhs immer als Vorbilder ansehen, werden durch ein solches Verhalten in die Irre geleitet.

Guru Gobind Singh hat mit Gründung der Gemeinschaft der Reinen eine fromme und offene Lebensweise zelebriert, die Abgrenzungserscheinungen und ein ritualisiertes sowie radikales Religionsverständnis überwindet und unterschiedlichste Gruppen zusammen führt. Es ist eine Ironie, dass sich besonders in seinem Namen Gruppen mit einer sogar unter Sikhs abgrenzenden Lebensweise etabliert haben. Es bleibt zu hoffen, dass sich in Zukunft Sikhs intensiver als bisher von den Weisheiten des GGS leiten lassen und damit auch wieder enger zueinander finden.

 

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