POMMES, BEWEGENDE GESÄNGE UND EIN WUNDERSCHÖNES GEMEINSCHAFTSGEFÜHL - SIKH JUGENDCAMP 2009 | GASTBEITRAG!
Lange haben wir Jugendlichen auf einen Jugendcamp gewartet. Im November war es endlich soweit. Bereits Wochen vor dem Camp steigerte sich die Vorfreude bei uns Camp-Teilnehmerinnen von Tag zu Tag. Doch am Tag vor dem Camp vermischte sich dieses Gefühl der Vorfreude mit ein wenig Unsicherheit und Skepsis. „Ob wirklich alles so laufen wird, wie wir es uns vorstellen?“, fragte ich mich vor dem Schlafengehen am Freitagabend. Im Nachhinein kann ich sagen „Nein! Es war eben nicht so wie ich es mir vorgestellt hatte, sondern es war noch viel besser!“
Am Samstagmorgen als ich in den Gurdwara kam, erfüllte die wunderschöne Stimme von Ravinderpal Singh aus London den Raum. Gebannt hörte ich ihm zu und mit der Zeit füllte sich der Gurdwara mit Kindern und Jugendlichen. Über 40 Kinder und Jugendliche ließen sich vom Gesang hinreißen und es entstand eine wunderbar friedliche und spirituelle Atmosphäre. Es fühlte sich endlich einmal wirklich so an, wie in einer Gemeinschaft und es schien so, als würden die Gurus selbst Teil der Sangat, also der Gemeinde, sein.
Der Guru zu anfassen Nach dem Kirtan begann unsere erste Unterrichtseinheit: wir lernten wichtige Traditionen im Gurdwara kennen. Dabei wurden wir besonders über die Hintergründe der Aufbewahrungstradition des Guru Granth Sahib informiert: „Sukhaasan“, „Chandoaa“, „Paalki“ und „Chaur“. Ein richtig tolles Camp-Gefühl kam vor allem hoch, als meine Freundin beim Sukhaasan den Guru Granth Sahib auf dem Kopf tragen durfte. Das war das erste Mal, dass ich miterleben konnte, wie ein Mädchen dies tut. Diese Geste vermittelte uns, dass niemand Scheu oder gar Angst vor dem Guru Granth Sahib zu haben braucht. Das war Sikhi zum anfassen.
Anschließend wurden die Jugendlichen von den Camp-Leitern Ravinderpal Singh, Jaspal Singh, Kirpal Singh und Sarabjit Singh in vier verschiedenen Gruppen aufgeteilt. Es ging nun darum, spielerisch die Zusammenarbeit im Team kennen zu lernen. Der Spaßfaktor war hierbei besonders hoch und die Atmosphäre war nun sehr ausgelassen. Das erste Spiel bestand daraus, dass eine Zahl vorgegeben wurde und wir diese in unserer Gruppe (aus jeweils ca. 10 Leuten) gemeinsam als lebende Zahl nachbilden sollten. Nach diesen auflockernden Begegnungen gingen wir zum Langar.
Pasta und der Wanderer Guru Nanak Die Mahlzeit bestand zu unserer Überraschung nicht aus der üblichen „Roti und Daal“, sondern aus Pommes und später aus Pasta. Yummi! Die Mütter hatten sich extra dafür am Morgen ins Zeug gelegt. Zum Nachtisch gab es Schokolade. Das Essen steigerte unsere Motivation für die nächsten Einheiten. Nun ging es darum, Guru Nanaks abenteuerlustige und faszinierende Seite während seiner weiten Reisen über Indien hinaus kennen zu lernen. Die Vorstellung eines Guru Nanaks, der die Welt zu Fuß mit einem Wanderstock und der Sammlung seiner Schriften bereiste und die Menschen mit seiner Weisheit inspirierte, war für uns sehr beeindruckend. Vor allem vermittelte es ein vollständigeres Bild des Religionsgründers. Guru Nanak kam uns nun nicht mehr altmodisch und wie ein alter ehrfurchteinflößender Mann vor, sondern eher wie ein freundlicher, weltoffener und moderner Weiser. Während wir uns mit dem abenteuervollen Leben Guru Nanaks beschäftigten, widmete sich die andere Gruppe dem Thema Kunst.
Die schönen Künste Die Kunst-Gruppe stellte unter Leitung von Manpreet Kaur kreativ gestaltete Werke mit Bezug zu Sikhi zusammen. Zwei wunderschöne Bilder aus verschiedenfarbigen Linsen stellten einen Gurdwara dar. Ein weiteres Bild in Lila und Blau bildete einen ausdruckstarken „Ik Onkaar“, das Symbol aus dem Guru Granth Sahib für die Einheit und Unendlichkeit der Schöpfung. Das Modul Selbstverteidigung wurde von Khushwant Singh geleitet. Wir lernten in diesem Kurs viele einfache und praktische Techniken und Einstellungen für den Verteidigungsnotfall. Wie jeder Kurs des Leiters bestand auch dieser nicht nur aus trockenem Stoff, sondern Verband Nützlichkeit mit Spaß. Am Ende gingen wir alle mit einem Bündel hilfreicher Kniffe und einem Magenkrampf vom Lachen aus dem Unterricht.
Als nächstes versammelten sich alle Teilnehmer in der großen Halle, im Divaan. Es herrschte große Vorfreude - denn es sollte in Kürze ein Animationsfilm gezeigt werden: Sundari - The Brave Kaur. Sobald der Film lief, kehrte Stille ein und alle schauten gebannt auf die Leinwand.
Im Verlaufe des Camps wurden insgesamt folgende Einheiten angeboten: Team-buildung; Gurbani Kirtan (Harmonium and Tabla); die Rolle von Vorbildern (zehn Gurus); wie binde ich einen Turban; Fragen & Antworten und Fußball.
Mein geliebter Freund - Meraa Saajanrraa Das Wochenende war schnell verflogen und inzwischen nahte schon das Ende der Veranstaltung. Es folgte das gemeinsame Abendgebet und Kirtan. Wieder sang Ravinderpal Singh mit uns den Themen-Shabad „Saajanrraa meraa saajanrraa – Geliebter, mein geliebter Freund, der immer ganz nah bei mir ist (Guru Granth Sahib, Seite 924)“. Nach der Rezitation wurde uns der Inhalt der Verse auf Panjabi und auf Deutsch anschaulich erklärt. Ein Projektor zeigte bei allen Rezitationen die Verse. So war es auch am Sonntag im Divaan einfach für die über 400 Besucher und Besucherinnen, mitzusingen und die Bedeutung nachzuvollziehen. Alle Kinder sangen lauthals mit und wir Älteren versuchten mit den Kleinen mitzuhalten. Ich schloss meine Augen und versuchte förmlich jeden einzelnen Moment in mir aufzusaugen. Mich überfiel ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit. „Wenn mein Leben bloß jeden Tag so schön wäre wie heute“, dachte ich mir in diesem Moment.
Vorbilder ohne Schein/Heiligkeit Rückblickend betrachte ich immer mal wieder genau den ersten Tag. Es war einfach ein perfekter Tag mit der richtigen Mischung aus Sangat, Wissen über Sikhi, Spaß und gutem Essen. Beeindruckend war für uns, das die Leiter und Leiterinnen nicht als Besserwisser oder besonders ‚heilig’ herüber kamen. Sie gaben uns das Gefühl, als seien sie welche von uns. Sie inspirierten uns, denn es gelang ihnen zu zeigen, dass sie unsere Herausforderungen im Leben sehr gut verstehen. Und das ganz ohne die Moralkeule zu schwingen. Die Leiter haben viel Wert darauf gelegt uns zu zeigen, wie man trotz aller Probleme im Alltag Sikhi nutzen kann. All dies beeindruckte auch die Verantwortlichen im Gurdwara, darunter auch Hira Singh, Anoop Singh, Manjit Singh, Narinder Singh, Gurcharan Singh und Ranvir Singh.
O-Töne: „Ich dachte, die beten nur!“ Die Tatsache, dass das Camp nicht nur von mir sondern auch noch von vielen Anderen sehr positiv gesehen wurde, zeigen folgende Reaktionen:
Parvinder Singh, ein Vater eines jungen Teilnehmers, ließ erkennen, dass er und seine Familie zutiefst beeindruckt waren von den Inhalten des Camps sowie vom wundervollen Kirtan.
Für Manvir Kaur und ihre Geschwister war das Camp eine Premiere. Zum ersten Mal sei ihr Interesse für Sikhi geweckt worden. Besonders gut fand Manvir, dass die Camp-Leiter am Sonntag im Divaan öffentlich ihre eigenen persönlichen Erfahrungen mit der Gemeinde teilten und die Eltern der Teilnehmer dazu inspirierten, sich weiterzuentwickeln und mehr zu öffnen, damit die Jugendlichen in ihrer Entwicklung nicht behindert, sondern gefördert werden.
Gurtrischna Kaur hob hervor, dass sie das Jugendcamp sehr abwechslungsreich und lebensfroh fand. Sie empfand genauso wie Gurpreet Kaur, dass das Camp für die unterschiedlichsten Typen geeignet war: „Sogar mein kleiner Bruder wollte jede Minute dabei sein obwohl er sich sonst nicht so für Religion und Sikhi interessiert. Er findet den Gurdwara langweilig und versteht nichts.“
Genau das sah auch Jasmin so: „Ich war noch nie in einem Camp, weil ich immer dachte, dass man die ganze Zeit nur beten muss. Ich habe es mir langweilig und streng vorgestellt. Aber bei diesem Camp wollte ich unbedingt dabei sein, weil der Unterricht an Sonntagen, den einer der Camp-Leiter im Gurdwara Frankfurt hält, schon so viel Spaß macht. Über dieses Camp kann ich nur sagen, dass es mir wirklich gefallen und geholfen hat. Bei der separaten Mädchenrunde mit Brinder, Dilneet und Manpreet Kaur war es für mich interessant zu hören, wie die Sikh-Religion ihr Leben positiv verändert hat.“
Ajitpal Singh, gerade einmal zehn Jahre alt, stellte fest: „Zum ersten Mal habe ich beigebracht bekommen, dass ich keine Angst haben muss vor Gott und vor dem Guru Granth Sahib Ji. Jetzt fühlte ich mich sehr wohl, wenn ich beim Guru Granth Sahib sitze. Ich habe gelernt, dass Gott mein Freund ist und nicht bestraft.“
Bamanpreet meinte: „Ich fand den Sonntag sehr gut gelungen. Ravinderpal: Wow was für eine Stimme. Was für einen schönen Shabad er und die anderen den Kindern in einem Tag beigebracht haben. Sehr lobenswert. Schön fand ich auch die Übersetzungen mit dem Projektor. Die Technik war am Anfang etwas chaotisch, später aber passend und gut. Meine Eltern, besonders meine Mutter, fand das sehr schön.“
Gurpreet Kaur fasste unser Stimmung nach dem Abschluss schön zusammen: „Ich möchte allen herzlich danken, auch denen, die aus London und anderen Städten gekommen sind und uns unterstützt haben. Danke auch an den Organisator Khushwant Singh. Es war bis jetzt das Beste Jugendcamp an dem ich teilgenommen habe. Wir hoffen, dass so schnell wie möglich wieder eines statt finden wird. Und dann hoffentlich für mehr als ein Wochenende!“
03/2010 | Rajbir Kaur ist Schülerin und besucht die Oberstufe.
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