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Ein Attentat in Wien, Proteste in Indien, und die Frage was 25 Jahre nach “1984” die Sikh Diaspora umtreibt
Als am 24. Mai 2009 Sant Ramanand, ein geistlicher Führer der religiösen Bewegung der Ravidasis aus Indien bei einer Schießerei in Wien ermordet wurde, führte dies zu heftigen medialen Reaktionen – nicht nur in der österreichischen Presse. Vielfach war von “Problem-Gurus” die Rede. Immigrationsgegner sahen sich in ihren Annahmen über gewaltbereite Migranten und nicht-christliche Religionen bestätigt und forderten sogleich schärfere Gesetze.
Gleichzeitig hatte der Vorfall globale Resonanz in Indien und der indischen Diaspora; insbesondere bei den Sikhs. Es stand die Vermutung nahe, radikalisierte Kräfte der Sikhs stünden hinter dem Anschlag, um den Ravidasi eine Lektion zu erteilen. Als die Neuigkeiten aus Wien in Indien bekannt wurden, kam es von Seiten der Ravidasis zu Protestkundgebungen gegen Sikhs, die in kurzzeitigen Straßenschlachten mit der indischen Polizei in der Provinz Panjab endeten. Gemeinsam ist den Ravidasis und den Sikhs, dass sie den im 15. Jahrhundert lebenden Ravidas als Heiligen ansehen. Die heilige Schrift der Sikhs, der Guru Granth Sahib, enthält Verse von Ravidas. Dies ist ein Grund, weswegen Ravidasis immer wieder auf die heilige Schrift der Sikhs zugreifen. Allerdings lehnen Sikhs traditioneller Weise die Verehrung lebender Gurus ab. Die Ravidasis hingegen sahen in Sant Ramanand einen geistlichen Führer und zollten diesem den Respekt, der bei Sikhs nur der heiligen Schrift vorbehalten ist.
Auf internationalen Sikh Internetforen herrschte nach dem Mord sogleich Hochbetrieb. Die Tat wurde einhellig scharf kritisiert. Bei den Diskussionen ging es in allererster Linie um das negative Schlaglicht, das der Vorfall auf Sikhs im Allgemeinen warf, da westliche Medien umgehend von einer “Sikh Fehde” oder einem “Gemetzel im Sikh Tempel” sprachen. Dabei handelte es sich beim Tatort in Wien entgegen Medienberichten um die religiöse Stätte der Ravidasis und nicht um eine Stätte (Gurdwara) der Sikhs.
Die wesentlichen Fragen zu den Tatmotiven des Wiener Attentats, bei dem es auch mehrere Schwerverletzte gab, sind bislang nicht genau geklärt. War der Anschlag eine spontane Aktion einiger Individuen, steht ein religiös motiviertes Motiv bestimmter Sikh Gruppierungen dahinter, handelt es sich um einen internen Streit innerhalb der Ravidasi-Bewegung, oder geht es hier sogar um Auswirkungen des Wahlkampfs in Indien, wo Vertreter beider Gruppierungen um politische Einflussnahme ringen? Solange wir nichts Genaueres wissen, ist das reine Spekulation. Es ist jedoch davon auszugehen, dass religiöse Streitpunkte um die Guru-Autorität eine wesentliche Rolle spielten. Denn bereits im Vorfeld gab es nicht nur in Wien sondern auch in anderen europäischen Städten wie etwa in Paris Dispute zwischen Sikhs und Ravidasis.
Ein anderer Zugang zu den Ereignissen drängt sich aber auf, wenn man bedenkt, dass die Schießerei fast zeitgleich zu den 25-jährigen Gedenkfeiern an “1984” und die Toten der “Operation Bluestar” (Juni 1984) und den “Delhi Riots” (November 1984) stattfanden. Diese zwei Daten sind besonders bei Sikhs in der Diaspora identitätsstiftend und von nachträglicher Wirkung auf die interne politische Organisation vieler Diaspora Gemeinden. Der Wiener Vorfall und 1984 liegen natürlich weit auseinander und haben streng genommen nichts miteinander zu tun. Dennoch stellt sich die Frage eines Zusammenhangs der Konfliktursachen, denn auch im Vorfeld von 1984 gab es Spannungen zwischen orthodoxen Sikhs und einer als Abspaltung gesehenen Gruppe (Nirankaris), die provokativ religiöse Autoritätsansprüche der Sikhs in Frage stellte. Darauf reagierte ein radikaler Flügel, Zentrum der späteren Separatistenbewegung, mit Gewalt. Es waren damals Gerüchte im Umlauf, dass die indische Regierung diese Provokation steuerte und zumindest indirekt zur Eskalation beitrug. Auch heute deutet sich eine Verzahnung politischer Interessen und Religionsinterner Konflikte an.
Damals, 1984, starben Tausende Zivilisten, nachdem das indische Militär den Darbar Sahib (im Volksmund: Goldener Tempel), dem wichtigsten Versammlungsort der Sikhs, erstürmte und dabei nicht nur bewaffnete Militante sondern eine große Anzahl von Zivilisten tötete. Ende Oktober desselben Jahres wurde die indische Premierministerin Indira Gandhi von ihren zwei Sikh Leibwächtern ermordet. Es schlossen sich politisch organisierte Ausschreitungen gegen Sikhs in Delhi an, bei denen mehrere Tausend unschuldige Menschen auf brutalste Weise umkamen – ein Ereignis, das die indische Hauptstadt lange traumatisiert hat. Es folgte eine Zeit gewalttätiger Auseinandersetzungen und gezielter Attentate, gefolgt von repressiver staatlicher Gegengewalt, die sich über Zeit generalisiert gegen Sikhs richtete. Dies führte zu einer massiven Emigrationsbewegung ins europäische Ausland und nach Nordamerika. Der Nachhall der damaligen Ereignisse ist in der Sikh Diaspora vor allem in der ersten Auswanderergeneration zu spüren. Es ist gut möglich, dass die gestiegene Akzeptanz der Ravidasis in Indien als auch im Ausland, einhergehend mit zunehmenden finanziellen und politischen Ressourcen, einen neuen politischen und symbolischen Machtkampf mit sich bringt.
Religion und Differenz – Ambivalenz der Moderne Man kann wohl sagen, dass Sikhs im Rahmen der westlichen Moderne einen äußerst ambivalenten Raum einnehmen. Einerseits werden Sikhs, vor allem in Kanada, den USA, oder England, gerne als der Integration zugewandte, offene, und von Erfolg gekrönte “model minority” betrachtet. Andererseits stehen zentrale Merkmale der Sikhs wie der Turban oder Kirpan (kleiner Dolch) immer wieder im Zentrum von sozialen und rechtlichen Disputen. Legendär sind die Debatten um Helmpflicht für Turban-tragende Motorradfahrer und Bauarbeiter in England, oder wie kürzlich in Frankreich die öffentlichen Proteste gegen das neue “Anti-Diskriminierungsgesetz”, das neben dem Kopftuchverbot an Schulen auch den Turban der Sikhs betrifft.
Im Alltag sind gerade Sikh Männer immer wieder Anfeindungen, Beleidigungen und rassistischen Übergriffen ausgesetzt; vor allem seit den Anschlägen auf New York und London. Gestützt von einem medienwirksamen Bild des Turban tragenden, bärtig-religiösen Fundamentalisten – personifiziert durch Osama bin Laden –, gerieten männliche Sikhs zunehmend ins Visier unwissender Mitbürger und schlecht unterrichteter Medien. Sikh Organisationen reagieren darauf, indem sie sich klar von terroristischen und fundamentalistischen Anschauungen distanzieren. Sie stellen sich als eigenständige und friedliebende Weltreligion dar, die von den zwei größten indischen Religionen Hinduismus und Islam getrennt zu sehen ist, trotz historischer Beziehungen zu Strömungen beider Religionen in der noch jungen Entstehungsgeschichte der Sikhs. Man verweist auch verstärkt auf das Opfer von Sikh Soldaten, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg auf Seiten der Alliierten ihr Leben ließen. Sikhs betonen dabei, dass sie bereits seit dem 19. Jahrhundert loyal ihre Integrationsfähigkeit unter Beweis gestellt und ein akzeptierter Bestandteil westlicher Nationen waren trotz ihrer spezifischen Lebensweise.
Die Ironie ist, dass dieser Mythos heute internalisiert und als Integrationsfaktor angeführt wird, nach dem Motto: je größer das Opfer und Heldentat für die Nation, desto stärker der Anspruch auf Anerkennung und Rechte. Alles wird derzeit an einem für den Multikulturalismus typischen Anerkennungs-Diskurs festgemacht, bei dem es darum geht im Konzert der Integrationskommissionen und Religionsräte ein Scheibchen Mitsprache zu bekommen. Viele der etablierten Sikhs der ersten Generation setzen dabei, teils aus Unsicherheit und Unwissenheit, auf die äußeren Merkmale, bei gleichzeitiger Vernachlässigung der eigentlichen Inhalte der Sikh-Religion, die in ihrem Kern geprägt ist von Meinungsfreiheit, Geschlechtergleichheit, Aufgeklärtheit, interner Demokratie, Freiheit vor religiöser Indokrination und Offenheit – allesamt Werte, die heute im Westen als modern bezeichnet werden. Es verwundert nicht, dass dadurch eine zunehmende Entfremdung bei der zweiten und dritten Generation stattfindet. Ereignisse wie die in Wien werden diese weiter fördern.
Nicht jeder Sikh trägt die fünf Merkmale der Khalsa Bruder- und Schwesternschaft, bei denen das ungeschorene, vom Turban gehaltene Haar wohl das Sichtbarste bei Männern ist. Und nicht jeder akzeptiert die Einstellung vom kampfbereiten und auf Differenz bedachten Sikh, die in einem spezifischen historischen Kontext der Unterdrückung durch die damaligen Machthaber entstanden ist. In Kanada beispielweise herrscht eine lebhafte Diskussion darüber, warum sich vermehrt junge Sikh Männer die Haare und Bärte schneiden lassen. Gerade bei religiösen Familien führt dies zu großen Konflikten. Die Gründe hierfür sind vielseitig und liegen unter anderem in sozialen Benachteilungen von Turbanträgern, selbst in einem multikulturellen Land wie Kanada. Manchmal zeigt sich darin aber auch eine Abwendung der jungen Generation von den Traditionen und Anliegen der oft patriarchalisch geprägten Vätergeneration. Dazu kommt die Zuwanderung von Arbeitsmigranten, die an den religiösen Inhalten nur marginal interessiert sind. Sie strömen in großer Anzahl in die Gurdwara vor allem zwecks sozialer Netzwerke und treffen dort dann auf politisierte Sikhs, die nur ungern ihre materielle und symbolische Vormachtstellung aufgeben wollen.
Ein Latenter Kastenkonflikt? Inwiefern spielt aber das Thema Kaste in Wien eine Rolle? Wohl ohne Frage ein Lieblingsthema der westlichen Berichterstattung zu Indien. Das ist eine schwierige Frage, denn Fakt ist, dass sich unter den neu Zugewanderten in Deutschland, Österreich, Italien, Spanien und anderen europäischen Ländern, auch Mitglieder von sozial marginalisierten, niedrigkastigen Bevölkerungsschichten aus dem Panjab befinden. Diese haben teilweise sehr lose Assoziationen zur Sikh-Religion und bevorzugen eher sykretistische religiöse Praktiken, die vom etablierten Sikh Moralkodex abweichen. Streit um diese Differenzen hat mitunter zu Abspaltungen und Re-Gruppierungen um neu errichtete Gebetshäuser geführt. Hier liegt potentieller Zündstoff. Aber spielt die Kastenzugehörigkeit die entscheidende Rolle?
Die Popularität des Dera Sachkand in Ballan im Panjab, Zentrum der Ravidasis, erklärt sich tatsächlich aus der fortwährenden Benachteiligung niedrigkastiger oder kastenloser Bevölkerungsschichten, die in religiösen Bewegungen einen Weg sehen, soziale Anerkennung und politische Einflussnahme zu erreichen. Ravidasis haben eine Geschichte. Sie bilden eine religiöse Bewegung, die sich vorwiegend aus Dalits (ehemals als “Unberührbare” oder “Chamar” bezeichnet) zusammensetzt, die in Ravidas einen Guru sehen. Sikhs dagegen sehen in Ravidas einen Heiligen, aber keinen Guru. Dieser Titel bleibt den zehn historischen Gurus der Sikhs beginnend mit Guru Nanak und der Schrift des Guru Granth Sahib vorbehalten. Bei der Trauerfeier zu Ehren Sant Ramanads verzichteten die Ravidasi auf die übliche Präsenz des Guru Granth Sahib. Die Sikhs sollten in keinem Falle durch die Feier provoziert werden.
Ravidas prangerte in seinen Versen ebenso wie der Begründer der Sikhi Guru Nanak und seine Nachfolger gezielt die sozialen Ungleichheiten und Ausgrenzungen in der damaligen indischen Gesellschaft an und trat für eine kastenlose Gesellschaft ein. Dalits haben sich vor und nach der Unabhängigkeit Indiens 1947 aus Emanzipationsbestrebungen heraus immer wieder solchen Bewegungen angeschlossen. Der Übertritt zahlreicher Dalits zum Buddhismus unter B.R. Ambedkar (1891-1956) vor der indischen Unabhängigkeit 1947 ist das bekannteste historische Beispiel. Die Ravidasi-Bewegung ist im Panjab vor allem bei den ärmeren Schichten verankert und organisiert sich in der Regel um charismatische Persönlichkeiten herum; das heißt lebende Gurus, die ihre jeweiligen Nachfolger selbst benennen. So auch im Falle der beiden Vertreter des Dera Sachkand Ballan, die in Wien attackiert wurden.
Ravidasis sind von Sikhs prinzipiell anerkannt und auch spielt die Kastenzugehörigkeit zumindest bei den Religionsgründern der Sikhs keine Rolle. Die Inhalte und überlieferten Originalschriften sind da ganz und gar eindeutig: einer Kastendifferenzierung im Sinne hierarchischer Ausgrenzung wird eine klare Absage erteilt. Jedem Einzelnen, ganz gleich welcher Ethnie oder Religionsgemeinschaft angehörend, steht Sikhi als Prinzip ethischen Handelns und normativer Orientierung offen. So hat sich historisch die Sikh-Religion zweifelsohne den Armen und sozial niedrigen Schichten geöffnet, den “Unberührbaren”, die sich heute Dalits nennen inklusive.
Dennoch gibt es in der Praxis ein Kastenbewusstsein, über das man nicht hinweg sehen kann. Es zeigt sich vor allem in Form eingeübter, normalisierter sozialer Praxis, wie etwa bei Heirats- oder Bestattungsritualen. Gerade in ländlichen Regionen spielt Landbesitz und Kastenzugehörigkeit eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Man muss auch sehen, dass viele Gurdwara im Ausland, wenn nicht gar offen so doch implizit nach Gruppenzugehörigkeiten organisiert sind, in die Kastendifferenzierungen einwirken. Gleichzeitig gibt es in Sikh Foren vermehrt offene Kritik an diesen hergebrachten Praktiken, die im offenen Kontrast zu den eigentlichen Einsichten der Sikh Gurus stehen.
Es lässt sich aus all dem jedoch kein „Kastenkrieg“ rekonstruieren. Der Hauptstreitpunkt dreht sich tatsächlich um die Frage des religiösen und politischen Autoritätsanspruchs, wenn man berücksichtigt, dass politische Mandatsträger im Panjab wie etwa der Vorsitzende der Partei Akali Dal Badal massiv in religiöse Organisationen hinein wirken, um Wählerpotential zu bündeln und mitunter auch, um Unruhe innerhalb der Sikh-Gemeinde zu stiften. So auch geschehen im Vorfeld der Ereignisse von 1984, wo es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen der Bhindrawale Gruppe kam und den Nirankaris, die autorisierte Praktiken der Sikhs provokativ ignorierte. Auch damals wurde über politische Inszenierungen und Einflussnahme gemunkelt.
Es ist wohl kein Zufall, dass heute, 25 Jahre nach 1984, die Infragestellung der alleinigen Autorität des Guru Granth Sahib durch die Ravidasis wieder zur Unruhe führt. Der Guru Granth Sahib, ein ca. 1500-seitiges religiös-dichterisches Werk, gilt den Sikhs als alleiniger und ewiger Guru. Auf Internetforen kritisieren Sikhs massiv, dass sich die Ravidasi Führer zuerst die Füße küssen lassen, bevor ihre Anhänger dem Guru Granth Sahib Ehrerweisung gebieten. Entsprechende Videos auf Youtube kursieren inzwischen durch das Internet. Ob diese Praktik letztlich der Anstoß der Wiener Auseinandersetzung war, lässt sich nicht genau sagen. Aber aus einschlägigen Sikh Kreisen ist zu hören, dass es in den letzten Jahren bereits Auseinandersetzungen über diesen Punkt nicht nur in Wien gab. Die Aggressivität steigt wohl auch in dem Maße, da Differenzen zwischen Sikhs und Ravidasis, oder auch anderen der Sikh-Religion nahe stehenden religiösen Gruppierungen, oft nicht klar erkennbar sind. Es werden meist dieselben Merkmale benutzt und die Ritualpraxis ist ohne Insiderkenntnis täuschend ähnlich, obgleich sich Ravidasis nicht als Sikhs bezeichnen.
Aber auch das genügt wohl nicht als alleinige Erklärung. Vielleicht kommt die komplexe Gemengelage von diesen sonst friedlich geführten Debatten um religiöse Praktiken, den vielfältigen Stressfaktoren der teilweise misslungenen Integration und möglicherweise auch der unverarbeiteten Gewalt der jüngsten Vergangenheit hinzu, die solche Ereignisse ermöglicht. Sikhs, Ravidasis, und andere religiöse Gruppierungen in der Diaspora sehen sich jedenfalls vermehrt in einem Spannungsfeld von sozialen, politischen und religiösen Herausforderungen, die längst den Rahmen des Nationalstaats gesprengt haben. Es geht hier um die Dynamik globaler Religion und deren sozialer und politischer Reorganisation. Und es geht nach wie vor um die spezifischen Bedingungen der Migration und Integration in Europa, bei denen – von England einmal abgesehen – viele Sikhs rechtlich und sozial ausgeschlossen bleiben. Auch das kann die Frustration und das Gewaltpotential erhöhen.
Es ist bleibt zu hoffen, dass der Wiener Vorfall ein Einzelfall bleibt. Wie auch immer der Disput fortgesetzt wird, klar ist, dass viele Sikh Diaspora Gemeinden derzeit vor einem Scheideweg stehen. Mit der bisherigen Identitätspolitik kann es so nicht weitergehen. Und die weitgreifende Marginalisierung und teilweise Stigmatisierung fordert neue Strategien auf Seiten der Gemeinden, bei denen die Mitwirkung und verändernde Gestaltung der jungen und gebildeten Generation unumgänglicher Bestandteil werden muss. Die immer wiederkehrenden internen Streitigkeiten um Macht und Finanzhoheit in den Gurdwara – die teilweise durch Polizeieinsätze und Gerichtsverfahren beendet werden müssen – zeigen, dass sich die verantwortliche erste Generation tragischerweise nur noch um sich selbst dreht. Sie hat es nicht geschafft, sich religiös und gesellschaftlich zu bilden, um die Gemeinden angemessen entwickeln zu können. Es reicht längst nicht mehr aus, die Namen der zehn historischen Gurus und oral überlieferte Mythologien zu lehren. Oder politisch aufgeladene Vorträge zu halten, die realitätsfremd Opferbereitschaft und Heldentum einfordern – ganz so, als ob Sikhs in Europa oder in Nordamerika systematisch verfolgt werden würden.
Die zweite Generation fordert zusehends eine am heutigen Alltag ausgerichtete religiöse Orientierung und neue Möglichkeiten der aktiven Partizipation in den Gurdwara und in der Mehrheitsgesellschaft. Hier sind auch die Städte und Migrationsbehörden gefordert, sich kulturell weiterzubilden und mehr Opportunitäten für die nachfolgenden Generationen zu schaffen. Ansonsten werden Sikhs auch in Zukunft ins Visier negativer Medienschlagzeilen geraten und genauso scheitern, wie die erste Generation.
03.07.2009 | Dr. Michael Nijhawan ist ausgebildeter Ethnologe und Professor für Soziologie an der York University in Toronto. Der Süd-Asien Experte beschäftigt sich vor allem mit Fragen der Identitätspolitik, Religion und Migration. Er ist ein ausgewiesener Kenner der Sikh-Religion und hat langjährige Forschungsarbeiten im indischen Panjab sowie über die indische Diaspora in Deutschland durchgeführt. Sein Buch “Dhadi Darbar - Religion, Violence and the Performance of Sikh History” ist bei Oxford University Press erschienen. Der Film Musafer - Sikhi is Travelling, den Dr. Nijhawan gemeinsam mit Khushwant Singh gedreht hat, ist sein erster Dokumentarfilm.
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