Sikhi für Kinder!
Diskussionsforum!
Sikhi Blog!
www.panjabradio.co.uk | PanjabRadio London | Sky Digital Channel 880 (UK &  Europe),  D.A.B.  Radio  (Greater  London and West Yorkshire), Satellite Thaicom.3  (Africa,  Australia,  UAE, Asia) DD DTH and Dish TV (India)
Kirtan live, Darbar Sahib in Amritsar. Die live Übertragung ist nicht immer verfügbar!
Nachrichten | News in Panjabi
Übersetzung | Translation Panjabi - English
Hukamnama  online | Guru Granth Sahib
Zurück | Back

“SIKHI IST JA WIRKLICH COOL!” – WIE EIN RELIGIONSUNTERRICHT WEISHEIT, SCHÖNHEIT UND NATURWISSENSCHAFTEN VERBINDET | GASTBEITRAG!

Religionsunterricht. Die Schüler basteln Papierflieger, andere schreiben heimlich SMS um die Zeit tot zu schlagen. Der Lehrer ist in Hochform. Er verwandelt gerade mal wieder ein eigentlich spannendes Thema in gähnende Langeweile. Es gilt mal wieder Regeln, Jahreszahlen von geschichtlichen Ereignissen und die Lebensdaten von längst verstorbenen Personen auswendig zu lernen. Muss das sein? Kann Religionsunterricht denn nicht einmal ohne Moralpredigten auskommen, Spaß machen und gleichzeitig inspirieren?

Es geht auch anders. Ganz anders. Denn es gibt ihn, den Unterricht, der Jugendliche aus den unterschiedlichsten Altersklassen und Hintergründen sagen lässt: “Das ist ja wirklich cool.” Und vielleicht ist er mit seiner Offenheit, Lebensbezogenheit, dem hohen Spaßfaktor und der Tatsache, dass er religiöse, gesellschaftliche und naturwissenschaftliche Themen verbindet, einzigartig. Dieser besagte Unterricht findet im Gurdwara in Frankfurt statt. Das ist die religiöse Schulstätte der Sikhs. Der Inhalt der Klasse: Alles Rund um das Thema Sikhi und doch viel mehr.

Ich bin seit der ersten Stunde vor fast einem Jahr mit dabei im Unterricht. Neben mir nehmen viele andere in Deutschland aufgewachsene Jugendliche daran teil. Der Unterricht wurde von unserem Lehrer mit der Intention auf den Weg gebracht, vor allem uns Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, gemeinsam zu lernen und sich auszutauschen. Die Unterrichtssprache ist vor allem Deutsch, aber es wird auch parallel auf Panjabi erklärt. Im Unterricht geht es vor allem darum, die Sikh-Religion anhand des Guru Granth Sahib (GGS) zu verstehen und wie man als Jugendliche in Deutschland dessen Weisheit im Alltag anwenden kann. Im Unterricht werden wichtige Dinge an der Tafel oder mit einem Laptop visualisiert. Zudem schauen wir uns passende Bilder oder Videos an, die uns auf unterhaltsame Weise an das Thema heranführen. Wir sitzen meistens in einem Kreis zusammen, da dies den Austausch untereinander fördert.

Von Schönheit, Diskriminierung und Naturwissenschaften
In der ersten Stunde haben wir Zettel bekommen und konnten aufschreiben, welche Themen uns interessieren und welche Grundfragen wir im Leben haben. Es wurden die unterschiedlichsten Themen benannt, unter anderem “Diskriminierung im Alltag wegen der Kopfbedeckung”, “das Leben der Gurus”, “Rehat Maryada” und “Liebe”. Seit dem behandeln wir immer ein bestimmtes Thema für einige Unterrichtseinheiten. Begonnen haben wir mit dem Thema  “jaat paat”, also dem Kastensystem in Indien. Wir haben über dessen Ursprünge gesprochen und welchen gesellschaftlichen Einfluss solche Vorstellungen auf unser Leben bis heute haben. Dann haben wir uns über “Schönheit” ausgetauscht. Hier haben wir gelernt, dass es in der Sikhi darum geht, eine Balance zwischen inneren Werten und dem Äußeren zu finden. Wichtig ist aus Sicht der Sikhi beides, nämlich eine tugendhafte Haltung zu entwickeln und gleichzeitig schön auszusehen. Die Unterrichtseinheit hat mich als junge Frau dazu bewogen, mich bewusster mit meiner inneren Entwicklung und alles was zu einem schönen Äußeren gehört, wie etwa Schminken, zu beschäftigen. Die Einsichten über Schönheit haben wir wie immer aus dem GGS abgeleitet. Und zwar aus dem Vers: “Baaharhu nirmal jiehu tha maile tinee janam juuai haareaa” (GGS, S. 919, M. 3). Dort beschreibt der dritte Guru Amar Das, dass diejenigen, die sich nach außen hin schön geben, aber innerlich leer und ohne Tugenden sind, ihr kostbares Leben verspielen. Später lobpreist der dritte Guru diejenigen als wahrhaftig religiös, die von Innen und von Außen schön sind. Ihre Schönheit kommt durch ihre Liebe für die Schöpfung zum Vorschein.

Durch das Besprechen solcher Themen wie Schönheit, die zunächst nichts mit Religion zu tun zu haben scheinen, haben wir dennoch viel über Sikhi und ihre Grundgedanken erfahren. So habe ich für mich verstanden, dass entgegen dem, was man sonst oft hört, es als religiöser Mensch nicht darum geht, vornehmlich nach “strengen” althergebrachten und unhinterfragbaren Regeln zu leben. Sondern es geht der Religion darum, ein gottbewusstes und ganzheitliches Leben zu führen, dass den jeweiligen Lebensumständen gerecht wird. Wir diskutieren aber nicht nur über ein einzelnes Thema, sondern schlagen den Bogen zu anderen Aspekten des Lebens, die damit direkt oder indirekt verbunden sind. Über das Thema Schönheit sind wir zu Fragen über Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein gekommen. Jetzt sind wir bei dem Thema Guru Nanak, dem Begründer der Sikhi, angelangt und erarbeiten, was er in seinem Leben geleistet hat.

Gefühle statt Fakten
Es geht in dem Unterricht nicht darum, etwas auswendig zu lernen, sondern mit kleinen Schritten die Grundgedanken von Sikhi und deren Geschichte zu erfassen und zu versuchen, die Tugenden, die die Gurus vorgelebt haben, in unser Leben (in Deutschland) zu übertragen. Mir ist vor allem eine Sache deutlich geworden: dass Sikhi einem hilft, zu mehr Zufriedenheit zu kommen und ein (selbst)bewusstes und gleichzeitig offenes, religiös orientiertes Leben zu führen. Ich habe außerdem viele neue inhaltliche Aspekte über die Sikh-Religion kennen gelernt, die ich vorher nicht richtig verstanden habe. Wenn man schon allein einen Aspekt von Sikhi versteht, erkennt man die Schönheit, die diese Lebensweise verkörpert.

Die freien Speisen im Gurdwara, also Langar, sind nur ein Beispiel. Hierüber kann man ein wichtiges Ideal der Sikhi ableiten: dass alle Menschen gleichermaßen respektiert werden, unabhängig davon, welchen Hintergrund oder welches Geschlecht sie haben. Jeder darf in einem Gurdwara die zubereiteten Speisen zu sich nehmen. Jeder sitzt auf dem Boden und bekommt dasselbe Gericht. Niemand wird bevorzugt oder benachteiligt. Das Essen im Gurdwara erscheint durch dieses Verständnis in einem ganz anderen Lichte. Es geht nicht darum, sich einfach nur den Bauch voll zu schlagen, das gesellige Beisammensein für eine Lästerstunde zu nutzen oder sich über die neusten Handymodelle auszutauschen, sondern um einen viel höheren Wert. Oder das erste Zeichen im Guru Granth Sahib, dass von Guru Nanak entwickelt wurde. Das “Ek oankar” verkörpert die Einheit und die Unendlichkeit der Schöpfung. Anhand von Beispielen aus der Naturwissenschaft haben wir versucht zu verstehen, was Einheit der Schöpfung bedeutet. Hier habe ich zum ersten Mal verstanden, dass allein durch dieses eine Zeichen sichtbar wird, dass Naturwissenschaften und Sikhi sehr wohl vereinbar sind. Das hat mich sehr motiviert, den GGS zu lesen und besser zu verstehen.

Hinterfragen erlaubt! Sind Vier durch Zwei wirklich Drei?
Im Unterricht wird Wert darauf gelegt, dass man selbst versteht, wieso die Sikh-Religion einen bestimmten Aspekt so oder so einordnet. Vieles lässt sich auf das alltägliche Leben und im Umgang mit anderen Menschen und der Natur übertragen, was wir lernen. Dadurch habe ich verstanden, dass eine religiöse Haltung sich im Fühlen, Denken, Handeln, und Sprechen wiederspiegelt. Ich habe zudem gelernt, mir selbst Gedanken darüber zu machen, was mich als religiösen Menschen weiterbringt und nicht alles so hinzunehmen, was man lediglich vom Hörensagen kennt. Wir überlegen im Unterricht, ob das, war wir bisher angenommen haben, (heute) so Sinn macht und ob es mit der zeitlosen Weisheit des GGS vereinbar ist. Allein dieser Gedankengang hilft uns Jugendlichen schon sehr, die Sikh-Religion besser zu verstehen. Neu war für mich als junge Sikh, dass Sikhi große Bedeutung darauf legt, sich auf die Gegenwart zu besinnen und nicht darüber zu spekulieren, was nach dem Tod einmal sein wird oder was vorher war. Denn das, was sein wird, hängt schließlich nicht von dem ab, was wir glauben oder annehmen. Ob Sikh, Christ, Muslim, Atheist, Linker, Deutscher, Migrant oder Millionär, jeder ist den gleichen Naturgesetzen unterworfen.

Von wegen Gleichberechtigung – Jungs, die Mädels rennen euch davon!
Die Reaktionen auf den Unterricht sind sehr positiv. Die Eltern finden den Unterricht gut und befürworten ihn. Die Schüler, die Interesse an der Klasse haben, können ganz ungezwungen daran teilnehmen. Die Jungen sind sehr von ihren Freunden und Bekannten gesteuert. Wenn einer ihrer Freunde nicht zum Unterricht kommt, dann lassen sie sich davon beeinflussen und kommen dann auch nicht. Bei den Mädchen ist das anders. Da steigt kaum jemand aus. So sind wir in der Überzahl und können dadurch sehr gut miteinander im Unterricht arbeiten. Die Mädchen arbeiten insgesamt wesentlich besser mit und begreifen die Themen schneller als die Jungen. Meiner Meinung nach kommt das daher, weil wir Mädchen zu Hause viel unterschiedlichere Erfahrungen sammeln. Oft werden die Jungen zu Hause von den Eltern verwöhnt, nicht so gefordert und einseitig erzogen. Wir Mädchen bringen das dann oft in Zusammenhang mit der Religion und denken, dass diese Ungleichbehandlung von der Sikhi herrührt. Aber durch den Unterricht ist uns erstmals klar geworden, dass die geschlechtliche Ungleichbehandlung vielmehr mit dem mangelnden religiösen Wissen, der schlechten Allgemeinbildung und der kulturellen Prägung der Elterngeneration zu tun hat. Denn den meisten Sikhs, die aus Indien nach Deutschland gekommen sind, geht es vor allem darum, Geld zu verdienen. Die Religion spielt dabei nur eine oberflächliche Rolle. Durch den Unterricht haben wir inzwischen verstanden, welch hohen Wert Frauen und Gleichberechtigung in der Sikhi eigentlich haben (sollten). Das begeistert uns Mädchen und wir wollen mehr darüber lernen. Das neue Wissen über Sikhi hat uns Mädchen geholfen, Selbstverständliches zu hinterfragen und uns von Vorstellungen zu befreien, die unsere Entwicklung hemmen und mit der ursprünglich “modernen” sikhistischen Lebensweise nicht vereinbar sind. Bei den Jungen findet das in dieser Form nicht ganz so statt, denn diese sind oft verzogen und sind nicht wirklich daran interessiert, etwas über Sikhi zu lernen und sich selbst oder das, was sie bisher als Sikhi angesehen haben, in Frage zu stellen.

Unterricht, der verbindet und verändert
Der Unterricht bringt uns insgesamt sehr viel und hilft, ein wirkliches Interesse für Sikhi und gleichzeitig für andere Themen zu entwickeln. Über den Unterricht tauchen plötzlich Vorbilder auf, die wir vorher nicht kannten, wie etwa unser Lehrer. Er ist in Deutschland aufgewachsen und hat hier und im Ausland studiert. Obwohl er sehr gebildet ist und sich mit den unterschiedlichsten Gebieten auskennt, vermittelt er uns immer den Eindruck, als wäre er einer von uns. Im Unterricht lernen wir von ihm nicht nur etwas über die Sikh-Religion, sondern erweitern auch unser Allgemeinwissen, unsere Methodenkenntnisse oder lernen neue Fremdwörter. Dies können wir dann direkt in der regulären Schule anwenden. Das ist schon wirklich toll, denn so verbessern sich auch unsere Schulnoten. Im Unterricht wird oft gelacht und alle haben Spaß am lernen. Es wird nichts benotet. Die Schüler sollen lediglich Hefte mitbringen, damit sie notieren können, was sie für wichtig erachten. Wir bekommen Fragen gestellt, werden aufgefordert selber nach zu denken und Antworten zu finden. Nach dem Unterricht kann man jederzeit zum Lehrer gehen und Fragen anbringen oder mit ihm über das reden, was man während des Unterrichtes nicht ganz verstanden hat.

Der Unterricht motiviert darüber hinaus, sich selbst zu engagieren und hilft, mehr Selbstsicherheit zu entwickeln. Außerdem lernt man auf diese Weise andere Jugendliche kennen, die ähnliche Interessen, Fragen und Probleme haben. Man merkt, dass man nicht alleine ist. Das steigert das Interesse an religiösen Themen gemeinsam zu arbeiten. Dadurch können wir andere Jugendliche und Kinder später einmal viel überzeugender die fortschrittliche und offene Lebenseinstellung der Sikhi vermitteln. Später möchte ich das, was ich gelernt habe, auch im Familienleben und mit den eigenen Kindern leben. Die anderen Mädchen und ich möchten es wirklich besser machen, als die jetzige Elterngeneration. Wenn es weiterhin so gut läuft mit dem Unterricht, wird in ein paar Jahren einer der Schülerinnen die nächste Generation unterrichten. Und dann geht es hoffentlich so weiter.

Letztlich dient diese neue Unterrichtsform dem Wohl der gesamten Gemeinschaft und wirkt sich nicht nur auf uns positiv aus. Eigentlich ist der Unterricht etwas für jeden, der sich weiterentwickeln möchte. Man muss sich nur einmal trauen, ihn zu besuchen. Mittlerweile ist der Unterricht auch bei der Stadt und der evangelischen Kirche Frankfurt bekannt. Unser Lehrer, Khushwant Singh, der nicht nur bei uns unterrichtet, sondern auch Vorträge zur Sikh-Religion und zu interreligiösen Fragen hält, hat neulich Vertreter den Stadt Frankfurt und der Kirche spontan in den Unterricht eingeladen. Diese waren sichtlich erfreut darüber und begrüßten die Tatsache, dass es offenen Unterricht in deutscher Sprache gibt, der speziell auf Jugendliche zugeschnitten ist.

Der Unterricht ist vielleicht das Beste, was mir im Leben passiert ist. Denn ich habe mir immer schon viele Fragen über (die eigene) Religion gestellt und bisher nur wenig überzeugende Antworten erhalten. Diese Unterrichtsform hat mir für viele wichtige Dinge im Leben die Augen geöffnet und mich schließlich dazu inspiriert, mich taufen zu lassen. Der Unterricht ist mehr als nur Unterricht: religiös orientierte Lebenskunde. Denn man lernt dort für das Leben und nicht für die Schule.

 

11/2008 | Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit Rajbir Kaur entstanden. Sie ist Schülerin und besucht die Oberstufe.

 

 

[home] [artikel] [bilder] [blickpunkt] [download] [english] [faq] [feiertage] [gaestebuch] [glossar] [gurdwara-adressen] [kirtan] [links] [literatur] [news] [pinnwand] [portraits] [suche] [ueber-uns] [videos] [zeitleiste]

Es dürfen ohne Einverständnis des Sikh-Forum keine Inhalte vervielfältigt oder publiziert werden. Das Sikh-Forum ist nicht für Inhalte externer Webseiten und Multimediadateien verantwortlich.
No part of this website may be reproduced, stored or transmitted, without the prior permission of the Sikh-Forum. The Sikh-Forum is not responsible for the content of external websites or multimedia files.

© Sikh-Forum | www.sikh-religion.de |
Kontakt
Informativ | Vielseitig | Zeitgemäß  — Informative | Versatile | Up-to-date