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Vision einer friedlichen Weltgemeinschaft Die Menschheit ist heute wie nie zuvor auf eine einheitsstiftende und zugleich die Pluralität wahrende Lebensgemeinschaft angewiesen. Ohne eine globale Vision über die zukünftige Entwicklung der Menschheit ist ein friedliches Miteinander heute und in einer zukünftigen Welt nicht denkbar. Ein weltumspannendes Verständnis von Einheit bedeutet dann auch, in globalen Herausforderungen eine gemeinschaftliche Weitsicht und Handlungsweise zu entwickeln. Einen fruchtbaren Beitrag für dieses anzustrebende Ideal liefern die Gründer der Sikhi. Ihre Lehren haben zum Ziel, Menschen von sozialen Vorurteilen, blindem Glauben, Egoismus und Aberglauben zu befreien und sie für einen Weg der spirituellen Entwicklung sowie der sozialen Hingabe anzuleiten. Die Gründer betonen in ihren Lehren folgende Grundhaltungen:
▪ Verinnerlichung der Tugenden Gottes ▪ Gotteshingabe durch Dienst am Menschen ▪ Die Menschheit als Einheit anzuerkennen ▪ Wichtigkeit von Weisheit (Gian), offener Diskussion sowie kritischer Reflexion (Wichar) ▪ Streben nach spiritueller Entwicklung ▪ Gleichberechtigung von Frau und Mann ▪ Gerechtigkeitsdenken und demokratischer Konsens, der auf Qualität beruht ▪ Harmonie von Wissen und Religion ▪ Konzentration auf innerer und äußerer Stimmigkeit ▪ Bedeutsamkeit ehrlicher Arbeit ▪ Übereinstimmung von Wort, Haltung und Tat ▪ Wertschätzung von Gastfreundschaft, Heirat und Familie ▪ Regelmäßiges Gebet mit dem Ziel, die rezitierten Inhalte zu verstehen und im Alltag umzusetzen ▪ Ablehnung religiöser (bezahlter) Ämter wie Priester ▪ Ablehnung von Ritualen und Aberglauben ▪ Ablehnung sozial konstruierter Vorurteile (Rassismus, Ethnozentrismus, Kastenwesen etc.)
Sikhi – Ein Leben nach universellen Weisheiten Sikhi wurde von Guru Nanak, der 1469 in Talwandi (heute Pakistan) geboren wurde, begründet und hat derzeit über 20 Millionen Gläubige weltweit. Die Anhänger dieser Lebensweise nennen sich Sikh (Schüler). Sie erkennen Guru Nanak und seine neun Nachfolger als Offenbarer göttlicher Weisheit an. Aus Respekt werden die Religionsgründer Guru genannt. Die Gurus selbst haben sich jedoch nie als Gurus (oder etwa Götter) gesehen, sondern ausschließlich als Diener Gottes. Ihr Guru war Satguru, die Weisheit Gottes. Sikhs kommen aus den unterschiedlichsten nationalen und kulturellen Hintergründen. Die Mehrheit der Sikhs lebt nach wie vor in der Ursprungsregion im Bundesstaat Panjab in Nordindien. In England und in Nordamerika leben über 1 Millionen Sikhs, in Deutschland mehrere Tausend. In der Bundesrepublik haben sich Sikhs vor allem in Ballungszentren wie Frankfurt, Köln und Stuttgart niedergelassen.
Eine unermessliche Schöpferin Sikhi ist eine eigenständige Universalreligion, die ein weltzugewandtes Leben der Hingabe als vorbildlich erachtet. Wir sprechen von Universalreligion, weil die Lehren der Gurus allgemeingültige Tugenden eines gotterfüllten Lebens enthalten und nicht festgelegte, starre Anweisungen für Rituale oder Vorschriften und Verbote. Die Offenbarungen beinhalten keinerlei Erzählungen vorzeitlicher Mythen oder Spekulationen über die Entstehung der Welt und was der Mensch nach dem Tod zu erwarten hat. Sie beziehen sich vielmehr auf die jetzige Gegenwart. Für einen Sikh steht daher die rechte Haltung und Handlung im Vordergrund. Die gelebte Erfahrung sowie die alltägliche Beziehung zu sich selbst sowie zur Schöpfung sind maßgeblich und nicht der Glaube an Dinge, die auf Spekulationen oder Aussagen religiöser Texte beruhen. Sikhi richtet sich konsequenterweise nicht an ein auserwähltes Volk oder bestimmte Menschen. Jeder Mensch, ungeachtet seiner Herkunft oder sexuellen Orientierung ist angesprochen. Sikhi bietet, wie andere spirituelle Lebenswege auch, Hilfestellung für ein Leben im Einklang mit dem Schöpfer und seiner Schöpfung im Hier und Jetzt.
Sikhi betont die Einheit der Schöpfung. Die Schöpfung, so Guru Nanak, liebt seine Kreation bedingungslos und voller Barmherzigkeit. Sie macht keine Unterschiede zwischen einem Heiligen oder einem Dieb. Jeder bekommt gleichsam Luft und andere lebensnotwendige Dinge bereitgestellt. (Es sei angemerkt, dass Armut demnach nichts Gottgegebenes, sondern ein Resultat egoistischer menschlicher Handlungen ist): Mith bolrra ji har sajan suami mora || Hou samal thaki ji oh kade na boulai kaura || Kaurra bol na janai puran bhagwanai augunn ko na chatare || (GGS, S. 784, M. 5). Die Aufgabe des Menschen liegt darin, es der Schöpfung gleich zu tun. Jedes Lebewesen (dazu gehören auch Kinder!) ist demnach mit Respekt, Liebe und Nachsichtigkeit zu behandeln. Es geht als Sikh darum, göttliche Tugenden und ein göttliches Bewusstsein in sich selbst zu entfalten, um ein harmonisches und friedfertiges Leben führen zu können: Jehaa sevai teho hovai je chalai tisai rajaae || (GGS, S. 549, M. 3).
Es entspringt dieser grundsätzlichen Haltung, dass Guru Nanak sich weder als Hindu oder Muslim sah noch sich zu sonst einer Religion zugehörig fühlte. Es verstand sich schlicht als Diener der Schöpfung. Er betonte die Wichtigkeit der spirituellen und sozialen Hingabe und die Gleichheit aller Menschen. Der Guru, der in einer Zeit aufwuchs, die von sozialer Segregation, Ritualtum und Gewalt geprägt war, kritisierte die Gottverlassenheit und Ichbezogenheit der Menschen. Guru Nanak, Ehemann und Vater, lehnte das Kastensystem sowie die Unterdrückung von Frauen ab und hinterfragte darüber hinaus die damals vorherrschen Formen der Religionsausübung wie Götzenanbetung und rituelle Waschungen. Die Aufteilung zwischen vermeintlichen religiösen ‘Experten’ (Brahmanen) und ‘Gewöhnlichen’ kritisierte Guru Nanak scharf. Kein Mensch, so Guru Nanak, benötigt einen Priester oder ein sonstiges Medium zwischen sich und dem Schöpfer.
Von der Grundprämisse des einen liebenden Schöpfers der in der Schöpfung selbst weilt, leitete Guru Nanak Haltungen wie Gleichheit, Brüderlichkeit, Gerechtigkeit, Respekt, Würde und Freiheit ohne Unterscheidung zwischen Herkunft, Glaube, Hautfarbe, Geschlecht oder dem sozialen Status ab.
Guru Granth Sahib – Quelle der göttlichen Weisheit Woher erfahren wir, wie man die Tugenden Gottes verinnerlicht? Wir finden die Antwort in der universellen Weisheit Gottes. Sikhs finden diese im Guru Granth Sahib. Die Botschaft der Gurus ist in ihren schriftlichen Niederlegungen festgehalten und somit zeitlos für alle Menschen einsehbar: “So wie sich das Wort des barmherzigen Schöpfers mir offenbart, so verkünde ich es, O Lalo” (GGS, S. 722, M. 1).
Guru Nanak und seine Nachfolger schrieben in einer außergewöhnlich poetischen und bildlichen Sprache zahlreiche Verse (Gurbani). Diese wurden von Guru Arjan, dem fünften Guru, zusammen getragen und in dem Werk (Aad) Guru Granth Sahib vereint. Einzigartig an dieser Komposition, die auf musikalischen Melodiefolgen (Rag) beruht, ist die Einbeziehung diverser Sprachen sowie Verse nordindischer Heiliger wie Sheikh Farid, Namdew oder Kabir.
Gemeinschaft – Grundlage für Entwicklung Der zehnte und letzte menschliche Guru, Guru Gobind Singh, gründete 1699 beim Waisakhi, einem populären Fest, den Khalsa. Dieser stellt die Gemeinschaft der Reinen dar. Khande di pahul, ein freiwilliger Taufakt, markiert seither die Aufnahme in den Khalsa. Diese Gemeinschaft soll im demokratischen Konsens Entscheidungen für das Wohl der Menschen treffen (Sarbatt Khalsa). Repräsentiert wird sie durch den Rat der Fünf Geliebten (Panj Piare). Guru Gobind Singh betonte die Notwendigkeit der spirituellen und körperlichen Einheit als getaufter Sikh. Jeder Getaufte soll seinem Wunsch gemäß ein einheitliches, würdevolles Erscheinungsbild haben. Die Gleichheit der Geschlechter betonte er, in dem er der Frau den Nachnamen Kaur (Prinzessin), den Männern Singh (Löwe) gab.
Respekt – Grundlage für Frieden Sikhi legt großen Wert auf gegenseitigen Respekt und Achtung. Im Abschlussgebet der Sikhs wird täglich für das Wohl aller Lebewesen gebetet. Dieser Gedanke drückt sich auch in den Gebetsstätten (Gurdwara) der Sikhs aus: Jeder Mensch, ungeachtet seiner Herkunft und Religion ist eingeladen.
Wichtige Gebote für Sikhs ▪ Verinnerlichung der Tugenden des Schöpfers ▪ Leben nach dem Willen Gottes (Hukam, gemäß seiner Naturgesetze) ▪ Teilen des Verdienstes für Wohltätige Zwecke (Daswand) sowie soziales Engagement (Sewa) ▪ Partnerschaftliche Treue ▪ Meidung von Dingen, die den Körper schädigen, wie etwa Drogen (inklusive Alkohol und Tabak)
Die Gurus – Vorbilder für ein wahrhaftes Leben Die Gurus haben all die Tugenden, die für ein friedliches und gemeinsames Miteinander erforderlich sind, nicht nur gelehrt, sondern hingebungsvoll gelebt. Der bemerkenswerte Zustrom, den die Bewegung der Gurus fand, rief heftigen Widerstand und Verfolgung von Seiten der damaligen Herrscher hervor. Der fünfte und der neunte Guru stellten sich den Herrschern ihrer Zeit und waren nicht bereit, sich von ihrem Lebensweg loszusagen. Sie sahen trotz der Bedrohung ihres Lebens nicht über Ungerechtigkeiten hinweg, sondern kritisierten diese mit Nachdruck und schufen ihren Möglichkeiten gemäß Raum für Verbesserungen. Sie ließen Folter und schließlich den Tod über sich ergehen, ohne sich von ihrer Haltung abbringen zu lassen. Die Gurus lebten auf vielfältige Weise vor, wie notwendig ein ganzheitliches Leben voller Liebe, Respekt, Gerechtigkeit, Würde und Hingabe für den Menschen ist: “Ohne die Verrichtung guter Taten wird man nicht ein Heiliger” (GGS, S. 4, M. 1).
Das menschliche Leben ist für Sikhs eine kostbare Chance der Gotteshingabe. Ein wahrhaftes menschliches Leben besteht für sie in der Verinnerlichung der göttlichen Tugenden und der Nächstenliebe. Ein Leben nach den Vorstellungen des Schöpfers zu leben ist daher ein wichtiger Bestandteil des Sikh-Seins. Dies beinhaltet Respekt für die Schöpfung, Mitmenschen, alle anderen Lebewesen sowie der Umwelt. Konsequenterweise wenden sich die Gurus mit ihrer Botschaft nicht an bestimmte Menschen oder an ein spezifisches Land. Sie sprechen vielmehr über eine grundsätzliche soziale und spirituelle menschliche Haltung dem Leben gegenüber.
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