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Schon einige Jahre, bevor ich zum ersten Male nach Indien und später auch nach Punjab kam, begegnete ich den Singhs, den Löwen mit Turbanen, im Busch und Dschungel Afrikas. Der erste war durch ganz Ostkongo, so hieß das Land noch damals, als Singha-Singha bekannt. Er beherrschte den Bus- und Lastwagenverkehr der ganzen Region. Eigentlich - was sonst? Das wurde mir aber erst viel später bewußt. Mit seinem Turban sah er aus wie ein Maharaja meiner Kindheitsvorstellungen. Er hat mich nicht enttäuscht - seine Gastfreundschaft war fürstlich!
Einige Monate später sind wir, praktisch pleite, in Mombasa angekommen. Jemand hat uns den Tip gegeben, daß wir, in Anbetracht unserer Finanzlage, einfach zu dem indischen Sikh-Gurdwara im Zentrum gehen sollten. Dort könnte man gratis übernachten und zum Essen gäbe es dort auch etwas. Das haben wir auch getan. Daß wir in einem Gurdwara bei den Sikhs aus Mombasa landen würden, was damals für mich noch kein Begriff war, wußten wir nicht. Die Nächte von Mombasa vergessen ich und meine Freunde, die mitgereist sind, nie. Es war furchtbar. Erdrückende Schwüle, Mücken in unüberschaubaren Scharen und dazu noch ein ununterbrochener Gesang mit dem Klang eines Harmoniums aus unzähligen Lautsprechern. Tag und Nacht. Lange nicht so dramatisch und mit gewissem Genuß habe ich das gleiche in den letzten Jahren in Punjab erlebt: die ununterbrochene Lesung - 48 Stunden lang - des Granth Sahib.
Wir waren in Mombasa am Baisakhi. (1699 wurde das Kastensystem für Sikhs abgeschafft. Seit diesem Tag sind alle männlichen Angehörige in Singh - der Löwe - und alle weiblichen Angehörige in Kaur - die Prinzessin - umgetauft worden. Dieser Tag wird am 13. April als "Namenstag" aller Singhs gefeiert.)
Die Sikhs sind für jeden Ausländer, der nach Delhi kommt, vor allem die " taxi-wallahs". Nicht anders war es am Anfang für mich und jetzt, wenn ich einen Mietwagen in Delhi suche, suche ich bewußt nach einem Sikh-Fahrer. In Delhi hatte ich schon immer am liebsten die Four-Seater-Rikscha, die zwischen dem Connaught Circus und Fountain in Old Delhi verkehren. Gleich ob es sich um eine Rikscha oder einen Scooter oder einen Ambassador handelt, über dem Fahrersitz hängt bei einem Sikh-Fahrer immer ein Bild mit einem sympathischen alten Mann, der einem freundlich zulächelt und winkt und ein Bild mit einem Schönling, der stolz hinausschaut. Doch was der erste, der Guru Nanak, und der zweite, der Guru Gobind Singh, für die Sikhs bedeuten, erfuhr ich erst später.
Die ersten Jahre meiner Indien-Reisen zog ich geradewegs in den Himalaya, nach Ladakh. Der Hinduismus, der Sikhismus und was es noch alles an Religionen südlich des Himalaya in Indien gibt, interessierte mich nur am Rande. Die Sikhs hielt ich, wie die meisten Europäer, für eine Sekte des Hinduismus, die sich das Haar und den Bart nicht schneiden darf. (Später erfuhr ich, daß die Sikh-Religion eine der jüngsten monotheistischen Religionen der Welt ist. Der Bart, die langen Haare, der Turban und das Schwert sind Zeichen ihrer besonderen Identität.)
Im Sommer 1975 kam es im Himalaya zu der entscheidenden Begegnung mit einem "Löwen aus Punjab" und mir. Mit meinem Freund Volker habe ich die "Indo-german Indus expedition" vorbereitet, die Erstbefahrung des für Indien namengebenden Flusses auf seinem Oberlauf im Himalaya. Den Indus nennt man dort aber anders. Er heißt in Ladakh "Singhe Chu", der Löwenfluß. Unter den Indern des Expeditionsteams war auch ein "Löwe", ein Singh, ein Sikh wie aus dem Schulbuch. Er hat auch den klassischen Sikh-Beruf: Soldat. Sein Körper trägt Narben aus allen indo-pakistanischen Kriegen, die seit der Unabhängigkeit gefochten wurden, und dazu noch eine von unserer Expedition. So etwas verbindet.
Nach der Expedition traf ich mich bei allen meinen Besuchen mit meinem Sikh-Freund, und er weihte mich allmählich in die Religion der Sikhs ein. Bald wußte ich einiges über die zehn Gurus (am sympathischsten war mir Nanak, vor allem die Anekdoten aus seinem Leben), was ein Gurdwara, das Granth Sahib, der Langar, die 5 Ks der Khalsa sind, einfach das, was man auch aus jedem Lexikon erfahren kann.
Im Winter 1980 traf ich wieder meinen Freund in Delhi. Ich hatte eigentlich kein festes Programm für meine Reise, was zum ersten Male vorkam. Rajastan? Kerala? Es wurde Punjab und dazu Hola Mo-halla (Baisakhi) in Anandpur Saheb. Mein Freund schwärmte mir stundenlang über das "großartigste, unvergeßliche Fest der Sardarjees" (Singh). Ich wurde auch bald Feuer und Flamme. Dann stellte sich aber heraus, daß mein guter Freund selber nie in Anandpur bei der Hola Mohalla war! Die Spannung vor dem Fest war also perfekt. Viele Enttäuschungen habe ich schon nach "Erleb¬nissen aus zweiter Hand" durchgemacht ...
Es hätte nicht viel gefehlt und ich hätte auch noch die Hola Mohalla verpaßt. In Bangla Saheb Gurdwara haben sie meinen Freund falsch über das Datum des Festes informiert, und mein Freund hat mir wiederum nicht gesagt, daß es drei Tage dauert. Das Holi (Frühlingsfest), einen Tag nach diesem indischen Feiertag findet die Hola Mohalla statt, in Delhi muß es nicht am gleichen Tag wie in Punjab sein. India is different. Im Jahr 1980 war es in Punjab einen Tag früher als in Delhi. Nach einer halsbrecherischen Fahrt durch den nächtlichen Punjab zwischen Amritsar, wo ich das richtige Datum erfahren habe, und Anandpur Saheb bin ich mehr tot als lebendig beim Sonnenaufgang bei den feiernden Sikhs angekommen. Das, was sich dort meinen Augen bot, ließ mich sofort allen Ärger vergessen. Es war großartig, unvergeßlich. Hunderttausende Sikh-Bauern kamen aus ganz Punjab zusammen und feierten die Gründung der Khalsa durch den zehnten und letzten Sikh-Guru, Gobind Singh.
Schon die letzten Tage vor der Hola Mohalla und die restlichen vor der Ruckreise nach Deutschland nutzte ich in Delhi zum Studium der Geschichte der Sikhs und ihrer Religion. Mein Freund hat für mich ein Treffen mit Khushwant Singh, dem Autor von "A History of Sikhs" und dem jetzigen Herausgeber von The Hindustan Times (Tageszeitung), arrangiert. Ich hatte viel zu tun, als ich einen Film über die "anderen Inder" drehen wollte, wie ich mir nach der Hola Mohalla vorgenommen hatte. Es freut mich, daß er zustande kam. Die Arbeit an dem Film hat mich um viele Freunde und viele neue Erkenntnisse bereichert.
11/1985 | Prof. Dr. Jaroslav Poncar | www.poncar.de Quelle: Sikh-Religion, Hrsg.: Sikh Federation Germany - anläßlich des 516. Geburtstages unserer Religionsgründers im November 1985 (zweite Ausgabe November 1998), Gurdwara Nanak Sar e.V., S. 69-72.
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