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DIE KHALSA-BRUDERSCHAFT

Wie in den verschiedenen Artikeln zu sehen ist, akzentuieren die Lehren der Sikh-Gurus ein weltzugewandtes soziales Leben. Das Gebot der menschlichen Hingabe, des ehrlichen Verdienstes, des Teilens, die Freiküchen und des Verteidigungskampfes sind Zeugnis dieser Grundeinstellung. Dem Menschen wird die Möglichkeit zugesprochen, Veränderungen im eigenen Leben und somit auch in der Gesellschaft herbeizuführen. Die Gurus selbst haben in einer bereits bestehenden Gesellschaftsform innovative Gedanken und Handlungsweisen etablieren können. Sie haben die Ideale, die sie von anderen gefordert haben, selbst gelebt und gezeigt, dass ihre praktische Umsetzung möglich ist. Sie reichen vom Leben Guru Nanaks als Familienvater und Heiliger, der seinen Lebensunterhalt “im Schweiße seines Angesicht” verdiente, bis hin zum Märtyrertod von Guru Arjan und Guru Tegh Bahadar. Die Vereinigung all dieser Tugenden mündet in der Bruderschaft des Khalsa. Der zehnte Guru hat der Sikh-Gemeinschaft eine bedeutende Stellung zuteil werden lassen. Sie soll bei Bedarf zusammen kommen, um über richtungsweisende Inhalte zu beraten (Sarbatt Khalsa). Diese Inhalte müssen sich aber immer an den Lehren des Guru Granth Sahib orientieren. Khalsa bedeutet wörtlich “rein”. Demnach ist ein Khalsa ein Mitglied der “Gemeinschaft der Reinen”. Die Funktion ist die einer globalen Bruderschaft, die ihre spirituelle Inspiration im Guru Granth Sahib findet und weltlich für das Wohl der Menschheit arbeitet.

Greift Gott in die Geschichte ein?
Entgegen dem Glauben vieler Menschen betonen die Sikh-Gurus, dass der Schöpfer niemals die Form eines spezifischen Lebewesens annimmt, Gott ist ajuni. Laut einigen Glaubenseinstellungen wird die Inkarnation einer Gottheit erwartet, wenn Unmoral unter den Menschen überhand nimmt. Diese, so die Annahme, wird dann die bestehenden Ungerechtigkeiten dieser Welt beseitigen und den Verlauf der Geschichte wieder in ruhigere Fahrwasser lenken. Nach der Weisheit des Guru Granth Sahib muss der Mensch selbst durch sein Handeln Veränderungen herbeiführen. Genau das hat der zehnte Guru mit der Gründung des Khalsa gezeigt.

Gemeinschaft für Veränderung
Der Guru und seine Gemeinschaft haben eine religiöse und soziale Wendung herbeigeführt und nicht passiv auf Besserung bzw. Veränderung gewartet. Der Schöpfer allen Seins ist laut der Gottesbeschreibung im Eröffnungsvers des GGS ajuni – er wird niemals geboren und ist folglich auch nicht sterblich. Zwar ist ein Teil vom Schöpfer, in Allem was ist, enthalten - wir sprechen auch von Seele -, doch ist der Schöpfer gleichzeitig transzendent. Gott ist der Ozean der alles umgibt; der Mensch ist ein Tropfen in dieser unermesslichen Wasserquelle. In jedem Menschen ist das gleiche Potential vorhanden, den Schöpfer zu vergegenwärtigen. Folglich sind alle Lebewesen gleichgestellt. Die Fortführung der Annahme der Sikh-Philosophie, dass alle Menschen von dem einen Schöpfer erschaffen wurden, führt zu dem Schluss, dass es keine weltlichen Repräsentanten Gottes, wie etwa ein König, gibt. Daher werden in den Schriften des GGS weltliche Herrscher wie Könige und Monarchen als Pseudokönige tituliert, die nicht über eine göttliche Auserwählung verfügen – nur der Schöpfer ist der wahre König (sacha patscha) der Welt. Die Fünf Geliebten sind dann auch nicht als weltliche, sondern als sozio-religiöse Repräsentanten der Sikh-Gemeinschaft zu sehen, die vom Sarbatt Khalsa, von den Mitgliedern der Khalsa-Bruderschaft, ausgewählt werden. Sie vereinigen die besten Tugenden des Mensch-Seins.

Religiöse und weltliche Balance
Die Forderung Guru Gobind Singhs nach fünf “Köpfen” beim Erntedankfest Vaisakhi (Baisakhi) 1699 kann demnach als die Einforderung eines Beweises für die Treue und die Hingabe gegenüber dem Guru aufgefasst werden. Gleichzeitig gingen die Fünf Geliebten umgekehrt ebenso für die Gemeinschaft der Reinen Khalsa eine Verpflichtung ein. Sie übernahmen eine Vorbild- und Repräsentationsaufgabe, mit dem Ziel, göttliche Tugenden im Alltag zu verwirklichen und gleichzeitig gegen Unrecht vorzugehen. Der Guru wollte weltlich orientierte Heilige in seiner Gemeinschaft sehen. Nach dieser Vorstellung ist nicht nur die Ausübung von Aggression selbst schädlich, sondern auch das Wegsehen und Zulassen von Gewalt, Elend und Unterdrückung. Aktivitäten, die nur darauf ausgerichtet sind, die eigene Macht zu sichern, werden folglich als unmoralisch angesehen und sollten mit Widerstand bedacht werden. Daher sind es auch fünf Sikhs, die leitende Positonen der Gemeinschaft einnehmen sollten. Der Alleingang eines Einzelnen soll verhindert werden. Ihre Motivation ist die eines Heiligen, aber sie üben gleichzeitig ein weltliches Amt aus. Die Taufe des zehnten Gurus durch die Fünf Geliebten hat die Wichtigkeit dieser Prinzipien symbolisiert. Die religiöse Inspiration, der Guru, wird nicht in die jenseitige, spirituelle Sphäre abgeschoben, sondern in die irdische Gemeinschaft integriert. Der Guru und die Gemeinschaft bilden eine Einheit. Die Umsetzung dieser Idee gelingt nur, weil der Sikh und der Guru – im Gegensatz zum Asketen – das soziale Leben nicht aufgeben und so die religiöse Sphäre in die Gesellschaft hinein tragen. Somit wird die Möglichkeit eröffnet, gegen gesellschaftliche Missstände vorzugehen und eine Gegenkultur gegen missbräuchliche Machtausübung zu etablieren. Eine reine säkulare Repräsentation nach westlichem Vorbild wird nicht verfolg; vielmehr sollen Sikhs den ihnen aufgezeigten religiösen Idealen nachstreben und daran ihren weltlichen Werdegang ausrichten. Spirituelle und weltliche Macht sollten im Idealfall Hand in Hand gehen und in Balance bleiben, die Überlagerung einer Sphäre durch die andere wird von den Gurus kritisiert.

Die Idee des Khalsa basiert auf der Aufhebung des Gegensatzes der Gotteszuwendung (Religion) versus Lebenszuwendung (Gesellschaft und Politik). Die Dualität zwischen Körper/Seele und Religion/Politik werden aufgehoben. In der Gemeinschaft des Khalsa treffen Tugend und Macht aufeinander, um sowohl den Zustand der Seele als auch den der Gesellschaft zu ändern. Die Umsetzung dieser Ziele wird eigenverantwortlich im Sinne zivilgesellschaftlicher Bemühungen angestrebt und nicht an eine staatliche oder religiöse Macht (Priester) delegiert. Der Khalsa nimmt bei einer Bedrohung der Freiheit sogar freiwillig den Tod auf sich, um die Ideale der Menschenrechte zu verteidigen. Guru Angad, der sich nicht durch die damaligen Machthaber in seiner friedlichen Mission beirren ließ und seinen Tod in Kauf nahm, kann in diesem Sinne der Initiator der Märtyrer-Tradition im Sikh-Panth genannt werden. Nach diesem Verständnis ist ein Märtyrer etwas ganz anderes, als das, was heutzutage oft angenommen bzw. verbreitet wird. Ein Khalsa zu sein bedeutet, bereit zu sein, das eigene Leben für das Gemeinnwohl einzusetzen.

 

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