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„ICH BIN STOLZ, JAT (BAUER) ZU SEIN”, SPRACH DER POLIZIST – SIKHI UND DAS KASTENSYSTEM | GASTBEITRAG!

Bei jeder religiös orientierten Lebensweise gilt es zwischen den Idealen der Begründer und der tatsächlichen Lebenspraxis der Anhänger zu unterscheiden. Bei allen Religionen finden wir im Verlaufe der Geschichte eine Entfremdung von den ursprünglichen Grundeinsichten der Begründer. Dabei dominieren schließlich oft Äußerlichkeiten sowie scheinbar unhinterfragbare Glaubens- und Ritualpraktiken. Dies trifft auch auf die Lebensweise der Sikhi (Sikh-Religion) zu, die ihren Ursprung im Panjab hat.

 

Das indische Kastensystem
Ein eindrückliches Beispiel für die
Entfernung von den überlieferten Weisheiten der Sikhi ist der Umgang bei Sikhs mit dem indischen Kastensystem, welches auch einen starken Einfluss auf den Bundesstaat Panjab hat. Das Kastensystem steht beispielhaft für eine hierarchische Gesellschaftsordnung, bei der Menschen basierend auf ihrer sozialen Herkunft und der ausgeübten beruflichen Tätigkeit unterschiedliche gesellschaftliche Wertschätzung und Teilhabe erfahren. Üblicherweise wird folgende simplifizierte gesellschaftliche Aufteilung anhand der vier Hauptkasten, der sogenannten Varna, vorgenommen:

1. Priester – Brahman
2. Krieger und hohe Beamte – Kashatri
3. Händler, Grundbesitzer und Bauern – Vaishya
4. Handwerker und Tagelöhner - Shuder
5. Außerhalb des Systems stehende Unberührbare – Parjanya (Dalit bzw. Harijan)

Es ist hierbei zu betonen, dass das indische Kastensystem kein starres Gebilde ist. Es durchzieht die süd-asiatische Gesellschaft vielmehr in unterschiedlichen Facetten. Dabei existieren Synkretismen sowie divergierende (regionale) Auslegungen, Praktiken und Entwicklungen. Nicht zuletzt durch die britischen Kolonisatoren, die vom Schichtendenken („class”) geprägt waren, wurde das Kastensystem im Zuge der Bürokratisierung der indischen Verwaltung zunehmend zementiert. Jeder indische Bürger musste sich unter britischer Herrschaft bei formellen Angelegenheiten anhand klar abgegrenzter Kategorien (Religion, Kaste etc.) einordnen. Am Ende entstand ein hochkompliziertes Verwaltungs- und Politiksystem mit zahlreichen Sonderregelungen. Die einzelnen Kasten finden dabei besondere Berücksichtigung durch einen ausgefeilten Verteilungsschlüssel im Parlament.

Kritische Stimmen des Kastensystems – welches wohl durch Manusimrati etwa 200 v. Chr. ausformuliert wurde – gibt es bereits im dem einflussreichen Epos Mahabharata. Gautama Buddha (etwa 400 v. Chr.) und Mahavira (ca. 500 v. Chr.) gehörten zu den ausdrücklichen Kritikern hierarchischer Klassifikationen. Beide betonten die Maßgeblichkeit einer tugendhaften Geisteshaltung – und zwar unabhängig von der Herkunft.

Doch alle stammen von dem selben Samen des Schöpfers”
Die Bhagat wie Kabir oder Sheikh Farid sowie die Begründer der Sikhi Guru Nanak und seine neuen Nachfolger haben sich ebenfalls unmissverständlich eindeutig zum Thema Kastensystem geäußert. Wir finden tausende Verse in ihren bis heute erhaltenen Schriften im
Guru Granth Sahib (GGS), in denen sie die Hierarchisierung von Menschen entlang sozialer, ethnischer, religiöser oder wirtschaftlicher Merkmale kritisieren.

„(Jannahu jot na pootshahu jaatee aagai jaat na hae …) Erkennt das Licht der Schöpfung in allem und fragt nicht nach der Herkunft (‚Kaste’) || Denn die Herkunft erlischt ohne hin nach diesem Leben ||” (GGS, S. 349, M. 1).

„(Chaarae varan aakhai sabh koee | braham bind thae sabh oupat hoee …) Jeder sagt es gäbe vier Kasten || Doch alle stammen von dem selben Samen des Schöpfers || Das ganze Universum ist durch denselben Lehm hervorgegangen || Lediglich nach verschiedenen Gefäßen hat der Töpfer alle geformt || Nahm die fünf Elemente und erschuf damit den Körper || Wer kann da sagen, jemand zähle weniger oder mehr? ||” (GGS, S. 1128, M. 3).

Alle Lebewesen haben nach diesen Einsichten einen gemeinsamen Ursprung und keiner ist per se als höher- oder minderwertig anzusehen. Unterschiede entstehen laut den Begründern der Sikhi durch kurzsichtige sowie egoistische Vorstellungen und Handlungen der Menschen. So sind arme und reiche Menschen unter anderem ein Resultat von ungleicher Verteilung sowie geographischen Bedingungen und nicht Ausdruck einer nicht zu hinterfragenden göttlichen Fügung.

Universelle Weisheit - Von der Herkunft zur Tugend
Aus Sicht der Sikhi ist ein Priester qua Amt nicht ‚heiliger’ oder höherwertiger anzusehen, als ein Straßenfeger, der mit Hingabe seine Tätigkeit ausübt. Es zählt vielmehr die
tatsächliche Lebenshaltung und Lebensführung. Beide können ein tugendhaftes und heiliges Leben führen – oder eben nicht. Die Bhagat und die Gurus haben in ihrem Leben ihr Möglichstes dafür getan, soziale und geschlechtliche Schranken im Alltag der Menschen zu überwinden. Sie etablierten daher nicht nur religions- und ethniensübergreifende Schulstätten und Freiküchen, sondern setzten sich auch für Frauen sowie für Minderheitenrechte ein und betonten das Grundrecht aller Menschen auf ein würdevolles und selbstbestimmtes Leben in Freiheit. Die Begründer wollten durch die verschiedenen sozialen und religiösen Reformen den Menschen zeigen, dass es sehr wohl möglich ist, sich von bestehenden gesellschaftlichen Macht- und Denkstrukturen zu lösen, die menschlichen Fortschritt hemmen. Ihnen war dabei klar, dass letztlich immer nur ein Teil der Menschen das Wagnis auf sich nimmt, sich ernsthaft und konsequent von etablierten Gewohnheiten los zu sagen.

Die Kritik am Kastensystem durch die Begründer ist letztlich exemplarisch zu verstehen. Sie richtet sich nicht nur an indische Klassifizierungstraditionen, sondern sie umfasst alle Vorstellungen und Handlungen, die Menschen hierarchisch kategorisieren. Hierzu gehören Rassismus ebenso wie Frauenfeindlichkeit oder Homophobie. Genau dadurch wird die Haltung der Begründer, die sich an der Einheit und bedingungslosen Gleichwertigkeit der Menschen orientiert, zu einer universellen Weisheit. Sie kann den Menschen in jeder Lebenslage und an jedem Ort als Inspiration dienen.

Jaat paat – Das Kastensystem als sozialer Atavismus
Trotz der einheitsstiftenden Botschaft der Sikhi sind bis heute (auch gebildete) Sikhs im Denken und Handeln durch das indische Kastensystem beeinflusst. Auch in westlichen Ländern. Man spricht im Panjabi von jaat paat. Gerade wenn es um eine bevorstehende Heirat geht, achten auch Sikhs vor allem auf Statusfragen wie Hautfarbe, Bildung, Einkommen – genannt „package” – und eben auf die jaat, die Kaste bzw. die Subkaste - genannt got. Diese findet ihren Ausdruck in einem Zusatznamen, der am Ende angefügt wird. Beispiele für solche Namen sind „Gill”, „Padda” oder „Gothra”. Charakterliche Eigenschaften und die Gefühle der Heiratskandidaten geraten indes in den Hintergrund.

www.punjabimatrimony.comDie Heiratsanzeigen im Internet legen eindrucksvoll Zeugnis davon ab. Dort kann nach einem sehr ausgefeilten Filtersystem der passende Partner gesucht werden. Es fängt an mit der Religion. Man kann hier unter anderem die Auswahl „Sikh” treffen. Jetzt wird es wirklich interessant. Denn nun bekommt man üblicherweise unter der Überschrift „Kaste (Caste)” folgende Optionen:
„Arora, Bhatia, Bhatra, Ghumar, Jat, Kamboj, Khatri, Kshatriya, Lubana, Majabi, Rajput, Ramdasia, Ramgharia, Saini und Ravidasia.” Zusätzlich findet man zum Teil noch die religiös orientierte Aufteilung zwischen Gursikh und Kesadhari. Gemeint sind hier wohl getaufte Sikhs und Sikhs, die ihre Haare traditionsgemäß ungeschnitten bewahren, aber nicht getauft sind. Für Menschen, denen die vermeintliche Kaste egal ist, gibt es die Option „No bar” (keine Schranke). Bemerkenswerterweise wird nach der Auswahl „Christ”, „Bhuddist” oder „Jain” keine Option für eine Spezifizierung der Kaste angeboten. Unter „Hindu” oder “Muslim” findet man indes eine lange Auswahlliste. Dabei fällt auf, dass einige Kasten religionsübergreifend vorkommen.

Ursprünglich hatte die Orientierung entlang der Kaste einmal einen gesellschaftlichen Sinn, der in der heutigen Welt so nicht mehr zum Tragen kommt. Ein Bauernsohn (jat) hatte mit einer Bauerntochter mehr gemeinsam als mit einer Handwerkstochter (tarkhan). Die Ausdrucksweise, die Alltagsroutine und die erforderlichen Fähigkeiten waren einander ähnlich. Dies erhöhte den wirtschaftlichen Erfolg und damit die Langlebigkeit einer Ehe. Gleichzeitig wurde in bestimmten Teilen des Panjab eine Heirat in der selben Subkaste vermieden. Dies hatte wohl zwei Gründe. Einerseits konnten so Allianzen über die bestehende direkte Verwandtschaft hinaus eingegangen werden. Andererseits konnten biologische Fehlentwicklungen durch zu enge Verwandtschaftsbanden vermieden werden. Erkennen konnte man die Herkunft und den Beruf am Nachnamen; ganz ähnlich den alten deutschen Namen wie Müller, Schumacher oder Schneider.

Ich bin stolz ein Neandertaler zu sein
In der globalisierten Welt von heute ist es nun so, dass Sikhs, die alten Bauern- oder Handwerkerfamilien entstammen, inzwischen als Ärzte, Arbeiter, Händler, Polizisten, Angestellte oder Ingenieure tätig sind. Dennoch pochen sie aus einem scheinbar unhinterfragbaren Traditionsbewusstsein auf den alten jaat oder got Namen und sind „stolz darauf, ein luabana, kamboh oder jat Sikh” zu sein. Und zwar selbst, wenn sie seit mehreren Generationen in westlichen Ländern leben und jeglichen inhaltlichen und beruflichen Bezug zur Kaste verloren haben. Dass solch eine Haltung und Aussage für eine Sikh möglicherweise einen Widerspruch in sich selbst birgt, wird selten thematisiert – ganz abgesehen davon, dass Stolz und ein ausgeprägter Egoismus gemäß dem GGS Haupthindernisse für spirituelle Entwicklung sind.

Es stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, was man selbst als Mensch eigentlich für seine Herkunft geleistet hat, um stolz darauf sein zu können? Wenn überhaupt, kann man stolz sein auf eine Herausforderung, die man alleine oder gemeinsam mit anderen gemeistert hat. Aber was hat man denn dafür getan, dass man als Deutscher, Bolivianer, Inder, Indonesier oder eben als vermeintlicher lubana geboren wurde? Auf was waren denn die Menschen stolz, als Grenzziehungen anhand von Nationalstaaten oder Kasten noch gar nicht möglich waren, weil sie noch gar nicht existierten? Waren die Menschen früher vielleicht stolz, den Neandertalern zu entstammen? Wir wissen es nicht.

 

Jaat will gelernt sein
In der jüngeren Generation der Sikhs außerhalb Indiens erkennt man zwei Lager. Die einen wissen nicht einmal, was ihr Namenszusatz bedeutet und welche Bewandtnis die jaat oder got überhaupt hat. Für sie ist der Zusatzname ähnlich neutral wie der deutsche Familienname „Himmel”. Wenn überhaupt, lernen diese Jugendlichen erst während eines Aufenthaltes in Indien, was es mit der jaat und dem Namen auf sich hat. Das Befremden über das Kastendenken ist dann groß. Erst später, wenn es darum geht, einen Heiratspartner zu finden, merken die Jugendlichen dann, wie wichtig ihren Eltern das Thema plötzlich ist. Spätestens, wenn nämlich junge Sikhs selbst einen passenden Partner finden, der aber von einer vermeintlich anderen jaat stammt, kommt es dann zum Zerwürfnis. Oft hört man dann auf Seiten der Eltern: „Ja, bei uns Sikhs gibt es keine jaat. Aber was werden die Leute sagen, wenn du jemanden aus einer anderen jaat heiratest? Das wird Schande über unsere Familie bringen. Du wirst gefälligst tun, was wir dir sagen oder du bist nicht mehr unser Kind. Und enterben werden wir dich auch. Darauf kannst du dich verlassen.” Der soziale Druck wird hier sichtbar, der durch die Mehrheit der Sikhs erzeugt wird, die selbst in Deutschland oder England immer noch bei der Partnerwahl auf die jaat achten. Am Ende leiden besonders die Kinder. Denn an sie wird der Druck durch emotionale Erpressung durch die Eltern weiter gegeben.

Im zweiten Lager wissen die Jugendlichen seit Kindesbeinen an, zu welcher jaat sie gehören. Denn sie haben von ihren Eltern beigebracht bekommen, dass beispielsweise „Gill”, „Bedi”, „Padda”, „Anand” oder „Gothra” ihr Familienname sei und dass man zu einer „stolzen jaat gehöre”. Unterschwellig lernen die Kinder auf diese Weise schon früh sich von anderen Sikhs abzugrenzen. Ist diese Haltung erst einmal gefestigt, lässt sich später kaum noch vermitteln, dass Sikhi eigentlich eine Lebensweise ist, die sich ausdrücklich gegen sozial konstruierte Abgrenzungen wendet.

„Ich bin ein Bauer. Ähm, eigentlich doch nicht. Ganz eigentlich bin ich ein Singh.”
Die Haltung mancher Eltern bezüglich des Familiennamens treibt zum Teil merkwürdige Blüten. Es sind Fälle in London bekannt, wo Eltern den Familiennamen „Padda” in den Pass haben aufnehmen lassen, obwohl sie wissen, dass ihre Vorfahren eigentlich „Gothra” waren. Warum? Weil sie nach eigenen Aussagen irgendwann einmal verinnerlicht haben, dass „Padda” angeblich angesehener sind als „Ghotra”.

Inzwischen gelten unter Sikhs in Europa Reisepässe als perfektes Alibi, um die Zusatznamen mit Kastenbezug zu erklären. „Die Behörden akzeptieren den Namen Singh und Kaur nicht als Familiennamen. Deswegen haben wir den alten Familiennamen behalten”, so die übliche Erklärung. Dies mag im Einzelfall stimmen. Aber hier besteht immer die Möglichkeit, rechtlich gegen die Auslegung des Sachbearbeiters auf dem Amt vorzugehen. Und was ist mit all den Sikhs in Europa, bei denen es sogar im Nachhinein möglich war, nach einer religiösen Erklärung den Zusatznamen zu streichen und Singh für Männer bzw. Kaur für Frauen als alleinigen Familiennamen einzusetzen? Meist herrscht nun betretenes Schweigen. Ab und an hört man dann das Argument, dass man ohne einen weiteren Zusatznamen Sikhs nicht unterscheiden könne. Bis heute ist aber selbst im Panjab, in Delhi oder England, wo jeweils hunderttausende Sikhs ohne weiteren Zusatznamen leben, kein Sikh verloren gegangen oder wurde verwechselt. Wenn unbedingt erforderlich, besteht immer die Möglichkeit, einen neutralen Zusatznamen ohne Konnotation einer Kaste anzufügen wie etwa ein Wort aus dem GGS oder der Geburtsort. Schriftsteller, Künstler und Gelehrte, die einen häufig vorkommenden Vornamen haben, machen besonders Gebrauch von dieser Möglichkeit. Sie fügen einen sogenannten takhalus - eine Art Künstlername - an.

Unter Sikhs selbst ist nicht allgemein bekannt, dass es noch bis vor einigen Generationen unüblich war, nach Kaur und Singh einen Kastennamen anzufügen. Gespräche mit älteren Menschen im Panjab geben hier Aufschluss. Ein zusätzlicher Blick in die Geschichtsbücher verdeutlicht, dass der Begründer der gemeinsamen Familiennamen Singh und Kaur, der zehnte Guru Gobind Singh, nach der Taufe weder bei sich selbst noch bei seinen vier Söhnen den alten Namenszusatz „Rai” verwendete. Auch andere bedeutende Sikhs wie die “Fünf Geliebten” oder Nawab Kapur Singh haben dem Ideal nach keinen weiteren Nachnamen verwendet. Dass Guru Gobind Singh durch die einheitlichen Namen symbolisch die Einheit aller Menschen sowie den Gedanken der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau betonen und den Einfluss des Kastensystems zurück drängen wollte, scheint demnach in Vergessenheit zu geraten. Bei konvertierten Sikhs sieht das ganz anders aus. Diese machen sich sehr bewusst Gedanken über die Namenstradition der Sikhi und wählen traditionsgemäß Vornamen aus dem GGS und den Nachnamen Singh bzw. Kaur.

Ein unheilvoller Mix treibt einen Keil zwischen den Generationen
Ein Grund für die Entfremdung von den Einsichten der Sikhi ist zunächst einmal ein mangelndes Interesse an einer aktiven Auseinandersetzung mit religiösen Themen gepaart mit einer geringen Grundbildung der Elterngeneration. Eltern, die selbst nicht über eine solide religiöse und schulische Bildung verfügen, sind nur schwer in der Lage, ihren Kindern eine zeitgemäße Anleitung zu geben. Bei religiösen Eltern, die aus dem Panjab ausgewandert sind und nun in westlichen Ländern leben, ist in vielen Fällen eine Vermischung von alterhergebrachten patriacharlich dominierten kulturellen Vorstellungen aus dem Panjab mit Elementen aus dem Volksglauben der Sikhi zu erkennen. Das Ergebnis ist ein unheilvoller Mix, der einen immer größer werdenden Keil zwischen Eltern und ihren Kindern treibt. Denn die überwiegend bestens integrierten Kinder leben zumeist seit ihrer Kindheit in westlichen Ländern und Hinterfragen die (abergläubischen) Vorstellungen und Normen der Eltern, die ihnen überholt und sogar in Widerspruch zu den Einsichten der Begründer erscheinen. Jungendliche fragen beispielsweise, warum in ihren Familien
Grundwerte der Sikhi wie Geschlechtergleichheit, Meinungsfreiheit, Respekt, Friedfertigkeit, Natürlichkeit und Offenheit – übrigens allesamt Errungenschaften, die heute als „moderne westliche Errungenschaften” gepriesen werden - im Grunde nur als leere Worthülsen existieren.

Man stelle sich vor, Guru Nanak und Guru Gobind Singh kommen zu Besuch
Nichts desto trotz muss die Elterngeneration in Schutz genommen werden. Sie bemüht sich in vielen Fällen bestmöglich um ihre Kinder, trotz der vielfältigen persönlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen, die Migration nun einmal mit sich bringt. Denn auch Eltern, die sich aufrichtig bemühen, mehr über Sikhi zu lernen, beklagen ebenso wie Jugendliche die
mangelhafte Vermittlungsleistung religiöser Werte in den Gurdwara. Ein generationenübergreifendes Angebot wird vermisst. Die ursprünglich als religiöse Schulstätten angelegten Gurdwara werden vielerorts beherrscht von sich widersprechenden religiösen Auslegungen, die von wöchentlich wechselnden ‚Predigern’ aus dem Panjab überbracht werden. Dabei fehlt der Bezug zum Leben (der Jugendlichen) im jeweiligen Land meist komplett. Zudem kommt es immer wieder zu Disputen unter den ausschließlich männlichen und überwiegend ungebildeten Vorständen der Gurdwara. Die jaat bzw. die got bilden hierbei ein nicht zu vernachlässigendes Hintergrundrauschen obwohl öffentlich immer wieder Gegenteiliges beteuert wird. Dies geht soweit, dass es inzwischen Gurdwara von jat, ramgharia, bhape, lubane oder kabli (Sikhs aus Afghanistan) etc. gibt. Selbst in Städten, wo nicht mehr als einige hundert Sikhs leben, teilen sich Gemeinden nach Streitereien auf mehrere Gurdwara auf. Entsprechend gering ist die jeweilige Auslastung. Man möge sich nur für einen Augenblick vorstellen, was Guru Nanak und Guru Gobind Singh fühlen würden, sähen sie, was in ihren Namen heutzutage veranstaltet wird.

„Kompass der Weisheit”
Für eine fruchtbare religiöse und gesellschaftliche Entwicklung der kommenden Generationen der Sikhs - aber auch anderer Religionsgemeinschaften - wird es unerlässlich sein, diesen gemäß den ursprünglichen Einsichten der Begründer eine in sich
schlüssige und zeitgemäße Anleitung zu geben. Dabei ist es insbesondere für junge interessierte Sikhs wichtig, dass sie mit einem „Kompass der Weisheit” ausgestattet werden, der ihnen in jeder Lebenslage eine Grundorientierung bietet. Und zwar jenseits dogmatischer und entmündigender Vorgaben. Gemeint ist damit, dass Sikhs bereits in jungen Jahren so ausgebildet werden, dass sie die Grundeinsichten des GGS spielerisch verstehen lernen und auf ihren jeweiligen Lebensalltag übertragen können. Dabei müsste der Fokus auf leicht verständliche Leitlinien liegen und weniger auf auswendig zu lernende (historische) Daten. Die Grundbildung müsste idealerweise alle wichtigen Lebensbereiche abdecken. Hierzu gehören unter anderem die eigene (seelische) Erkundung sowie der Umgang mit: sich selbst (einschließlich mit dem Körper), anderen Lebewesen (inklusive Familienmitglieder und Mitschüler), der Umwelt, Nahrung, und aktuellen Trends (wie Modeerscheinungen).

Nur durch einen ganzheitlichen Bildungsansatz kann gewährleistet werden, dass Sikhs verantwortungsvoll, unabhängig und fundiert entscheiden können, wie sie mit der Namenstradition der Sikhi, den Einflüssen des Kastensystems oder mit persönlichen und globalen Herausforderungen wie wirtschaftliche Ausbeutung, Klimawandel, Gentechnik, Rassismus oder religiös motiviertem Terror umgehen wollen.

 

06/2009 | Khushwant Singh hat Ethnologie und Erziehungswissenschaften an der Universität Heidelberg sowie Social Anthropology an der University of London studiert. In seinem Studium hat er sich eingehend mit der Sikh-Religion beschäftigt und in Deutschland sowie im indischen Panjab dazu geforscht. Singh engagiert sich aktiv im interreligiösen Dialog, in der Jugendarbeit und hält Vorträge über die Sikh-Religion. Der Film Musafer - Sikhi is Travelling, den Singh gemeinsam mit Dr. Michael Nijhawan gedreht hat, ist sein erster Dokumentarfilm.

 

 

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