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Im Vordergrund sieht Jarnail Singh Bhindranwale (das Dorf seiner Abstammung). Jarnail Singh wird oft mit der Respektbezeichnung Sant betitelt, weil er ab 1977 Vorsteher der Damdami Taksal war, einer religiösen Institution, die Sänger und Rezitierer ausbildet. Auch hört man die Bezeichnung Shahid Jarnail Singh; dies steht für Märtyrer.

Perzeption in den Medien und bei Sikhs
Jarnail Singh und seine Gefährten wurden 1984 beim
Sturm auf den Darbar Sahib in Amritsar durch indische Truppen getötet. Es existieren die unterschiedlichsten Darstellungen über den charismatischen Sikh-Führer. Sie reichen von “fanatischer Extremist” bis hin zum “Helden”. Überwiegend dominieren entweder idealisierende oder aber negative Berichte. Jarnail Singh gehört nicht zuletzt auch durch plakative Darstellungen sowohl in indischen als auch in internationalen Medien zu einer oft einseitig porträtierten Persönlichkeit. Zum Beispiel bezeichneten internationale und deutsche Medien ihn als den “Ayatollah Indiens”, wie eines der Video zeigt. Wenn man Berichte von Zeitzeugen berücksichtigt und seine aufgezeichneten Reden im historischen Kontext interpretiert, kommt man durchaus zu differenzierteren Ansichten. Entgegen Medienberichten distanzierte er sich bspw. deutlich davon, Zivilisten und Unschuldige zu schädigen. Einige seiner Hauptaussagen lauteten: Jarnail Singh Bhindranwale | JarnailSingh-PakaDharm.wma, 59 KB

  • “Wenn die indische Regierung uns Sikhs kein Leben in Freiheit und Gleichberechtigung garantieren kann, sind wir nicht abgeneigt, einen eigenen Staat (Khalistan) zu etablieren.”
  • “Mögen alle Religionen aufblühen. Aber wir können nicht die Angriffe auf unsere Religion tolerieren.”
  • “Jeder sollte seinen jeweiligen Glauben aufrichtig leben.”
  • “Wir befürworten die nationale Integrität, aber nicht als Sklaven.”
  • “Ich fürchte mich nicht vor dem physischen Tod. Aber vor dem Tod des Bewusstseins, denn dies ist der wahre Tod (dies ist das, was der GGS unter Tod versteht).”
  • “Auch wenn man mich in Stücke schneiden würde, ich werde immer gegen Ungerechtigkeit vorgehen.”

 

Aus Sicht des GGS und der Sikh-Tradition sind einige der Auffassungen und Vorgehensweisen, die zu Zeiten Jarnail Singhs verbreitet wurden, diskussionswürdig. Unter anderem wird die Betonung des Rechtes auf Rache sowie die mythologisch dominierten Versauslegungen hinterfragt. Auch bleibt unverständlich, warum Jarnail Singh sich mit seinen Gefährten im Darbar Sahib, also einem historisch sehr bedeutsamen Gurdwara, verschanzte. Niemals zuvor haben sich Sikh-Führer in Kriegszeiten hinter die schützenden Wände eines Gurdwara zurückgezogen. Gleichwohl repräsentiert Jarnail Singh für viele Sikhs - vor allem in politisch orientierten Teilen der Diaspora - Tugenden wie Aufrichtigkeit und bedingungslose Hingabe. In einigen Sikh-Kreisen genießt Jarnail Singh ein solch hohes und idealisiertes Ansehen, dass kritische Fragen als blasphemisch verurteilt werden. Die Langezeitfolgen des Wirkens von Jarnail Singh werden unter Sikhs aber auch unter Historikern gespalten gesehen.

 

Hintergrund der Spannungen in den 80er Jahren
Zahlreiche Spannungen entstanden in den 70er Jahren zwischen Vertretern der Sikhs und der Zentralregierung in Delhi über wirtschaftliche und religiöse Fragen. 1973 verabschiedete die Sikh-Partei Akali Dal die Anandpur Sahib Resolution. Die Kernforderungen lauten unter anderem: die Umsetzung eines All-India Gurdwara Act, die Einsetzung von Chandigarh zur alleinigen Hauptstadt des Panjabs und eine stärkere Staatsautonomie. Auch wurde der Abschnitt des Artikels 25 der indischen Verfassung in Frage gestellt, der Sikhs unter die Zuschreibungskategorie Hindu subsummiert. Zudem wollte man erreichen, dass Sikhs endlich mehr mediale Rechte, wie etwa einen eigenen Radiokanal, zugestanden werden. Die Forderungen der Akali Dal führten zu einem sich stetig steigernden Spannungsverhältnis zwischen den führern des Panjabs und der Zentralregierung. Zahlreiche Demonstrationen fanden in den Folgejahren statt. 1975 verhängte schließlich Indira Gandhi den Ausnahmezustand über Indien; laut Amnesty International wurden 140 000 Menschen ohne Haftbefehl festgenommen, darunter die Hälfte Sikhs. Sikhs gingen auch freiwillig in Haft, um gegen den Ausnahmezustand zu protestieren. Der Widerstand verstärkte sich, nachdem Gandhi die Anweisung erteilte, Wasser aus dem Panjab in die umliegenden Staaten umzuleiten.

 

Einige Autoren, darunter Sangat Singh, vertreten die These, dass der bis dahin unbekannte und wenig gebildete Jarnail Singh zu diesem Zeitpunkt von höchster politischer Ebene, also von Indira Gandhi und Zail Singh (dieser war bis 1977 Ministerpräsident des Panjabs) instrumentalisiert wurde, um die Akali Dal im Panjab, die sich ständig auf einer Gradwanderung zwischen religiöser Verbundenheit und Säkularismus bewegte, zu spalten. Die Rechnung schien zunächst aufzugehen: Die führenden politischen und religiösen Köpfe der Sikhs zerstritten sich immer mehr über das weitere Vorgehen. Doch das Blatt wendete sich 1980 nach der Ermordung Gurbachan Singhs, des Führers der Nirankari und des einflussreichen Verlegers Lala Jagat Narain 1981 durch Unbekannte. Jarnail Singh, der Verwicklung in die Morde verdächtigt, wurde im Verlaufe gewalttätiger Ausschreitungen zwischen der Polizei und seinen Anhängern im September 1981 festgenommen, aber bereits wenige Wochen später Aufgrund der schwachen Beweislage wieder freigelassen.

Der Aufstieg Jarnail Singhs
Jarnail Singh, der nach seiner Entlassung enorm an Popularität und Autorität gewann, forderte in seinen Reden die Einhaltung der Disziplin des Khalsa, kritisierte die Minderheitenpolitik der Zentralregierung und das Verhalten der politischen Sikh-Führer wie Badal. Seine religiöse Kernbotschaft lautete, Rauschmittel zu meiden, die Taufe zu empfangen, nach den Idealen des Khalsa zu leben und Sikh-Gruppen, die religiöse Grundwerte der Sikh-Religion missachten (zum Beispiel die Nirankari, die lebende Personen als Guru verehren) zu meiden. Er und seine Anhänger waren der Überzeugung, dass Indira Gandhi den Sikhs nicht nur offensichtlichen sondern auch subtilen Schaden zufügen wolle: Die starke Zunahme des Drogen, Alkohol und Tabakkonsums sowie die Eröffnung vieler neuer Alkoholläden im Panjab wurde nicht als zufällige Entwicklung, sondern vielmehr als geförderte Maßnahme von Seiten der Regierung angesehen, um vor allem Jugendliche von den Werten der Sikh-Religion zu entfernen.

Diverse Agitationen wurden unter der Führung Jarnail Singhs initiiert. Darunter auch die Ausrufung des Dhharam Yuddh Morcha 1982, dem Verteidigungskampfs zur Wahrung der Religion und dem Vorgehen gegen Unrecht. Die politische Hauptforderung Jarnail Singhs war hierbei die Umsetzung der Anandpur Sahib Resolution. Militärischen Widerstand gegen Polizisten und Soldaten hielt er für legitim. Dabei verurteilte Jarnail Singh Übergriffe auf Zivilisten aufs Schärfste und forderte alle Sikhs auf, sich von solchen Taten aktiv zu distanzieren. Verschiedene neu entstandene ‘Sikh’-Gruppen töteten unter anderem auch Zivilisten, vornehmlich Hindus. Untersuchungen von Menschenrechtsorganisationen ergaben später, dass zum Teil Mitglieder der Regierung einige dieser Gruppen unterstützen, um eine Legitimationsgrundlage für ein hartes Durchgreifen zu erlangen.

 

Die Stürmung des Darbar Sahibs 1984
Jarnail Singh und seine Begleiter verlagerten nun ihr Quartier in den Akal Takhat. Im Zuge der zunehmenden Eskalation im Panjab wurde Ende 1983 Darbara Singh abgesetzt, Indira Gandhi rief die Direktregierung des Panjabs durch die Zentralregierung in Delhi aus. Paramilitärische Truppen wurden zur Unterstützung der lokalen Polizei in den Panjab geschickt. Die Zunahme der Gewalttaten gegen Zivilisten verstärkte die bereits aufkeimende Polarisierung zwischen Zentralregierung und Sikhs. Indira Gandhi beschloss schließlich mit ihren Beratern die Stürmung des Darbar Sahib in Amritsar. In der Nacht vom 3. auf den 4. Juni 1984 eröffneten Soldaten der indischen Armee das Feuer auf das religiöse Zentrum der Sikhs. Zuvor wurde eine Ausgangs- und Nachrichtensperre verhängt. In den folgenden Tagen lieferten sich Jarnail Singh und seine Anhänger mit den Streitkräften erbitterte Gefechte. Im Zuge der Stürmung – der Operation Blue Star – wurden Besucher des Darbar Sahibs, Sänger, Jarnail Singh und seine Gefolgschaft getötet.

Die folgende Operation Woodrose schürte weiteres Misstrauen bei der Bevölkerung des Panjabs. Soldaten suchten im Panjab – vor allem in den ländlichen Gebieten – systematisch nach vermeintlichen Separatisten, dabei konzentrierten sie sich vor allem auf junge Sikhs. Bei bloßen Verdachtsmomenten wurden Sikhs ohne Haftbefehl verschleppt oder getötet. Vor allem Sikhs, die sich durch die sichtbaren Symbole zu ihrem Glauben bekannten, galten als besonders überprüfungswert

Nach der Ermordung Indira Gandhis im Oktober 1984 durch ihre Leibwächter Beant und Satwant Singh eskalierten die Unruhen im Panjab und Delhi. In Pogromen, durch die sich Hindus an Anhängern der Sikh-Religion für den Mord an Indira Gandhi rächten, starben tausende Sikhs; viele Gurdwara und Geschäfte wurden in Brand gesteckt. Die “Menschenrechtsunion für Zivile Freiheit” und die “Menschenrechtsunion für Demokratische Rechte” in Delhi kamen zu dem Schluss, dass die Ausschreitungen das Resultat eines gut organisierten Planes waren, der gekennzeichnet war durch wohlüberlegte Unterlassung und Verbrechen von wichtigen Politikern des Kongresses und von Autoritäten der Administration. Jaswant Singh Kalra, Menschenrechtler von Human Rights Wing entdeckte in den Jahren nach 1984 Massengräber mit mehreren zehntausend Leichen von Sikhs. Die gefundenen Leichen wiesen systematische Folterspuren auf (Vergleiche hierzu die WDR Dokumentation: “Indischer Knast – Schlimmer als Tod”). Wie andere Menschenrechtler auch, “verschwand” Jaswant Singh kurz nach der Veröffentlichung. Seine Leiche wurde nie gefunden.

Die Zeit nach 1984
Die Pogrome waren nach der Operation Bluestar ein weiteres traumatisches Erlebnis für die Sikhs. Vor allem viele junge, männliche Sikhs waren während der Unruhen der 80er Jahre Verfolgungen bzw. Verdächtigungen ausgesetzt. Nach den Pogromen entfernten viele junge Sikhs die äußeren Symbole ihrer Religion, um sich so vor Gewalt und Diskriminierung zu schützen. Vor allem durch die Inkraftsetzung von über 20 Anti-Terrorgesetzen in den 80er Jahren wurden der Polizei Handlungsmöglichkeiten eingeräumt, die eine Unterhöhlung der demokratischen Prinzipien erleichterten. So schufen unter anderem die Terrorist and Disruptive Activities Acts (TADA) von 1985, die auf bloßen Verdacht hin eine präventive Festnahme ermöglichten, eine Atmosphäre des Misstrauens und der Angst unter der Bevölkerung des Panjabs. Die Wiedereinführung der Direktregierung im Mai 1987 unter Rajiv Gandhi zur Beendigung der anhaltenden Gewaltwelle im Panjab und die damit einhergehende Besetzung Panjabs, fand 1988 ihren Höhepunkt in der Operation Black Thunder, bei der eine erneute Belagerung des Darbar Sahib stattfand. In den Folgejahren wurde die Bewegung weitestgehend auf militärischem Wege zerschlagen.

 

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