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DER GURU GRANTH SAHIB (GGS)

Der Guru Granth Sahib (GGS) ist die Quelle spiritueller Inspiration für Sikhs. Sikhs sprechen respektvoll vom Guru (religiöser Meister). Der GGS enthält universelle Weisheiten, die einer religiös orientierten ganzheitlichen und aufgeklärten Lebensweise dienen. Die Verse des GGS betonen die Einheit und Schönheit der Schöpfung. Sie messen einem sozial ausgerichteten Leben voller gegenseitigem Respekt hohe Bedeutung bei.

Historischer Hintergrund
Der Guru Granth Sahib wurde in verschiedenen Etappen im 16. Jahrhundert fertig gestellt. Guru Gobind Singh, der zehnte Meister der Sikhs, fügte dem Aad Granth Sahib, der von Guru Arjan 1604 angefertigt wurde, die Verse seines Vaters Guru Tegh Bahadar hinzu. Später ließ er in Anandpur Sahib unter der Aufsicht von Bhai Mani Singh, einem seiner treuesten Gefährten, handgefertigte Kopien des Werkes anfertigen. Allerdings gingen die meisten dieser Kopien beim Angriff auf Anandpur Sahib verloren. Vor seinem Tod 1708 versicherte Guru Gobind Singh, dass weiterhin die alleinige Guruwürde bei dem Inhalt der Schriften liegt. Die Schriften der Gurus genossen zwar schon zu deren Lebzeiten Guruwürde. Da aber immer wieder Versuche von einzelnen Menschen unternommen wurden, die Guruwürde für sich einzunehmen, wollte Guru Gobind Singh entsprechende Versuche unterbinden. Seit der Fertigstellung des Werkes durch Guru Gobind Singh wird dieser Guru Granth Sahib (GGS) oder auch Aad Guru Granth Sahib (AGGS) genannt. Granth bedeutet (religiöses) Werk. Bei Sahib handelt es sich um einen respektvollen Namenszusatz wie Herr oder Sir.

Ursprünge und Erstellung des GGS
Gelehrte gehen davon aus, dass Guru Nanak und die nachfolgenden drei Gurus ihre Verse zu Lebzeiten niederschrieben und dem jeweils nachfolgenden Guru übergaben. Der fünfte Guru vereinte dann die Schriften in einem Werk. Die Kompositionen umfassen in der heutigen Standardausgabe 1430 Seiten. Möglicherweise umfasste die als Originalkopie geltende Kartarpuri Birr nicht die so genannte Raag Mala, die in der heutigen Ausgabe auf den letzten zwei Seiten zu finden ist und eine Aufzählung von Melodienfolgen beinhaltet. Diese wurde einigen Gelehrten zufolge wohl erst im 18. oder 19. Jahrhundert hinzugefügt uns stammt nicht von den Gurus selbst. Warum und durch wen sie angefügt wurde, ist bis heute nicht ganz klar. Auffällig ist, dass die aufgelisteten Melodienfolgen der Raag Malaa sich zum Teil gar nicht im GGS wiederfinden und die Verse keine Weisheiten enthalten.

Die Verse des GGS sind in einer dichterischen Sprache verfasst, die in musikalischer Begleitung rezitiert werden können. Sie vereinen daher poetische und musikalische Schönheit zugleich. Zudem enthält der GGS, der in der Gurmukhi-Schrift verfasst wurde, auch Verse der Bhagat, Heiligen aus Nordindien. Ob diese bereits von Guru Nanak, oder erst von den nachfolgenden Gurus gesammelt wurden, ist nicht genau geklärt. Es gibt drei unterschiedliche Auffassungen:

  • Die erste besagt, dass bereits Guru Nanak die Verse der Bhagat sammelte.
  • Die zweite geht davon aus, dass erst die nachfolgenden Gurus die Kompositionen zusammentrugen.
  • Die dritte besteht darin, dass allein Guru Arjan für die Inkludierung besagter Verse verantwortlich war.

Das historische Material und der Aufbau bzw. die Inhalte des GGS lassen vermuten, dass die Schriften der Bhagat bereits vor Guru Arjan im Augenmerk der Gurus waren.

Der GGS ist wohl eine einzigartige Komposition in mehrfacher Hinsicht. Er ist ein authentisches Zeitdokument der Gurus und eines der wenigen Werke, welches zu Lebzeiten von Begründern selbst geschrieben wurde und erhalten geblieben ist. Das wahrscheinliche Original, die Kartarpuri Birr ist bis heute existent und befindet sich in Privatbesitz.

Übersicht der Autoren und Anordnung der Verse
Der GGS enthält insgesamt fast 6000 Strophen in 31 verschiedenen Raag - Melodienfolgen. Folgende Raag werden im GGS verwandt:

Maajh, Gauree, Aasa, Goojaree, Devgandhaaree, Bihaagraa, Vadhans, Sorath, Dhanaasree, Jaitsree, Todee, Bairaaree, Tiland, Soohee, Bilaaval, Gau(n)d, Ramkalee, Natnaaraaion, Maalee Gaurhaa, Maaroo, Tukhaaree, Kedaaraa, Bhairao, Basant, Saarang, Maljar, Kannaraa, Kaliaan und Prabhaatee.

Es existieren unterschiedliche Versformen - unter anderem Chaupade (vierstrophige Verse), Ashtpadi (achtstrophige Verse) und Chant (sechsstrophige Verse) sowie Pauri und Shalok. Zudem gib es die Vaar, die wesentlich längere Kompositionen enthalten und zahlreiche sehr kurze Strophen. Die Verse sind nach Raag, dann nach der Strophenform, anschließend nach dem Autor und zuletzt nach den Notenschlüsseln geordnet. Eine entsprechende Kennzeichnung ist am Anfang und am Ende eines Verses angebracht.

Die Autoren können in vier Gruppen aufgeteilt werden: 1.) Sechs Gurus, 2.) 15 Bhagat, 3.) 17 Bhatt, 4.) Drei Sikhs der Gurus

GURUS
Guru Nanak Dev: 974 (inkl. Slok und Pauri)
Guru Angad Dev: 62 (Slok)
Guru Amar Das: 907 (inkl. Slok und Pauri)
Guru Ram Das: 679 (inkl. Slok und Pauri)
Guru Arjan Dev: 2218 (inkl. Slok, Pauri)
Guru Tegh Bahadur: 115 (davon 56 Slok)

BHAGAT
Kabir 535 Verse. (296 Verse in Raag und 239 Salok). Kabir (15. Jahrhundert) war Sohn einer Brahmanin und wurde von einer muslimischen Stiefmutter erzogen. Kabir, der als Weber arbeitete, gilt als einer der Hauptexponenten der Bhakti Bewegung. Diese lehnte das Kastensystem und die Ausübung von Ritualen ab und betonte den inneren Aspekt von Religion.

Nam Dev 60 Verse. Namdev (1270 - 1350) wurde in Maharashtra in die Chimba Kaste hineingeboren. Der als Wäscher arbeitende Namdev reiste viel und lebte einige Zeit im Panjab

Ravidas 40 Verse. Ravidas, ein niederkastiger Chamar, war ein Zeitgenosse von Bhagat Kabir und ein Schüler von Bhagat Ramanand.

Sheikh Farid 134 Verse (4 Verse in Raag und 130 Slok). Sheikh Farid (1173 - 1266) wird allgemein als muslimischer Sufi und begnadeter Poet angesehen

Trilochan 4 Verse. Trilochan, der Kaste der Vaish zugehörig, war ein Zeitgenosse von Kabir.

Dhanna 4 Verse. Dhanna (1415-) war ein Jat aus Rajasthan. Erst spät in seinem Leben bekannte sich Dhanna zu einem spirituellen inneren Lebensweg.

Beni 3 Verse. Es ist wenig bekannt über den Brahmanen Beni.

Sheikh Bhikan 2 Verse. Der Sufi lebte zu Zeiten Akbars.

Jai Dev 2 Verse. Jai Dev wurde in eine Brahmanen-Familie hineingeboren. Er war ein Poet am Hofe des Königs Lakshman Sen in Bengal. Er gilt als Autor der Gita Govinda.

Sur Das 2 Verse. (1 Vers und 1 Zeile). Surdas (1529-), ebenfalls ein Brahmane, war beherrschte nicht nur Sanskrit, sondern auch Persisch. Als Musiker und Poet arbeitete er am Hofe Akbars, wurde aber wegen Vernachlässigung seiner Pflichten bestraft.

Parmanand 1 Vers. Der Brahmane Parmanand lebte in Maharashtra. Es ist wenig überliefert über ihn.

Pipa 1 Vers. Pipa (14. Jahrhundert), ein Rajput, war der Regent des Fürstentums Gagaraungarh. Er ließ jedoch sein königliches Leben hinter sich und wurde ein Schüler von Ramanand.

Ramanand 1 Vers. Ramanand (1359 - ) lebte in Madras. Der Brahmane gilt als Führungsfigur in der nordindischen Bhakti Bewegung. Kabir gilt als einer seiner engsten Schüler.

Sadhna 1 Vers. Sadhna, ein Kesai, lebte im Sind. Laut Überlieferung fiel der Schlachter aufgrund seiner Ansichten bei einflussreichen Brahmanen in Ungnade und wurde lebendig begraben

Sainu 1 Vers. Sain war ein Nai - ein Barbier - am königlichen Hof von Raja Ram und folgte später Ramanand und Kabir.

BHATT
Die Bhatt sind eine Gruppe von 17 Poeten und Musikern, die im etwa im sechzehnten Jahrhundert lebten und die Lebensweise der Gurus sehr bewunderten. Ihre etwa 130 Savaiyye - eine bestimmte Versform - befinden sich auf den Seiten 1389 bis 1409 des GGS.

01. Bhikha 2 Svaiyye (aus Sultanpur Lodhi)
02. Kalh auch Kalsahar oder Kal Thakur genannt 53 Svaiyye (Sohn von Bhikha)
03. Jalap 4 Svaiyye (aus Goindval; Sohn von Bhikha)
04. Kirat 8 Svaiyye (1634 gestorben; Sohn von Bhikha)
05. Mathura 12 Svaiyye (Sohn von Bhikha)
06. Salh 3 Svaiyye
07. Bhalh 1 Svaiyya
08. Balh 5 Svaiyye
09. Haribans 2 Svaiyye
10. Nalh 5 Svaiyye
11. Das auch Dasu oder Dasi genannt 10 Svaiyya (davon ein Svaiyya mit Sevak)
12. Sevak 4 Svaiyye
13. Parmanand 5 Svaiyye
14. Tal 1 Svaiyya
15. Jalan 2 Svaiyye
16. Jalh 1 Svaiyya
17. Gayand 5 Svaiyye

SIKHS
Mardana 3 Slok. Der als Muslim geborene Mardana war ein Musiker und seit Kindesbeinen an einer der engsten Schüler Guru Nanaks. Er spielte die Rabab - im Englischen rebeck genannt.

Satta und Balwand 1 Var. Satta war ein Rabab Spieler, der für Guru Angad, Guru Amar Das, Guru Ram Das und Guru Arjun Dev musizierte. Mit seinem musikalischen Mitstreiter Balwand komponierte er Balladen.

Sunder 1 Vers. Sunder (1560 - 1610), ein Khatri,  war Verwandt mit Guru Amar Das. Sein Vers wird der Ruf, Sadd, genannt.

 

Verbreitete Fehlinterpretationen
In existierenden Auslegungen des Guru Granth Sahib sowie Übersetzungen sind leider zahlreiche Fehlinterpretationen vorhanden. Die Gründe hierfür sind sehr vielschichtig. In den ursprünglichen Handanfertigungen, wie etwa der Kartarpuri Birr, sind einzelne Worte nicht getrennt. Zu Zeiten der Gurus war es nicht üblich, Worte durch ein Freizeichen zu trennen. Der Leser selbst musste beim Rezitieren in der Lage sein, einzelne Wörter zu erkennen, zu verstehen und folgerichtig zu betonen. Durch die falsche Trennung oder Betonung der Worte sowie wörtliche Übersetzung, kommt es zu oft zu Fehlinterpretationen und somit auch zu
fragwürdigen religiösen Praktiken. Dabei wird die vermittelte universelle Wahrheit zugunsten eingeengter Auslegungen geopfert.

Ein Beispiel: Im GGS auf Seite 750 schreibt Guru Arjan: Sabh te wada satigur Nanak jin kal rakhi meri. In Übereinstimmung mit Prof. Sahib Singh, findet man in der englischen Online Version des GGS (http://sikhitothemax.com & www.gurbanifiles.org) folgende Übersetzung: “Guru Nanak ist der Größte von Allen. Er hat meine Ehre im Zeitalter des Kal Yug gerettet.” Die Übersetzung geht dadurch in eine ganz andere Richtung, weil an der falschen Stelle, nämlich erst nach Nanak, eine gedankliche Pause (heute würde man ein Komma verwenden) gedacht wurde. Die Pause ist aber vor Nanak anzusetzen. Die korrekte Auslegung lautet dann: ”Satgur (göttliche Weisheit) ist am Höchsten, sagt (der fünfte) Nanak, denn sie hat meine Ehre gerettet.” Nanak wird am Ende eines Verses von Guru Arjan, wie auch von den anderen Gurus, im gesamten GGS durchgängig verwendet, um zu zeigen, dass von derselben Botschaft des satgur – der universellen Wahrheit – die Rede ist, von der Guru Nanak gesprochen hat. Daher sehen sich die Gurus als geistige Einheit. Nanak bedeutet daher: Nanak sagt.

Wenn die Gurus im GGS von Kal Yug reden, meinen sie in der Regel nicht das böse Zeitalter gemäß indischer Mythologie. Sie verwenden durchgehend im GGS Worte und mythologische Referenzen, die allgemein bekannt waren, geben diesen aber neue Bedeutung. Kal Yug, also das vermeintliche Zeitalter des Bösen, ist für die Gurus ein Leben ohne Gotteshingabe. Sie sprechen daher von dem geistigen Stadium des gegenwärtigen Lebens und eben nicht über eine vergangene Zeit (GGS, S. 96, M. 5).

Sprach- und Grammatiktechniken des GGS
Um solche Fehler zu vermeiden, ist es sehr wichtig, die von den Gurus verwendete Technik der Pause - Rahau - zu verstehen. In einem abgeschlossenen Vers wird immer im Satz vor dem Pausenhinweis der zentrale Gedanke der Gurus wieder gegeben. In den  Sätzen davor oder danach wird oft auf das Bezug genommen, was damals allgemein geglaubt oder praktiziert wurde. Leider passiert es in Übersetzungen oft, dass die mythologischen und rituellen Referenzen sowie Bezugnahmen auf verbreiteten Alltagsglauben als Einsichten der Gurus selber hingestellt werden. Dadurch kommen dann verbreitete Fehleinsichten zustande, wie etwa der Glaube an 84 Millionen Lebensformen, an das böse Zeitalter oder an ein vorgeschriebenes und unverrückbares Schicksal. Berücksichtigt man die interne Grammatik, die Pausentechnik sowie das spezifische Wortverständnis des Guru Granth Sahib, dann versteht man zum Beispiel, dass wenn die Gurus vom Tod sprechen, sie nicht den Körper meinen, sondern den Tod der Seele (Seele ist hier wiederum eine Metapher). Das Nachtgebet Sohila ist entgegen der mittlerweile etablierten Tradition demgemäß kein Gebet welches sich auf den körperlichen Tod bezieht, sondern es spricht über den seelischen Tod, der die Menschen alltäglich ereilt, die sich göttliche Tugenden entfernt haben. Die existierenden (englischen) Übersetzungen schenken der Pausentechnik kaum Beachtung und vermitteln daher zum Teil ein verzerrtes Bild der Einsichten des GGS.

Religiöse Praxis
Der GGS wird in ein sauberes Tuch gehüllt und in der Mitte eines Gurdwara platziert. Sikhs verbeugen sich vor dem GGS. Dadurch soll dem Inhalt der Schrift (Gurbani) Respekt gezollt werden. Manchmal ist zu sehen, dass Sikhs den GGS im Gurdwara mehrmals umwandern und den GGS mit den Händen berühren. Auch sieht man, dass Besucher beim verbeugen die Nase auf den Boden reiben. Aus Sicht der Begründer wird durch solche körperlich Huldigungen der materiellen Form des GGS seelisch nichts gewonnen. Die schlichte Verbeugung gilt vom Sinn her nur dem Inhalt der Schrift. Guru Ram Das fasst die Bedeutung der Schrift prägnant zusammen: “Das Wort - Bani - ist Guru und Guru ist Bani. Die Bani enthält den göttlichen Nektar Amrit” (GGS, S. 982, M. 4). Das Einhüllen des GGS in Dutzende pompöser Tücher und die Verzierung mit Blumen(kränzen) oder Ähnlichem geht gegen das Schlichtheitsprinzip des GGS. In einigen Gurdwara ist zu sehen, dass im Winter dicke Tücher verwendet werden, um “den Guru zu wärmen”, so die Erklärung. Solche Riten sind genau das, was die Gurus im GGS mit Nachdruck als unreflektiertes und oberflächliches Handeln kritisieren.

In Gurdwara haben sich mittlerweile feste Abläufe etabliert. So wird nach Beendigung der Gebete und des Abschlussgebetes der Guru Granth Sahib per Zufallsprinzip aufgeschlagen. Der erste Vers auf der linken Seite wird laut rezitiert. Sikhs sprechen von hukamnama oder waak, das Einholen der göttlichen Inspiration. Das ausgewählte Gebet sollte verinnerlicht und als Rat für den Tag angesehen werden.

 

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