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Sikhs haben seit Ende der 70iger Jahre zahlreiche Gurdwara (Gurduara), religiöse Stätten, auf dem europäischen Festland gegründet. Ihre Zahl wächst stetig an. Doch wie sieht das religiöse Leben in den Gurdwara aus Sicht der Guru Granth Sahib (GGS) aus? Um diese Frage zu beantworten, wurden unter anderem Gurdwara in Deutschland, Frankreich, Österreich, Schweiz, Holland, Schweden und Spanien unter die Lupe genommen. Bei der Einordnung wurde auch berücksichtigt, in wie weit die vermittelten Inhalte Bezüge zur hiesigen Lebenswelt aufweisen.
Erster Eindruck und Ausstattung der Gurdwara Zunächst fällt auf, dass die Gurdwara sich zumeist außerhalb der Stadt befinden. Oft befinden sie sich in stillgelegten Betrieben oder Lagerhallen. Einige Sikh-Gemeinden haben inzwischen den unangemessenen Namen ‘Sikh-Tempel’ übernommen. Je nach Lage, werden die Gurdwara unterschiedlich gut besucht. An Sonntagen befinden sich in den Ballungszentren mehrere hundert Besucher in die Gurdwara ein. Allerdings hat die Eröffnung mehrerer Gurdwara in Städten wie Hamburg, Köln oder München dazu geführt, dass einige Gemeindezentren erheblich an Lebendigkeit verloren haben. Hintergrund sind laut Gemeindemitgliedern Streitereien sowie wohl Vetternwirtschaft.
In den gut besuchten Gurdwara herrscht ein reges und ungezwungenes Treiben. Besucher kommen und gehen ganz nach den eigenen Bedürfnissen. Es wird geredet, diskutiert und gegessen. Kinder freuen sich darüber, dass sie mit gleichaltrigen spielen können. Entsprechend unruhig ist es in den Gurdwara. Einige der Gurdwara erinnern mit ihren bunten Laternen, Luftballons, blinkenden Lichtketten, künstlichen Blumen und übersteuerten Lautsprechern mehr an eine “Karnevalsversammlung” (O-Ton Besucher) als an einen Ort der Besinnung. Hinzu kommt, dass Besucher oder Vorstandsmitglieder ständig wegen organisatorischen oder rituellen Angelegenheiten in Bewegung sind. In manchen Gurdwara ist die Unruhe und Ablenkung so stark, dass es schwer ist, sich auf die vorgetragenen Inhalte zu konzentrieren.
Vorbildlich ist, dass der Hauptraum, in dem die heilige Schrift, der Guru Granth Sahib (GGS), aufbewahrt wird, sehr sauber gehalten wird. Ebenso die Küchen. Die sanitären Anlagen hingegen lassen oftmals zu Wünschen übrig.
Ablauf und Inhalte der Rezitationen Einige Gurdwara orientieren sich inhaltlich vorbildlich an den Grundsätzen der Sikh Rahit Maryada. Die Sikh Rahit Maryada gilt als Kodex insbesondere für das gemeinschaftliche Leben und stellt einen Konsens verschiedener Strömungen dar. Andere Gemeindezentren, deren Vorstände Institutionen wie der Damdami Taksal oder dem Sant Samaj (selbst ernannte Heilige) nahe stehen, orientieren sich weniger an dem Gemeinschaftskodex. Die Art und Weise, wie die religiöse Zusammenkunft gestaltet wird, verdeutlicht letztlich schnell, ob die Verantwortlichen sich an den Weisheiten des GGS orientieren oder nicht. Dabei ist nicht immer ersichtlich, ob die Gemeindevorsteher religiöse Grundinhalte schlicht nicht kennen oder bewusst ignorieren.
Kleinere Unterschiede zeigen sich vor allem bei den gemeinschaftlich rezitierten Versen. Auch das Abschlussgebet, die Ardas, wird ihrem Sinn nach nichtgemäß der vorgeschriebenen Form vorgetragen. So wird bspw. zum Abschluss gesagt: Bhog lau oder Hun lawo bhoh har rae. Es müsste aber lauten: Dar parwan howai. Es bedeutet symbolisch, dass die rezitierten Verse verinnerlicht werden mögen. Da aber in den Gurdwara zumeist ein materielles Verständnis vorherrscht, denken die meisten Sikhs, es bezöge sich auf eine Segnung der zubereiteten Speisen. Zum Teil werden Verse rezitiert, die nicht aus dem GGS oder vom zehnten Meister stammen, sondern auf Werke zurückgehen, die nicht im Einklang mit dem GGS stehen. Im Abschlussgebet werden immer Namen von Personen genannt, die eine Rezitation gegen Entgelt in Auftrag gegeben haben. Dabei werden in der Regel folgende Zeilen gesprochen: “Herr X spendete 101€, Familie Y 51€. Möge Gott diesen ganz besonders beistehen. Herr X, der 100€ gespendet hat, bittet Gott, dass sein neu erworbenes Geschäft florieren möge. Möge Gott ihm ein reiches Einkommen schenken und ihn segnen und seine Fehler vergeben. Familie Z, die 51€ spendete, bittet Gott ihr neu erworbenes Haus zu segnen. Möge es immer voller Glück sein.” Materielle Dinge oder Glück vom Schöpfer zu erbitten und dies noch in Kombination mit einer Geldspende, steht im deutlichen Gegensatz zu den Einsichten des GGS. Im GGS wird weder materielles noch Glück vom Schöpfer erbeten. Denn materielle Dinge, ebenso wie der Körper, sind vergänglich. Sie stehen daher nicht im Zentrum, sondern die Seele. Zudem gehört Glück und Leid zusammen wie der Tag zur Nacht. Sich nur nach dem Tag zu sehnen bedeutet, den Hukam, die Allmacht und Weisheit der Schöpfung, aus Egoismus nicht anzuerkennen. Entsprechend findet sich im GGS nur ein wiederkehrendes Gebet: Die Gnade der inneren Erkenntnis. Da dem spirituelle Aspekt der Sikhi vielfach wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, kommt es auch regelmäßig zu fehlerhaften und weltlich geprägten Auslegungen des GGS.
Vermittlung religiöser Inhalte In den Gurdwara arbeiten Granthi, die dafür angestellt werden, die religiösen Belange der Gurdwara zu leiten. Sie wohnen im Gurdwara und leiten die Rezitationen. Sie stammen fast immer aus dem Panjab. Nur die wenigsten haben eine umfassende religiöse und schulische Ausbildung genossen. Es wunder daher nicht, dass sie die Verse weder korrekt aussprechen können noch die interne Grammatik des GGS genauer kennen. Die Fähigkeit, Verse ausgehend von den Grundeinsichten des GGS verständlich zu erklären, ist nur selten vorhanden. Um diesen Mangel nicht zu offensichtlich werden zu lassen, erzählen die Granthi vor allem Legendenerzählungen über die Begründer oder andere prominente Sikhs. Dabei stehen die Erzählungen vielfach im Gegensatz zu den Einsichten, di die Begründer selbst aufgeschrieben haben.
Die Berücksichtigung des Lebensalltags in Europa, vor allem von Jugendlichen, fehlt leider fast immer. Dies liegt auch daran, dass die männliche Granthi aus dem Panjab heraus eingestellt werden. Sie haben nur begrenzte Einblicke in das Alltagsleben gut integrierter Sikhs der zweiten und nachfolgenden Generationen in Europa. Kaum ein Granthi beherrscht Englisch oder die Sprache des jeweiligen Einsatzlandes. Ein nachvollziehbares und an Tugenden orientiertes Auswahlverfahren ist nicht vorhanden. Dies scheint auch gar nicht im Sinne einiger Gemeindevertreter zu sein. Denn die Auswahl der durchweg männlichen Granthi erfolgt fast immer über persönliche Beziehungen, nach dem Motto: “Ich kenne da jemanden, der Arbeit sucht”. Da es keine vereinheitlichte Mindeststandards für Granthi gibt, kann sich praktisch jeder einen Granthi nennen. Dies führt in Einzelfällen dazu, dass Granthi niedere Akte begehen, die die gesamte Gemeinde in Verruf bringen. Aus Sicht des GGS dürfte es gar keine Granthi oder bzw. Formen von Priesterschaft geben. Denn der Mensch benötigt keinen Mittler, um mit dem Göttlichen in Kontakt zu treten. Alle, die bewusst als Sikhs leben, müssten selbst in der Lage sein, Verse zu rezitieren und ein Grundverständnis zu erlangen. Eine Abhängigkeit von Berufspriestern wäre dann nicht notwendig. Leider ist die Tendenz genau umgekehrt. Immer mehr Sikhs geben komplette Rezitation des GGS einem Granthi gegen Bezahlung in ‘Auftrag’. Oftmals sind die Auftraggeber bei der Rezitation nicht einmal anwesend. Solche Haltungen gewinnen vor allem auch deshalb an Verbreitung, weil sie in historisch bedeutendsten Gurdwara wie dem Darbar Sahib in Amritsar aus finanziellen und machtpolitischen Erwägungen heraus vorgelebt werden.
Regelmäßig kommen auch Weakheakar (Gebetsinterpretierter) und Dhadi in die Gurdwara. Die Mehrheit von ihnen erzählen allerdings in einem Stil, der vor allem für Jugendliche schwer nachverfolgbar ist. Heldenerzählungen und teilweise abenteuerliche Legendenerzählungen beherrschen die Vorträge. Oft geht es um ‘Wunder’ die angeblich vollbracht worden sind. Das der GGS vielfach gegenteilige Einsichten enthält, wird scheinbar billigend in Kauf genommen. Aufgrund des geringen religiösen Bildungsgrades bei den Besuchern bleiben kritische Fragen aus der Gemeinde in der Regel aus. Ironischerweise bekommen Interpretierter sogar neben Geld noch einen Siropa verliehen. Dabei handelt es sich um eine ehrenvolle Auszeichnung, die eigentlich an Menschen verliehen wird, die sich um die Dienste der Menschheit verdient gemacht haben. Umgekehrt halten sich Sänger und Interpretierer mit Kritik an den Verhältnissen der Gurdwara zurück. Denn wenn sie das Vorgehen der Komitees, die die Gurdwara leiten, kritisieren, kann Ihnen zukünftig ihr Verdienst “durch die Lappen gehen”.
Einschätzungen von Jugendlichen Kinder und Jugendliche äußern regelmäßig, dass sie nur in den Gurdwara gehen, weil sie müssen bzw. weil sie dort andere Altersgenossen treffen oder sich schönen Kirtan anhören können. Dies verwundert nicht, den regelmäßig zieht sich der Sonntag bis in den späten Nachmittag hinein. Oft dominieren nach den religiösen Gesängen politisierte Ansprachen oder gar Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Fraktionen. Engagierte Sikhs empfinden die dauernden Dispute in den Gurdwara als entehrend für die Sikhi. Vor allem auch dann, wenn Auseinandersetzungen den Weg in die Medien finden (“Massenschlägerei in Hamburg, Welt Online und Hamburger Abendblatt vom November 2007). Richtig Spaß macht es daher eigentlich nur manchmal, so die Aussagen vieler junger Sikhs: “Am besten ist noch, wenn gesungen wird, denn da bleibt das ewige Thema Geld und Politik außen vor”, so ein Sikh-Mädchen. Ein Jugendlicher meint: “Ich gehe nur hin, um meine Kumpels zu treffen. Wir gehen dann raus, hängen rum oder machen Sport im Sommer. Was die Wichtigtuer so reden, interessiert uns nicht. Es geht denen doch gar nicht um unsere Religion, sondern darum, dass ihr Bild in irgendeiner Popelzeitung erscheint oder sie Präsident werden.” Ein anderer Sikh gesteht: “Von den Versen verstehe ich nichts, was soll ich da rumsitzen?” Die Aussagen machen deutlich, dass sich junge Sikhs oftmals im Gurdwara nicht aufgehoben fühlen.
Jugendunterricht Lobend ist zu erwähnen, dass in einigen Gurdwara mittlerweile Panjabi und Religion für Jugendliche angeboten wird. Der Sprachunterricht wird oft von engagierten Frauen angeboten. Doch aufgrund hoher Fluktuation in den Klassen und mangelnder Räumlichkeiten ist es für die Lehrenden nicht einfach, den Unterricht angemessen durchzuführen. Methodisch gibt es viel Raum für Verbesserungen. Oft besteht der Unterricht aus reiner Wissensvermittlung. Die Kinder müssen oftmals Legenden und Namen berühmter Sikhs auswendig lernen. Doch eine tiefergehende Auseinandersetzung mit den behandelten Inhalten fehlt. Die Inhalte des GGS haben im Unterricht aufgrund mangelnder Kenntnis seitens der Lehrer keine hohe Bedeutung. In einigen Schulen sind die Lehrer nicht im Stande, den Eröffnungsvers des GGS korrekt zu vermitteln.
Die Berücksichtigung der aktuellen Lebenswelt junger Sikh-Kinder in Europa scheint vielen Lehrern fremd. Kaum ein Lehrer hat jemals zuvor als Lehrer gearbeitet bzw. eine relevante Ausbildung genossen. Jugendliche, die am Unterricht in den Gurdwara teilnahmen, antworteten auf die Frage, welcher Religion sie denn angehören: “Ich bin ein Sikh”. Auf Nachfrage, was dies denn ausmache, konnte nichts darüber hinaus gesagt werden, außer dass man seine Haare nicht schneidet. Das Beispiel verdeutlich den Mangel im Unterricht aber auch an den Inhalten, die allgemein in den Gurdwara gelehrt werden. Den Kindern einfache Inhalte spielerisch zu vermitteln ist somit einer der großen Herausforderungen für die Zukunft. Vor allem ist es notwendig, religiöse Orientierungen zu vermitteln und nicht passives Wissen. Fragen nach den Geschwistern der Religionsgründer können je nach Fragestellung wichtig sein. Zunächst jedoch sollte eine Grundausbildung ausgehend von den Einsichten des GGS statt finden sowie die Vermittlung historischer Zusammenhänge. Es ist dringlich, den Kindern Grundwerte für ihr Handeln im Alltag zu vermitteln. Dies sollte zunächst über einfachste Erklärungen der Verse aus dem GGS in Kombination aus der Lebensgeschichte der Begründer erfolgen.
Religiöse Gesänge Toll ist, dass Sikh-Kinder mittlerweile Kirtan und Tabla lernen. Einige Kinder singen richtig schön und spielen wunderbar Tabla. In manchen Gurdwara gibt es gar nur Kinder und Jugendliche, die die Kunst beherrschen, Verse aus dem GGS in Begleitung von Instrumenten vorzusingen. Nicht einmal der Granthi war dazu in angemessener Art und Weise dazu der Lage. In manchen Fällen jedoch wird der Eindruck erweckt, dass es Eltern darum geht, ihr Kind als die ‘Nr. 1’ im Gurdwara zu etablieren. Die Kinder, die im Gurdwara singen, werden immer jünger. Dass die Kinder die Grundaussagen der Verse verstehen, die sie vorsingen, erscheint unwichtig. Auf Nachfrage können Kinder aber auch Erwachsene oft nicht mal in Ansätzen beschreiben, was die öffentlich vorgetragenen Verse bedeuten. Teilweise wissen die Sänger auch nicht, woher die Verse stammen, die sie ausgewählt haben.
Dass berühmte Ragi (Sänger) aus dem Panjab und aus anderen Ländern kommen, ist keine Seltenheit mehr. Einige von Ihnen singen wunderschön und erzeugen ganz im Sinne der Idee des Kirtan eine hingebungsvolle religiöse Grundstimmung. Allerdings fällt auch hier die zunehmende Kommerzialisierung der Sikh-Religion auf. Vor allem bei berühmten Sängern ist es inzwischen verbreitet, dass sie nur auftreten, wenn die Gemeinde die Kasse der Sänger ordentlich klingeln lässt. Berühmte Sänger treten teilweise an einem Tag in mehreren Gurdwara auf. Sie singen für eine Stunde und ziehen sofort nach ihrem bezahlten Auftritt weiter. Von den Sikhs, die den Gurdwara besuchen, bekommen sie zusätzlich zum vorher vereinbarten Betrag auch noch Geld. Es ist weit verbreitet, während der Aufführung Geld vor den singenden Ragi zu legen. Damit wollen Sikhs ihre Hingabe demonstrieren und die Sänger loben. Manche Besucher denken auch, dies bringt ihnen Glück oder hält Leid fern. Andere zeigen damit, wie spendabel sie sind. Aus Sicht des GGS ist diese Praxis höchst bedenklich. Erstens ist es bereits eine Gradwanderung, im Namen der Religion Geld zu verdienen. Zweitens stört die ständige Präsenz von Geld die religiöse Stimmung und die Aufmerksamkeit der Sänger. Auch sollte nicht vergessen werden, dass vor allem die berühmten Sänger sehr wohlhabend sind und eigentlich nicht auf das Zubrot hart arbeitender Sikh-Migranten angewiesen sind.
Die Vorstände der Gurdwara Bei den Gurdwara handelt es sich zumeist um eingetragene Vereine. Ein Vorstand (Komitee) aus fünf ehrenamtlich tätigen Sikhs leitet einen Gurdwara. Das Komitee wird ausgehend vom Vereinsgesetz durch Wahlen bestimmt. Inzwischen dürfen sich in einigen Gurdwara nur Mitglieder, die Beiträge zahlen, bei Vorstandswahlen beteiligen. Dies führt dazu, dass rivalisierende Gruppen kurz vor den Wahlen sehr aktiv versuchen, ihre Wählerschaft durch unterschiedliche Strategien zu verbreitern. Dies führt dazu, dass immer wieder Personen in den Vorstand gewählt werden, die bei frommen Sikhs Kopfschütteln auslösen. Dabei fällt auf, dass einige Sikhs nur im Umfeld von Wahlen in den Gurdwara kommen. Andere sieht man nur, solange sie im Vorstand sind. Nach Verlust des Postens sieht man ehemalige Vorstandsmitglieder teilweise erst wieder vor den nächsten Wahlen. Solche Vorgänge führen gerade unter praktizierenden Sikhs zu Entfremdung. Denn, so deren Aussagen, nicht Argumenten, die sich an den Weisheiten des GGS orientieren, wird Beachtung geschenkt, sondern dem, der die meisten Leute hinter sich versammeln kann. Im Ergebnis führt diese Erkenntnis teilweise dazu, dass fromme Sikhs nur noch selten in den Gurdwara gehen und sich lieber außerhalb des Gurdwara engagieren.
Finanzierung Verantwortlich für die Einnahmen und Ausgaben der Gurdwara sind die Vorstandsmitglieder. Die Finanzierung der Gurdwara erfolgt durch Spenden der Gemeinde. Seit einigen Jahrzehnten hat es sich eingebürgert, dass eine große Geldbüchse vor dem GGS platziert wird. Bevor Sikhs sich vor der Schrift verbeugen, werfen sie ihre Spende hinein. (Besucher fragen daher manchmal, ob man sich vor dem Geld oder dem GGS verbeugt.) Wie andere Geldspenden verarbeitet werden, bspw. für die Nahrungszubereitung, die nicht in die Büchse gegeben werden, ist nicht immer ganz klar. Insgesamt fehlt eine genaue und transparente Rechenschaft über die Einnahmen der Gurdwara. Auch wie und wann über geplante Investitionen entschieden wird, bleibt oft schleierhaft. Obwohl die ältesten Gurdwara seit mehreren Jahrzehnten über ein regelmäßiges Einkommen haben, befinden sie sich nicht in einem entsprechenden baulichen und organisatorischen Zustand. Oft heißt es von Seiten der Komitees, dass noch immer Spenden benötigt werden, um den aufgenommenen Kredit für das Grundstück abzahlen zu können. Wenn man die Einnahmen abzüglich der Ausgaben in manchen Gurdwara hochrechnet, dann müssten im Gesamtergebnis die Gurdwara längst ihre Kredite abbezahlt haben. Dementsprechend oft gibt es Auseinandersetzungen wegen Miss- und Vetternwirtschaft. Guru Nanak hat bereits in den Anfängen deutlich gemacht, dass es schlecht um die Welt steht, wenn sich schon religiöse Stätten nicht mehr durch Vorbildlichkeit, Ehrlichkeit und Tugendhaftigkeit auszuzeichnen: “Die vermeintlich heiligen Orte der Erde sind verschmutzt und so sinkt die Welt dahin” (GGS, S. 692, M. 1).
Verbesserungsvorschläge für die Führung von Gurdwara Warum kommt es in Gurdwara immer wieder zu peinlichen und wiederkehrenden Streitigkeiten vor allem im Vorfeld von Vorstandswahlen? Unter anderem deswegen, weil Macht und Egoismus gepaart mit finanziellen Unstimmigkeiten im Spiel ist. Ein sehr sensibler und transparenter Umgang mit den Finanzen ist daher erforderlich. Bargeld sollte komplett aus den Gurdwara herausgehalten werden. Jede Investition und alle Ausgaben sollten transparent von neutralen Besuchern regelmäßig geprüft werden. Dabei sollten Investitionen Vorrang haben, die das religiöse Fundament der Sikhs oder Jugendaktivitäten, bspw. der Anbau eines Sport- und Fitnesscenters, stärken. Wenn geplant wird, die Inneneinrichtung zu ändern, müsste immer das Schlichtheitsprinzip der Sikhi als Maß angewendet werden und nicht der Geschmack des Vorstandes. Weniger ist mehr würde auch bedeuten, das Soundsystem so auszustatten, dass zu hohe Lautstärken gar nicht erst eingestellt werden können. Um zu gewährleisten, dass das Geld sinnvoll verwendet wird, sollte die Gemeinde über bevorstehende Anschaffungen rechtzeitig informiert werden. Erst anschließend sollten konkrete Entscheidungen getroffen werden. Investitionen, die die Inneneinrichtung
Spenden sollten ausnahmslos per Banküberweisung mit Beleg getätigt werden. Für die Gemeinde sollte jeden Monat ein aktueller Bankauszug zugänglich gemacht werden. Beim Besuch des Gurdwara sollten eher verwendbare Güter wie Mehl, Früchte usw. in der Küche abgegeben werden. Auch wäre es dringend notwendig, dass Geld für Zwecke außerhalb des Gurdwara gespendet wird: Guru kaa sikh garieb kie rasna ko guru kie golak jane (Bhai Tchaupa Singh). Demgemäß ist die Hilfe eines Bedürftigen, bspw. eine Spende nach einem Erdbeben oder die Finanzierung eines Studiums genauso ehrenhaft ist, wie eine Gabe an den Gurdwara. Vorraussetzung ist, dass die Abgaben auf ehrliche Art und Weise verdient wurden: Daswand guru naeh dewhi tschuth bol jo khae. Kaeh Gobind Singh lal ji tis kaa katsch bsae (Tankhahnama Bhai Nand Lal). Sinngemäß bedeutet die Aussage von Bhai Nand Lal, einem Gefährten des zehnten Gurus, dass demjenigen, der keinen sozialen Beitrag leistet und seinen Verdienst unehrlich bestreitet, nicht zu trauen ist. Externen Sänger und Gelehrten sollten nur noch einen vorher mit der Gemeinde abgesprochenen Lohn bekommen. Dabei sollten nur qualifizierte Sikhs rekrutiert werden, deren bisheriger Werdegang auf einen frommen und religiösen Chrackter schließen lässt.
Rückkehr zu den Fünf Geliebten Das mehrheitsbasierte System der Vorstände ist gemäß dem GGS und dem Konzept der Khalsa-Bruderschaft unangemessen. Zu Zeiten der Religionsgründer wurde nicht ein Mehrheitsprinzip angewendet, sondern die fünf frommsten und weisesten Sikhs, die die historischen Fünf Geliebten symbolisieren, waren für religiöse und soziale Fragen der Gemeinde verantwortlich gemeinschaftlich verantwortlich. Ämter wie die des Präsidenten, Kassenwartes oder Generalsekretärs mögen nach dem Vereinsrecht notwendig sein. Doch sie passen nicht zur tugendorientierten Sikhi. Sikh-Gemeinden müssten sich überlegen, ob nicht andere Formen der Gemeindebildung angemessener wären. Ein eingetragener Verein ist möglicherweise nicht die geeignetste Organisationsform. Zu überlegen wäre dabei, ob nicht fähige und gelehrte Sikhs gemäß dem System der Fünf Geliebten klar beschränkte Aufgaben übernehmen. Nur so könnte dem Aufbau von Netzwerken für persönlichen Profit entgegnet werden. Jede Gemeinde benötigt letztlich die Unterstützung frommer Sikhs, die überzeugend Orientierung bieten und in der Lage sind, Aktivitäten und Diskussionen mit den Einsichten der Sikhi abzugleichen.
Minimalstandards für eine religiöse Ausbildung Granthi oder Weakhekar sollte nur jemand werden können, der nachweislich eine religiöse und weltliche Bildung genossen hat. Ein zehnte Klasse Abschluss reicht in keinem Fall aus. Sinnvoll wäre, wenn es einen internationalen Ausbildungsstandard geben würde. Eine zentrale Prüfung müsste dann von jedem Anwärter abgelegt werden. Diese sollte Grundkenntnisse in Naturwissenschaft, Geschichte, (vergleichende) Religion, Musik und Sprache abfragen. Jeder Weakhekar oder Granthi sollte mindestens englische über Grundkenntnisse verfügen. Nur wer diesen Mindestanforderungen entspricht, sollte sich um den Dienst in einem Gurdwara bewerben dürfen. Es sollten im Gegensatz zu jetzigen Praxis öffentliche Ausschreibungen und Auswahlgespräche durch zertifizierte Akademien erfolgen. Gut ausgebildete Granthi könnten dann auch als Lehrer tätig sein und Kinder religiös und musikalisch ausbilden. Tugendhafte Granthi mit solider Ausbildung könnten einige der bestehenden Unstimmigkeiten der Gurdwara mindern und eine zentrale Rolle auch außerhalb der Gurdwara spielen.
Größere Gurdwara sollte versuchen, einen Fitnessbereich aufzubauen. Konkrete Jugendprojekte, bei denen die Jugendlichen selbst gestalten, würden helfen, das Gemeinschaftsgefühl zu stärken. Erste aber weitgehend von Einzelnen initiierte Projekte sind inzwischen zu erkennen. Eine kleine Bibliothek mit aktuellen Publikationen und Magazinen sowohl in Panjabi als auch in der jeweiligen Landessprache würde darüber hinaus enorm helfen. Dabei ist wichtig, dass dort nicht nur religiöse und historische Sikh-Literatur vorhanden ist. Gesellschaftliche Themen sollten hier ebenso Platz finden wie Bücher über andere Religionen. Darüber hinaus sollte versucht werden, wichtige Verse in Absprache mit praktizierenden Sikh-Gelehrten in der jeweiligen Landessprache zu übersetzen. Dies würde Kindern und Besuchern helfen, Inhalte des GGS besser zu verstehen und sie für den Alltag brauchbar zu machen. In einigen Ländern wurde erste Schritte in diese Richtung bereits unternommen.
Fazit Es ist deutlich geworden, dass große Herausforderungen in den Gurdwara zu bewältigen sind. Dies gilt vor allem für die kommenden Generationen. Die Gurdwara müssen wieder ein Ort der Spiritualität und Reinheit werden. Der fünfte Meister schreibt:
“Das Falsche erachtet man als wahr. Die Wahrheit wird nicht angenommen. Man nimmt den verbotenen, krummen Pfad. Verlässt die richtige Handhabung und webt ein falsches Muster. Auch wenn beide Wege (der Richtige und Falsche) gemäß der Schöpfung sich entfalten, so werden doch nur die Seelenfrieden finden, die den wahrhaftigen Weg bestreiten” (GGS, S. 185, M. 5).
Es ist von größter Wichtigkeit, dass auch Kinder und Jugendliche gerne in den Gurdwara gehen und ebenso wie die Erwachsenen nach jedem Besuch etwas Neues hinzulernen. Der Sinn des Gurdwara ist, von der Weisheit des GGS zu lernen, um ein besserer Mensch zu werden. Darauf sollten alle Aktivitäten im Gurdwara ausgerichtet werden. Darin stimmen engagierte (jugendliche) Sikhs aus Indien, aus Nordamerika und Europa überein.
Neben der Verbesserung der Gurdwara als zentrale Gemeindeinstitutionen wird es in einer globalen Welt wichtiger, jenseits bestehender Formen der Zusammenkunft Veränderungen anzustoßen. Gerade dort, wo die Dichte an Sikhs sehr gering ist, spielen private Zusammenkünfte eine zentrale Rolle. In manchen Fällen sind Sikhs zu einem mobilen Gurdwara übergegangen. Sie treffen sich abwechselnd zu Hause oder in einem gemieteten Raum. Sie singen gemeinsam, erläutern die Verse und behandeln anschließend wichtige persönliche oder religiöse Fragen. Es gibt kein Komitee, keine Geldtransfers oder weitere Rituale.
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