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Sikhs haben seit Ende der 70iger Jahre zahlreiche Gurdwara auf dem europäischen Festland gegründet. Ihre Zahl wächst stetig an. Uns hat interessiert, wie die Situation der Gurdwara aus Sicht des Guru Granth Sahib und der Sikh Rahit Maryada (hier sind grundlegende Standards für Sikh-Institutionen festgelegt) zu bewerten ist. Dazu wurden Gurdwara in Deutschland, Frankreich, Österreich, Holland, Schweden und Spanien unter die Lupe genommen und geschaut, inwieweit die vermittelten Inhalte mit den Lehren des Guru Granth Sahib übereinstimmen, wie ihre Qualität ist und ob versucht wird, Bezüge zur hiesigen Lebenswelt herzustellen.
Aktueller Stand Zunächst fällt auf, dass die meisten Gurdwara sehr unterschiedliche inhaltliche Standards haben. Die Mehrheit folgt keiner klaren inhaltlichen Linie. Einige Gurdwara werden nach Grundsätzen unterschiedlicher Gruppen wie der Damdami Taksal geführt, andere lehnen sich eher an die Sikh Rahit Maryada. Die Sikh Rahit Maryada gilt als offizieller gemeinschaftlicher Kodex und stellt einen Konsens verschiedener Strömungen dar. Offensichtlich ist, dass vielen Sikhs im Gurdwara die Leitlinien für ein vorbildliches Verhalten entweder nicht bekannt sind oder sie ignoriert werden.
Es wird bereits auf den ersten Blick deutlich, dass in vielen Gurdwara einfachste Grundsätze verletzt werden. So werden Gebete zum Teil unterschiedlich rezitiert, die Vorgaben aus der Sikh Rahit Maryada mehrheitlich ignoriert. Ähnliches ist beim Abschlussgebet, der Ardas, zu beobachten. Es wird hier oft zum Abschluss gesagt: Bhog lau. Es sollte aber lauten: Dar parwan howai. Es bedeutet, dass die zubereiteten Speisen angenommen werden mögen. Diese Unterschiede tauchen auch deswegen auf, weil unterschiedliche Versionen der Gebete in gedruckter Version im Umlauf sind (Gutka). Viele kennen daher seit ihrer Kindheit eine Version die von der offiziellen Linie abweicht. Auch die Ardaas wird nicht einheitlich gesprochen. Oft werden sogar Verse rezitiert, die nicht aus dem Guru Granth Sahib stammen. In jedem Gurdwara wurden während des Abschlussgebetes Namen von Spendern genannt. Dabei wurde dann zum Beispiel folgendes gesagt: “Herr X spendete 50€, Familie Y 30€. Möge Gott diesen ganz besonders beistehen. Herr X, der 100€ gespendet hat, bittet Gott, dass sein neu erworbenes Geschäft florieren möge. Möge Gott ihm ein reiches Einkommen schenken und ihn segnen.” Solche Sätze stehen im krassen Gegensatz zu den Lehren des Guru Granth Sahib. Von Gott etwas für Geld zu “erbeten”, ist das Gegenteil von Sikhi (vergleiche Vortrag hierzu). Der Guru Granth Sahib lehrt, dass der Mensch nichts von Gott verlangen oder erbitten soll, sondern schlichtweg Dankbarkeit für all das äußern soll, was Gott einem täglich schenkt.
Leider werden auch immer wieder Gebete falsch interpretiert. Ein Beispiel: “Dithe sabhe thau nahin tud jehea ...”, ein Vers, der sehr populär ist, wird mit der Gebetsstätte Darbar Sahib gleichgesetzt. Es wird gesagt, dass es keinen schöneren Platz als den Darbar Sahib in Amritsar auf dieser Welt gibt. Gemeint ist hier jedoch, dass es keinen wundervolleren Ort als ein Herz gibt, dass den Schöpfer verinnerlicht hat. Laut GGS ist das ganze Universum die Gebetsstätte Gottes (Har = Gott, mandar = Gebetstätte).
Die Granthi Kaum ein Gurdwara hat einen Granthi (ein Sikh, der im Gurdwara wohnt und alle anfallenden ‘Aufgaben’ wie die Rezitation der Gebete durchführt), der eine profunde theologische Ausbildung genossen hat. Die meisten waren nicht in der Lage, die Verse nach den grammatikalischen Regeln des GGS zu rezitieren. Die Fähigkeit Gebete einfach und verständlich gemäß den Lehren des GGS zu erklären, war nur selten vorhanden. Wenn ein Granthi überhaupt dazu in der Lage war, dann handelte es sich oft um Legendenerzählungen, die zum Teil jeglicher historischen Evidenz und Bezugnahme zum Inhalt der Schrift entbehrten. Die Berücksichtigung des hiesigen Lebensalltags (vor allem von Jugendlichen) fehlt. Dies liegt auch daran, dass immer männliche Granthi aus dem Panjab eingestellt werden. Sie haben nur begrenzte Einblicke in das Leben der (jungen) Sikhs hier in Europa. Keiner der Granthi konnte Englisch oder die Sprache des jeweiligen Landes. Ihre Auswahl erfolgt fast immer über persönliche Beziehungen; qualitative Aspekte spielen nur sekundär eine Rolle. Eine Frau als Granthi wurde bisher noch nie eingestellt. Da es keine vereinheitlichte Mindeststandards oder überhaupt geregelte Schulen für Granthi gibt, kann sich praktisch jeder einen Granthi nennen (eigentlich sollte jeder Sikh ein Granthi sein, sprich die Gebete rezitieren und verstehen können). Es wundert daher nicht, dass Granthi zunehmend im Gurdwara selbst Akte begehen, die ihresgleichen suchen. Das heimliche Filmen von Frauen, die im abgetrennten Bereich gerade ein Bad im Wasserbecken nehmen, ist ein Beispiel hierfür (Times of India - Gurdwara Baba Gurudittaji: “Sikh priest films woman taking bath”).
Laut den Lehren der Gurus gibt es keine Priester oder Medien, die zwischen Gott und dem Menschen stehen. Jeder Mensch kann selbst etwas für seine Entwicklung tun. Das Wegdelegieren an ‘Berufspriester’ (wie im Brahmanentum) wird aufs schärfste kritisiert. Genauso sieht aber die Realität in den Gurdwara (auch im Darbar Sahib) aus. Es ist nun üblich, Akand Path, die komplette Rezitation des GGS, einem Granthi gegen Bezahlung in ‘Auftrag’ zu geben, statt selber in Anwesenheit von Familie und Freunden aus dem GGS zu rezitieren.
Der Unterricht Lobend ist zu erwähnen, dass in einigen Gurdwara mittlerweile Panjabi und Religionskunde angeboten wurde. Doch bestand dieser zumeist im Auswendiglernen von Wissen. In zwei Schulen war der Lehrer nicht imstande, den Kindern den Eröffnungsvers des GGS korrekt zu vermitteln. Die Kinder mussten vor allem Legenden und Namen berühmter Sikhs auswendig lernen, doch eine kritische Auseinandersetzung mit Inhalten fehlte. Die Berücksichtigung der aktuellen Lebenswelt der Kinder in Europa scheint den Lehrern fremd. Kaum ein Lehrer hat jemals zuvor als Lehrer gearbeitet bzw. eine relevante Ausbildung genossen. Jugendliche, die am Unterricht in den Gurdwara teilnahmen, antworteten auf die Frage, welcher Religion sie denn angehören: “Ich bin ein Sikh”. Auf Nachfrage, was dies denn ausmache, konnte nichts darüber hinaus gesagt werden. Dies zeigt, dass ein Mangel an Vermittlungskompetenz besteht. Den Kindern einfache Inhalte spielerisch zu vermitteln ist somit einer der der großen Herausforderungen für die Zukunft. Vor allem ist es notwendig, Lebensanleitung zu vermitteln und nicht passives Wissen. Fragen nach dem Namen der Schwester Guru Nanaks sind interessante historische Details, aber es sollten die Inhalte der Sikhi, als des GGS, im Vordergrund stehen sowie historische Zusammenhänge. Es ist dringlich, den Kindern Grundwerte für ihr Handeln zu vermitteln. Dies sollte zunächst über einfachste Erklärungen der Verse aus dem GGS in Kombination aus der Lebensgeschichte der Gurus und anderer Persönlichkeiten erfolgen.
Toll ist, dass zahlreiche Kinder mittlerweile Kirtan und Tabla lernen. Einige Kinder singen richtig schön und spielen wunderbar Tabla. In manchen Gurdwara gab es gar nur Kinder und Jugendliche, die richtig Kirtan konnten. Keiner der Erwachsenen war dazu in der Lage. Leider wurde in einigen Fällen der Eindruck erweckt, dass es Eltern inzwischen darum geht, ihr Kind als die ‘Nr. 1’ im Gurdwara zu ‘erziehen’. Die Kinder, die im Gurdwara singen, werden immer jünger. Dass die Kinder die Gebete verstehen, die sie singen, scheint unwichtig. Auf Nachfrage konnten befragte Kinder (und Erwachsene) nicht mal in Ansätzen beschreiben, was sie öffentlich vortrugen.
Die Jugend Einige Kinder und Jugendliche äußerten, dass sie nur in den Gurdwara gehen, weil sie müssen bzw. weil sie dort andere Altersgenossen treffen können. Dies verwundert nicht, den oft zieht sich der Sonntag bis in den späten Nachmittag hinein. Oft dominieren nach den religiösen Gesängen Ansprachen oder gar Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Fraktionen den Sonntag. Bisweilen kommt es auch zu tätlichen Übergriffen zwischen rivalisierenden Gruppen. Die Gurdwara werden dadurch als religiöse Schulstätten entehrt und die Lebensweise der Sikhi ad absurdum geführt (siehe hierzu beispielsweise die Berichte über eine Massenschlägerei in einem Gurdwara in Hamburg in der Welt Online und des Hamburger Abendblattes vom November 2007). Richtig Spaß macht es daher eigentlich nur selten, so die Aussagen vieler junger Sikhs: “Am besten ist noch, wenn gesungen wird, denn da bleibt das ewige Thema Geld und Politik außen vor”, so ein Mädchen. Ein Jugendlicher meint: “Ich gehe nur hin, um meine Kumpels zu treffen. Wir gehen dann raus, hängen rum oder machen Sport im Sommer. Was die Wichtigtuer da reden, interessiert uns nicht. Es geht denen doch gar nicht um unsere Religion, sondern darum, dass ihr Bild in irgendeiner Popelzeitung erscheint oder sie Präsident [einer Organisation oder eines Gurdwara] werden.” “Von den Gebeten verstehe ich gar nichts, was soll ich da rumsitzen?” Die Aussagen machen deutlich, dass sich viele Sikhs im Gurdwara nicht aufgehoben fühlen. Es wäre daher wichtig, wenn sich Jugendliche aktiv für eine Verbesserung der Situation ihren Bedürfnissen gemäß einsetzen würden. Erste aber weitgehend von Einzelnen initiierte Projekte sind inzwischen zu erkennen.
Die Sänger Dass berühmte Ragi (Sänger) aus dem Panjab und aus anderen Ländern kommen, ist keine Seltenheit mehr. Einige von Ihnen singen wunderschön und sorgen für eine angenehme religiöse Grundstimmung. Es fällt auf, vor allem bei berühmten Sängern, dass diese für eine Stunde singen und sofort nach ihrem bezahlten Auftritt sofort wieder weiterziehen. Von den Sikhs, die den Gurdwara besuchen, bekommen sie zusätzlich auch noch Geld. Es ist weit verbreitet, während der Performanz Geld vor den singenden Ragi zu legen. Damit wollen Sikhs ihre Hingabe demonstrieren und die Sänger loben. Manche Besucher denken auch, dies bringt ihnen Glück oder hält Leid fern; andere zeigen damit, wie spendabel sie sind. Aus Sicht des GGS ist anzumerken, dass durch die ständige Präsenz von Geld die religiöse Stimmung gestört und die Aufmerksamkeit der Sänger auf das Geld gelenkt wird. Zudem sollte bedacht werden, dass vor allem die berühmten Sänger sehr wohlhabend sind und eigentlich nicht auf das Zubrot hartarbeitender Sikh-Migranten angewiesen sein sollten.
Manchmal kommen auch Weakheakar (Gebetsinterpretierter) und Dhadi. Die Mehrheit von ihnen erzählen allerdings in einem Stil, der für Jugendliche heutzutage nicht nachverfolgbar ist. Legenden dominieren in diesen Erzählungen, Alltagspraxis ist die große Ausnahme. Oft geht es um ‘Wunder’ die angeblich vollbracht worden sind. Das der GGS letztlich in Bezug auf viele angeschnittene Themen das Gegenteil lehrt und der Vortrag somit fragwürdig ist, wird ignoriert. Leider bleiben diesbezüglich kritische Fragen aus der Gemeinde regelmäßig aus. Im Gegenteil: Zum Teil bekommen Interpretierter sogar neben Geld noch einen Saropa (ehrenvolle Auszeichnung, die eigentlich an Menschen verliehen werden sollte, die sich um die Dienste der Menschheit verdient gemacht haben) verliehen. Da erfolgreiche Sänger und Weakheakar durch ihre Auftritte viel Geld verdienen, halten diese sich mit Kritik an den Verhältnissen der Gurdwara zurück. Denn wenn sie das Vorgehen des Komitees (besteht zumeist aus fünf Sikhs, die einen Gurdwara ‘managen’) kritisieren, kann Ihnen ihr Verdienst “durch die Lappen gehen”.
Die Finanzen Eine genaue und transparente Rechenschaft über die Einnahmen der Gurdwara sind selten zu bekommen. Jeder Gurdwara wird durch Spenden der Sangat (Gemeinde) unterhalten. Obwohl die ältesten Gurdwara seit mehreren Jahrzehnten über ein regelmäßiges Einkommen haben, befinden sie sich nicht in einem entsprechenden Zustand. Oft heißt es von Seiten der Komitees, dass noch immer Spenden benötigt werden, um den aufgenommenen Kredit für das Grundstück abzahlen zu können. Wenn man aber die Einnahmen abzüglich der Ausgaben hochrechnet, müssten im Gesamtergebnis die Gurdwara längst im Plus sein. Guru Nanak hat bereits in den Anfängen deutlich gemacht, dass es schlecht um die Welt steht, wenn sich Gebetsstätten nicht mehr durch Ehrlichkeit und Tugendhaftigkeit auszuzeichnen: “Die vermeintlich heiligen Orte der Erde sind verschmutzt und so sinkt die Welt dahin” (GGS, S. 692, M. 1).
Verbesserungsvorschläge Warum kommt es in Gurdwara immer wieder zu (hangreiflichen) Streitigkeiten? Unter anderem deswegen, weil dort viel Geld zusammen kommt und regelmäßig Unstimmigkeiten auftauchen. Von daher ist ein sehr sensibler und transparenter Umgang mit Finanzen erforderlich. Bargeld sollte komplett aus den Gurdwara herausgehalten werden. Seit einigen Jahrzehnten hat es sich eingebürgert, dass eine große Geldbüchse vor dem Guru Granth Sahib platziert wird. Bevor man sich vor dem Guru Granth Sahib verbeugt, wird Geld hinein geworfen (“Verbeugt man sich vor dem Geld oder vor dem GGS?”, hat ein neuer Besucher einmal gefragt). Auch Geld, was für die Nahrungszubereitung und andere Ausgaben gespendet wird, landet mehrheitlich am Ende des Tages in derselben Büchse. Wesentlich transparenter wäre es, wenn jeder, der etwas spenden möchte, eine Banküberweisung mit Beleg tätigt. Wenn Geld an einen Gurdwara gespendet werden soll, zum Beispiel für den Erwerb eines neuen Grundstücks, sollte für Jedermann einsehbar sein, wo welches Geld hin fließt. Aber im Gurdwara selbst sollte jeglicher Umgang mit Geld außen vor bleiben. Ansonsten sollten beim Besuch des Gurdwara verwendbare Güter wie Mehl, Früchte usw. in der Küche abgegeben werden. Vorraussetzung ist, dass die Abgaben auf ehrliche Art und Weise verdient wurden: Daswand guru naeh dewhi tschuth bol jo khae. Kaeh Gobind Singh lal ji tis kaa katsch bsae (Tankhahnama Bhai Nand Lal). Sinngemäß bedeutet die Aussage von Bhai Nand Lal, einem Gefährten des zehnten Gurus, dass demjenigen, der seinen zehnten Teil dem Guru (gemeint ist für einen sozialen Zweck) nicht abgibt und seinen Verdienst unehrlich bestreitet, nicht zu trauen ist. Auch wäre es wünschenswert, dass Geld auch mal für andere Zwecke gespendet wird: Guru kaa sikh garieb kie rasna ko guru kie golak jane (Bhai Tchaupa Singh). Gemeint ist, dass die Hilfe eines Bedürftigen (jeder, nicht nur ein Sikh!) oder ein Stipendium für einen Studenten genauso ehrenhaft ist, wie eine Gabe an den Gurdwara.
Externen Sänger und Gelehrte sollten nur noch einen vorher mit der Gemeinde abgesprochenen Lohn bekommen. Dabei sollten nur qualifizierte und vorbildliche Sikhs rekrutiert werden. Sämtliche Ein- und Ausgaben sollten für Jedermann transparent sein. Hierfür sollte regelmäßig ein aktueller Bankauszug ausgehängt werden. Um zu gewährleisten, dass das Geld sinnvoll verwendet wird, sollte die Gemeinde über bevorstehende Anschaffungen rechtzeitig informiert werden. Erst anschließend sollten konkrete Entscheidungen getroffen werden.
Rückkehr zum System der Fünf Geliebten Das System der Komitees ist gemäß dem GGS unangemessen. Laut Sikh-Philosophie gibt es keine Ämter im Gurdwara bzw. Priester. Daher sind die etablierten Positionen wie die des Präsidenten, Kassenwartes, Generalsekretärs grundsätzlich zu hinterfragen. Zu oft wird man Zeuge von persönlicher Bereicherung oder von zum Teil gewalttätigen Auseinandersetzungen im Vorfeld von vermeintlichen ‘Neuwahlen’. Dabei fällt auf, dass einige Sikhs nur dann in den Gurdwara kommen, solange sie im Vorstand sind. Nach Verlust des Postens sieht man ehemalige Vorstandsmitglieder mitunter selten bis gar nicht mehr. Erst wenn sie wieder einen Posten besetzen konnten, sieht man sie regelmäßig im Gurdwara. Es stellt sich die Frage, was diese Menschen letzlich in den Gurdwara treibt.
Zu überlegen wäre, ob nicht fähige Sikhs gemäß dem System der Fünf Geliebten für einige Zeit beschränkte Aufgaben übernehmen. Nur so kann dem Aufbau von Netzwerken für persönlichen Profit entgegnet werden. Zudem benötigt jede Gemeinde die Unterstützung vorbildlicher Sikhs, die überzeugend Orientierung bieten und in der Lage sind, alle Aktivitäten mit den Grundsätzen der Sikhi abzugleichen. Leider ist festzustellen, dass Sikhs, die Sikhi im Alltag leben, sich nichtt in den Gurdwara engagieren, weil sie kein Gehör finden. Nicht Argumenten, die sich an die Lehren der Gurus anlehnen wird Beachtung geschenkt, sondern dem, der die meisten Leute hinter sich versammeln kann - ganz unabhängig von der Tugendhaftigkeit der Person.
Granthi sollte nur jemand werden können, der nachweislich eine religiöse und weltliche Bildung genossen hat. Ein zehnte Klasse Abschluss reicht in keinem Fall aus. Sinnvoll wäre, wenn es einen internationalen Standard für Granthi geben würde. Eine zentrale Prüfung müsste dann von jedem Anwärter abgelegt werden. Diese sollte Grundkenntnisse in Naturwissenschaft, Geschichte, (vergleichende) Religion und Sprache abfragen. Jeder Granthi sollte mindestens solide Englisch sprechen und auch über ausreichende Kenntnisse in der jeweiligen Landessprache verfügen. Nur wer diesen Mindestanforderungen entspricht, sollte sich um den Dienst in einem Gurdwara bewerben dürfen. Es sollten daher, im Gegensatz zu jetzigen Praxis (“Ich kenne da jemanden aus der Verwandtschaft, der Arbeit sucht”), öffentliche Ausschreibungen und Auswahlgespräche durch entsprechende Institutionen erfolgen. Gut ausgebildete Granthi könnten dann auch als Lehrer tätig sein und Kinder religiös und musikalisch ausbilden. Schlechter Gesang kann niemals zu einer meditativen Stimmung beitragen. Daher ist hingebungsvoller und ästhetischer Kirtan, samt Interpretation, zentral für einen vorbildlichen Gurdwara. Tugendhafte Granthi mit profunder Ausbildung könnten viele der existenten Unstimmigkeiten der Gurdwara mindern.
Die Art der Innenausstattung der Gurdwara scheint aus Sicht des GGS unangemessen. Der GGS betont Schlichtheit und Bescheidenheit. Einige der Gurdwara erinnern eher an eine “Karnevalsversammlung” (O-Ton Besucher): Bunte Laternen, Luftballons, blinkende Lichtketten usw. sind zu sehen. Es stellt sich die Frage: Wie soll man sich auf den Inhalt des GGS konzentrieren, wenn es überall ständig blinkt und leuchtet? Hinzu kommt, dass ständig irgendetwas organisiert oder gemacht wird. Selten findet man eine ruhige, entspannte Atmosphäre. Er wäre sinnvoll, die Inneneinrichtung an dem Inhalt des GGS auszurichten, und nicht gemäß dem Geschmack des jeweiligen Granthi oder des Komitees.
Es ist deutlich geworden, dass große Herausforderungen zu bewältigen gibt. Dies gilt vor allem für die kommenden Generationen. Die Gurdwara müssen wieder ein Ort der Spiritualität und Reinheit werden. Guru Arjan sagt: “Das Falsche erachtet man als wahr. Die Wahrheit wird nicht angenommen. Man nimmt den verbotenen, krummen Pfad. Verlässt die richtige Handhabung und webt ein falsches Muster. Auch wenn beide Wege (der Richtige und Falsche) gemäß der Schöpfung sich entfalten, so werden doch nur die Seelenfrieden finden, die den wahrhaftigen Weg bestreiten” (GGS, S. 185, M. 5).
Es ist von größter Wichtigkeit, dass auch Kinder gerne in den Gurdwara gehen und ebenso wie die Erwachsenen nach jedem Besuch etwas Neues hinzulernen. Der Sinn des Gurdwara ist, von der Weisheit der Gurus zu lernen, um ein besserer Mensch zu werden. Darauf sollten alle Aktivitäten im Gurdwara ausgerichtet werden. Jeder Gurdwara sollte eine kleine Bibliothek mit aktuellen Publikationen und Magazinen sowohl in Panjabi als auch in der jeweiligen Landessprache besitzen. Dabei ist wichtig, dass dort nicht nur religiöse und historische Sikh-Literatur vorhanden ist. Gesellschaftliche Themen sollten hier ebenso Platz finden wie Bücher über andere Religionen. Darüber hinaus sollte versucht werden, Gebete kurz in deutscher Sprache zusammen zu fassen. Dies würde Kindern und Besuchern helfen, Inhalte des GGS besser zu verstehen und sie für den Alltag brauchbar zu machen. In Schweden wurde dies beispielsweise gemacht.
Die hier zusammengefassten Überlegungen sind keine isolierte Einschätzung, sondern stimmen mit Forderungen von engagierten (jugendlichen) Sikhs aus Indien, USA, UK, Australien und Kanada überein.
Es gibt im Übrigen auch eine ganz Alternative zur Problemlösung, vor allem für Sikhs, die in entlegeneren Gebieten wohnen, wo die Sikh-Dichte gering ist: In Indien, den USA und auch in anderen Ländern sind einige Sikhs nun zu einem mobilen Gurdwara übergegangen. Sie treffen sich mal bei Familie X im Haus, dann bei Familie Y. Sie kommen ungezwungen zusammen, singen ein Gebet aus dem Guru Granth Sahib und erläutern es dann in Panjabi und Englisch. Anschließend werden Fragen oder persönliche Probleme behandelt. Es wird versucht, gemeinschaftlich eine Lösung zu finden. Dann gibt es ein schlichtes Mahl (Langar). Es gibt kein Komitee, keine Geldtransfers oder Rituale. Es liegt an jeden Sikh, sich über die Gurdwara Gedanken zu machen und Verbesserungen einzubringen, damit die Situation sich verbessern kann.
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