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VERBREITETER GLAUBE VERSUS WEISHEIT

Vieles von unserem Alltagswissen über Sikhi bzw. die Sikh-Religion haben wir von Eltern, Geschwistern, Freunden, Vorträgen im Gurdwara, Legendenerzählungen, Büchern oder aus dem Internet erworben. Ein erheblicher Teil unserer Glaubensvorstellungen und der von uns ausgeübten Rituale basiert demnach auf Hörensagen, was andere über Sikhi denken und praktizieren. Als Sikh geht es allerdings darum, im wahrsten Sinne des Wortes ein Schüler des Guru Granth Sahib (GGS) zu werden. Daher fragen fromme Sikhs, ob das, was sie glauben und tun, im Einklang oder im Widerspruch mit den im GGS beschriebenen zeitlosen Weisheiten steht. Der GGS ist demnach eine überaus wichtige Richtschnur.

Ein bedeutender Anteil verbreiteter Vorstellungen und Praktiken steht, wie bei vielen religiösen Traditionen in der Welt, im Widerspruch zu den originären Einsichten der Begründer. Die Gründe dafür sind vielfältig. Eine Ursache mag darin liegen, dass in der Regel nur wenige Menschen die Mühe auf sich nehmen, den ursprünglichen Kern ihrer Religion zu verstehen und sich eher von einfachen, sichtbaren Formen der Religionsausübung leiten lassen. In der Sikh-Geschichte haben unzählige Verteidigungskriege zudem dazu geführt, dass Sikhs ihre religiösen Stätten immer wieder verlassen mussten. Diese wurden dann nach den Vorstellungen der jeweiligen Machthaber instrumentalisiert. Entsprechend wurden dann die Besucher im Verlaufe der Zeit von den Einsichten der Sikh-Religion entfremdet. Die Aufstellung von Götzen und Einführung von ritualisierten Praktiken im Darbar Sahib (Goldener Tempel) durch die Mahant ist ein historisches Beispiel. Die Auswirkungen sind bis heute spürbar.

Sikhs verbeugen sich vor dem GGS um auszudrücken, dass sie ihr Ego und ihre Glaubensvorstellungen hinten anstellen und bereit sind, sich für spirituelle Weisheiten zu öffnen. Ganz entsprechend dem Vers: Tu samrath wada meri mat thorri ram || “Deine Weisheit ist so unermesslich groß, mein Verständnis doch so klein” (GGS, S. 547, M. 5). Wie auf unserer gesamten Seite, haben wir auch im Folgenden versucht, unsere Vorstellungen in den Hintergrund und die Weisheiten des GGS in den Vordergrund zu stellen. Zur Illustration werden verbreiteter Glaube und Einsichten des GGS direkt gegenüber gestellt. Dies soll helfen, verbreitete Missverständnisse aufzudecken.

 

Glaube: Sikh-Sein bedeutet immer ernst zu sein und strikte Regeln befolgen. Befolgt man bestimmte Regeln nicht, bestraft einen Gott.
Guru Granth Sahib (GGS): Das Leben ist eine einmalige Kostbarkeit und daher ein einzigartiges Geschenk. Daher gilt es für einen Sikh, sein Leben gottbewusst zu GESTALTEN. Dies bedeutet in erster Linie ein reflektiertes und in sich stimmiges Leben zu FÜHREN. Dazu gehört aber auch, dass das Leben als Geschenk angesehen und mit Freude gelebt wird (GGS, S. 552, M. 5). Das bloße Einhalten bestimmter Regeln, der Regeln willen, hat nichts mit Gotteshingabe gemeinsam. Gott hat dem Menschen das Lachen nicht ohne Grund geschenkt. Sich am Geschenk Gottes, des Lebens zu erfreuen, ist der Ausdruck höchster Dankbarkeit gegenüber Gott. Die Schöpferin, die selbst in der Schöpfung weilt, ist voller Güte und Liebe; sie bestraft nicht (GGS, S. 784, M. 5).

Glaube: Man betet um Gott glücklich zu machen.
GGS: Man betet für SICH. Die Rezitation aus dem GGS oder einem anderen spirituellen Werk dient dazu, die Schöpfung zu lobpreisen und Inspiration für ein spirituelles und somit harmonisches Leben einzuholen. Gott ist nicht eine Person, die glücklich oder unglücklich ist. Würde die Schöpferin auf die Gefälligkeit der Menschen angewiesen sein, müsste sie das unglücklichste Wesen des Universums sein (GGS, S. 9, M. 1; GGS, S. 1429, M. 5).

Glaube: Wenn man etwas unbedingt will (wie etwa eine gute Note in der Schule, ein florierendes Geschäft oder ein Baby), dann betet man zu Gott, wünscht es sich von ganzem Herzen und bekommt es schließlich zugesprochen.
Guru Granth Sahib: Aus Sicht des GGS ist dies eine sehr kindische Form der Religionsausübung. Kabir schreibt daher, dass die Menschen inzwischen auch schon Gott zu ihrem Spielzeug und Untertan gemacht haben. “Logan raam khilounaa jaanaa ...” (GGS, S. 1158, Kabir). Denn sie denken, dass wenn man der Schöpferin Geld, Tiere oder andere Dinge opfert oder aufrichtig um etwas bittet, sie einem den Wunsch erfüllt. Im GGS wird betont, dass der Mensch den Willen Gottes, der sich unter anderem durch die Naturgesetze zeigt, nicht ändern kann. Daher wird im GGS nie für etwas (Materielles) gebetet. Außer, dass Gott einem ermöglichen mag, die innere Weisheit zu erkennen und solche Menschen zu treffen, die voller Gottvertrauen und Tugenden sind. Die Gurus und die Bhagat beten daher nur um die Gnade der göttlichen Weisheit. Ansonsten äußern sie schlichtweg Dankbarkeit für all die unermesslichen Geschenke, die wir Menschen jeden Tag bekommen, wie etwa Wasser, Sonne, Luft, Pflanzen, Boden und Mitmenschen. Laut GGS liegt es am Menschen, sich bestmöglich zu bemühen. Alles andere liegt in Gottes Hand (GGS, S. 1376, Kabir).

Glaube: Meditation bedeutet vornehmlich die Wiederholung eines bestimmten Wortes für Gott, wie etwa Waheguru bzw. die Ausübung einer bestimmten Technik.
Guru Granth Sahib: Gemäß den Einsichten der Sikh-Religion ist wahrhaftige Meditation die Verinnerlichung, also das Leben göttlicher Tugenden im Alltag und hat nichts mit einem bestimmten Wort, Ort oder Körperhaltung zu tun. Der GGS lehrt keine bestimmten Meditationstechniken. Die Gurus der Sikhs betonen in zahllosen Versen, dass sie weder Meditation noch Yoga ausgeübten (GGS, S. 101, M. 5; GGS, S. 12, M. 1; GGS, S. 436, M. 1). In den Versen Sidh Gosht etwa erörtert Guru Nanak im Detail seine Diskussionen mit Yogis und Asketen, die die Kunst der Körperbeherrschung perfektionierten. Darin kommt wunderschön zum Ausdruck, wie grundlegend sich Sikhi im Kern von technikorientierten Lehren unterscheidet.

Das bedeutet nicht, dass Techniken, die zur Beruhigung und inneren Konzentration dienen, überflüssig sind. Jeder muss für sich selbst entscheiden, was einem körperlich und innerlich wohl tut.

Glaube: Guru Gobind Singh hat das Wort Waheguru als das wahre Wort für Gott erkoren. Daher ist es das sogenannte ‘Gurmantar’.
Guru Granth Sahib: Das Mysterium was wir Gott nennen, hat keinen Namen. Um über ihn bzw. sie reden zu können, sind wir aber auf Namen angewiesen. Im GGS werden daher alle gängigen Namen der damals vorherrschenden religiösen Traditionen - wie etwa Kartar, Parmeshwar, Hari, Prabhu, Ram, Rahim, Allah etc. - gleichsam verwendet. Im Jaap (Rual Chand), Verse die Guru Gobind Singh zugeschrieben werden, wird ebenfalls betont, dass Gott keinen bestimmten Namen hat. Im GGS wenden sich die Gurus zumeist in direkter Rede an den Schöpfer und schreiben: Oh Du mein geliebter Freund, mein Vater, mein Bruder, meine Schwester usw. Das Wort “Waheguru” ist das meist verwendete Wort und ist kein Eigenname für Gott. Es ist ein Ausdruck von Verzückung und Bewunderung und bedeutet in etwa: “Oh Du wahrer Guru (Weisheit)”.

Glaube: Die fünf Kakar (K’s) wurden von Guru Gobind Singh eingeführt und haben eine esoterische Bedeutung.
Guru Granth Sahib: Die Gurus und Bahagt betonen, dass materielle und somit vergängliche Dinge keine innewohnende spirituelle Bedeutung haben. Sondern sie wird von Menschen zugeschrieben und variiert daher von Kultur zu Kultur. Die Kakar der Sikhs haben einen spezifischen praktischen Hintergrund. Zu den fünf K’s bei den Sikhs werden Haare, Kamm, Baumwollshort,
Armreif und ein kleiner Dolch gezählt. Dabei fallen die Haare eigentlich heraus. Sie sind natürlich gegeben und nicht von Menschenhand geschaffen. Viele Heilige, die durch Tugendhaftigkeit und Frömmigkeit mit der Schöpfung innerlich verbunden waren, haben entsprechend ihr Kopfhaar bewahrt, gepflegt und mit einem Turban bedeckt. Darunter bereits Guru Nanak. Es liegt also nahe, dass bereits die frühen Sikhs einen Holzkamm bei sich trugen. Sikhs begannen Dolch und Schwerter sehr wahrscheinlich bereits nach der Hinrichtung von Guru Arjan zu tragen, um sich und andere verteidigen zu können. Es ist historisch gut belegt, dass bereits unter dem sechsten Guru Hargobind Sikhs über eine Verteidigungsarmee verfügten, da die Übergriffe gegen religiöse Minderheiten zunahmen. Sikhs, die Teil der Armee waren, trugen bequeme Baumwollshorts, die den Unterleib bedeckten. Diese ermöglichten es, sich gut zu bewegen und auch Pferde zu reiten. Um sich vor Schwerthieben zu schützen, trugen Sikhs große Eisenarmreife. Auch dienten Eisenringe auf dem Turban als Schutz. Die Nihang haben diese Tradition bis heute bewahrt. Der Verdienst Guru Gobind Singhs liegt darin, dass er für Sikhs, die sich freiwillig in den Dienst der Gemeinschaft stellen wollten, ein einheitliches Erscheinungbild auf Grundlage einer Uniform etablierte. Bei der Gründung des Khalsa 1699 betonte er die Wichtigkeit für einen getauften Sikh, für den seelischen und körperlichen Kampf gewappnet zu sein. Der innere Kampf wird demnach gegen niedere Gedanken geführt, der äußere gegen Ungerechtigkeit.

Der Blick in die Geschichte der Sikhs zeigt, dass die fünf Kakar eine praktische Bedeutung hatten und bereits vor dem zehnten und letzten Guru Gobind Singh in Verwendung waren. Auch heute haben der Kamm und die bequeme Baumwollshort ihre praktische Bedeutung nicht verloren. Getaufte Sikhs tragen zudem einen eisernen Armreif und einen kleinen Dolch aus Verbundenheit zu den heroischen Opfern, die Sikhs immer wieder im Verlaufe der Geschichte brachten. Sie sind identitätsstiftend und erinnern an die Tugend der Gerechtigkeit, Gnade und der Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung.

Pseudo-esoterische und symbolische Begründungen zu den fünf K’s, die wohl in den letzten zwei Jahrhunderten entstanden sind und insbesondere über das Internet an Verbreitung erfahren haben, sind  irreführend. Sie degradieren die historischen Leistungen heldenhafter Sikh-Männer und Frauen zu oberflächlichen Erklärungen, die zudem nicht im Einklang mit den Einsichten der Gurus stehen.

Glaube: Wenn man bestimmten religiösen Regeln folgt, wie etwas regelmäßig betet, wird man von Leid verschont, da Gott einen besonders lieb hat.
Guru Granth Sahib: Gott hat alle Lebewesen bedingungslos gleichsam lieb, egal ob es sich um einen Heiligen oder Dieb handelt. Äußerliches Leid erfährt JEDER Mensch gemäß den Naturgesetzen (GGS, S. 784, M. 5).

Glaube: Bestimme Menschen (die sich selbst als Guru, Sant, Baba, Mahapursh, Siriman 108, etc. bezeichnen), haben einen besonders guten Draht zu Gott. Bittet oder bezahlt man sie (einen Granthi oder Priester etwa), für ein bestimmtes Gebet, sind die Chancen einer Gebetserhörung besonders groß.
Guru Granth Sahib: Wahrhaft religiöse Menschen kommen immer ohne Titel aus. Die Gurus etwa nannten sich selbst nie Gurus, noch bezeichnet sie sich als unfehlbar. Im GGS nennen sie sich selbst voller Demut und Bescheidenheit “Nanak garib” oder “Nanak das”. Die Sikhs nannten und nennen sie respektvoll Guru, da sie sie als Vorbild ansehen.

Der Schöpfer weilt in jedem Menschen gleichsam, daher hat jeder Mensch potentiell dieselbe Fähigkeit, Gott in sich selbst zu erkennen (GGS, S. 1427, M. 9). Alle Menschen sind gleich und werden von der Schöpfung auch gleich behandelt und gehört. Ein frommer oder egoistischer Mensch kann noch so beten, aber Gottes Willen ist nicht änderbar (GGS, S. 1376, Kabir). Wenn ein schweres Erdbeben kommt, sind alle Menschen in der betreffenden Region davon betroffen. Niemand wird verschont. Denn die Natur behandelt Diebe, religiöse Menschen, Kinder, Atheisten, Tiere, Arme und Reiche gleich. Existierende Ungleichheit in der Welt entsteht durch die Menschen selbst und kann auch nur durch sie selbst überwunden werden. Daher legen die Gurus großen Wert auf eine gerechte und sozial ausgerichtete Lebensführung und Arbeitsmoral.

Glaube: Bestimmte Menschen besitzen übernatürliche Kräfte und können Wunder bewirken (oft beschrieben in Legendenerzählungen über die Gurus und prominente Sikhs).
Guru Granth Sahib: Kein Mensch kann die Naturgesetze ändern oder sie aussetzen, sondern nur für sich nutzbar machen (GGS, S. 1, M. 1). Sogenannte Wunder, wie zum Beispiel die überraschende Heilung eines Kranken haben nichts mit dem Wirken übernatürlicher Kräfte einer bestimmten Person zu tun. Eine Heilung findet entsprechend Gottes Willen statt, also des von ihm erschaffenen biologischen Systems und dem Nutzen dieses Wissens. Dies tut zum Beispiel ein Arzt. Nur weil wir bestimmte Dinge nicht erklären können, bedeutet dies nicht, dass hier ein ‘übernatürliches’ Wunder am Werk war. Die spontane Heilung von Krebs oder anderen Krankheiten ist genauso ein Wunder wie die Heilung eines gebrochenen Knochens oder einer Wunde. Manches können wir etwas besser nachvollziehen, anderes weniger. Letztlich ist die gesamte Schöpfung und jedes einzelne Lebewesen ein Wunderwerk Gottes (GGS, S. 13, M. 1).

Glaube: Alles was die Janam-sakhian, die Erzählungen über das Leben der Gurus, beschreiben, ist wahr.
Guru Granth Sahib: Das, was die Janam-sakhian, die schriftlich und mündlich überlieferten Erzählungen über die Gurus bzw. Heiligen beschreiben, entspricht vielfach nicht den Tatsachen. Sie wurden nicht zu Lebzeiten der Gurus verfasst, sondern entwickelten sich erst später. Die Art der Beschreibung ist Teil einer mündlichen Erzählkultur, die von Erfindungen, Übertreibungen, Ausschmückungen und Veränderungen lebt. Die Erzählungen müssen daher, wenn sie überhaupt eine Relevanz haben, zumeist symbolisch gedeutet werden. Nur einige Erzählungen enthalten einen historischen Kern. Viele Legenden sind schlicht irreführend, da sie das Leben und Wirken der Heiligen as absurdum führen. Ein wörtliches Verständnis der Erzählungen führt in der Regel in die Irre. Wichtig ist, nicht jede einzelne Episode für sich zu sehen, sondern die Moral der Geschichte. Die Gurus haben mit Bedacht ihre Lebensgeschichte weder selbst aufgeschrieben noch aufschreiben lassen. Sie wollten verhindern, dass Menschen sie selbst anstatt die spirituelle Weisheiten als Guru erachten (GGS, S. 465, M. 1). Die Richtschnur der Sikhi sind spirituelle Weisheiten und nicht von Menschen hervorgebrachten Erzählungen über Einzelpersonen oder geschichtliche Ereignisse. Entsprechend finden sich auch keine Geschichten und Legenden im
Guru Granth Sahib (GGS). Zahlreiche Sikhs jedoch schenken den Erzählungen unhinterfragt Glauben und geben ihnen mehr Aufmerksamkeit als der Tiefgründigkeit des GGS.

Glaube: Nach dem Tod kommt man in den Himmel bzw. in die Hölle.
Guru Granth Sahib: Alles im Universum ist miteinander verbunden und dem Kreislauf von Geburt und Tod unterworfen. Nur ein erwachtes Bewusstsein kann Sterblichkeit überwinden. Letztlich weiß nur der Schöpfer selbst, was genau nach dem Tod passiert, was vorher war und wie die Existenz anfing. Religiöse Menschen verbringen ihre kostbare Zeit nicht mit Spekulationen und Gedankenspielen, sondern ssie lösen sich von Menschen erschaffenen Glaubenssystemen und nutzen Weisheit, um ein spirituelles Leben (inneres Paradies) im HIER und JETZT zu führen (GGS, S. 12, M. 5; GGS, S. 1366, Kabir).

Glaube: Die Gurus sahen sich als Guru oder Götter.
Guru Granth Sahib: Die Bhagat und die zehn Meister haben sich selbst nie als Gurus gesehen, sondern ausschließlich als Diener und Liebhaber Gottes (Nanak das, Nanak garib etc.). Aus Respekt vor der Weisheit der Meister sagen Sikhs Guru. Die Gurus haben sich selbst - wie die Bhagat auch - in der Tat als Schüler göttlicher Weisheit (Satgur) gesehen (GGS, S. 13, M. 5; GGS, S. 10, M. 3).

Glaube: Guru Gobind Singh übertrug die Guru-Würde auf den Guru Granth Sahib.
Guru Granth Sahib: Guru Gobind Singh hat noch einmal klar betont, dass der Inhalt der Schrift die göttliche Weisheit in sich trägt. Die Verse (Pothi) hatten von jeher Guru-Status. Die Gurus waren immer bestrebt zu verhindern, dass sie mit göttlicher und zeitloser Weisheit gleichgesetzt werden. Daher stand auch zu Lebzeiten der Gurus und der Bhagats, der Inhalt der Weisheit im Mittelpunkt (GGS, S. 982, M. 4).

Glaube: Ein getaufter Sikh ist per se besser als andere Menschen.
Guru Granth Sahib: JEDER Mensch misst sich an Gedanken, Worten und Taten. Auch ein getaufter Sikh (GGS, S. 4, M. 1).

Glaube: Gott weilt im Gurdwara oder in anderen Gebetsstätten.
Guru Granth Sahib: Gott weilt gleichermaßen in allem was existiert (GGS, S. 1427, M. 9).

Glaube: Seewa bedeutet Dienst im Gurdwara.
Guru Granth Sahib: Seewa bedeutet selbstloser Dienst - unabhängig vor Ort.

Glaube: Der Ablauf im Gurdwara war schon immer so wie heute.
Guru Granth Sahib: Da sich der Guru Granth Sahib einzig mit Spiritualität befasst, finden wir darin keine historischen Beschreibungen. Aus dem Inhalt und der Grundhaltung der Schrift sowie historischer Überlieferungen kann aber abgeleitet werden, dass zu Zeiten Guru Nanaks Menschen unterschiedlichster Herkunft ungezwungen zusammen kamen, gemeinsam über ein gotterfülltes Leben gemäß göttlicher Weisheit - Satgur - sprachen, musizierten sowie Ideen entwickelten und umsetzten, wie man Ungerechtigkeiten und Leid dieser Welt lindern kann. Im Gegensatz zu heute gab es keine Rituale (wie etwa Akand Path, Nishan Sahib Sewa, Sukh Asan usw.) bei diesen Zusammenkünften. Diese entwickelten sich erst später.

Glaube: Es gibt heilige Orte auf dieser Welt, wie etwa “Hemkunt Sahib”.
Guru Granth Sahib: Das ganze Universum ist gleichermaßen heilig. Im GGS wird es auch Dharmsal genannt. Gemeint ist damit, dass überall - unabhängig von der spezifischen Lokation - ein religiöser Lebensweg beschritten werden kann. Kein Fleck oder Gebäude dieses Universums ist demnach heiliger als ein anderer (GGS, S. 1427, M. 9). Orte können eine besondere historische oder persönliche Bedeutung haben. Sie sind aber nicht per se heilig. Menschen machen ausgewählte Orte heilig. Sie  verleihen diesen durch ihr Verhalten, durch inspirierende Musik und durch eine spezifische Architektur eine besondere Wirkung.

Beispielsweise ist “Hemkunt Sahib” in Joshimath eine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Die Stätte wurde im Nachhinein durch eine Legende (“Bachitar Natak”) mit Guru Gobind Singh in Verbindung gebracht. Heute gilt sie vielen Sikhs als heilige Pilgerstätte, die “man unbedingt einmal im Leben besucht haben sollte”. Wissenschaftler sprechen von einer “Erfindung von Tradition”. Inzwischen hat “Hemkunt Sahib” aufgrund seiner idyllische Berglage touristischen Charakter und macht einen enormen Umsatz, da Sikhs aus der ganzen Welt den dort errichteten Gurdwara besuchen. Aus Sicht der Religionsgründer sind solche vermeintlichen Pilgerstätten kritisch zu sehen. Insbesondere dann, wenn durch die Verquickung von Religion und Geld bestimmte Gruppen einen bedeutenden wirtschaftlichen Gewinn daraus erzielen. In ihren Schriften betonen die Begründer ausdrücklich, dass Wallfahrten keinen inhärenten spirituellen Sinn haben. Für sie ist die einzig wahrhaftige Pilgerreise eine Seelische. Sie bezeichnen daher das Bad in der göttlichen Seele als Pilgerreise, die Unsterblichkeit - Amrit - verleiht (GGS, S. 1136, M. 5).

 

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