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Vieles von unserem Alltagswissen über Sikhi haben wir von Eltern, Geschwistern, Freunden, Vorträgen im Gurdwara, Legendenerzählungen, Büchern oder aus dem Internet erworben. Ein erheblicher Teil unseres Wissens und der von uns ausgeübten religiösen Rituale basiert demnach auf Hörensagen und darauf, was andere über Sikhi denken. Als Sikh sind wir Schüler des Guru Granth Sahib (GGS). Daher müssen wir uns immer fragen, ob das, was wir glauben, im Einklang oder im Widerspruch zum GGS steht. Der GGS ist unsere Richtschnur. Ein bedeutender Anteil des verbreiteten Wissens steht leider im Widerspruch zum GGS. Dies liegt daran, dass nur wenige Menschen die Mühe auf sich nehmen, den GGS für sich selbst zu verstehen.
Eine Sikh verbeugt sich vor dem GGS um auszudrücken, dass sie ihr Ego und Wissen hinten anstellt und bereit ist, sich für die universellen Lehren des GGS zu öffnen. Ganz entsprechend dem Vers: Tu samrath wada meri mat thorri ram || “Deine Weisheit ist so unermesslich groß, mein Verständnis doch so klein” (GGS, S. 547, M. 5). Wie auf unserer gesamten Seite, haben wir auch im Folgenden versucht, unser Wissen in den Hintergrund und den GGS in den Vordergrund zu bringen. Zur Illustration werden verbreiteter Glaube und Einsichten des GGS direkt gegenüber gestellt. Dies soll helfen, einige grundlegende Missverständnisse klar zu stellen. Die Verinnerlichung der Einsichten des GGS haben weitreichende Konsequenzen und können potentiell unsere Lebenshaltung und damit unser Leben positiv transformieren.
Glaube: Sikh-Sein bedeutet immer ernst zu sein und strikte Regeln befolgen. Befolgt man bestimmte Regeln nicht, bestraft einen Gott. Guru Granth Sahib (GGS): Das Leben ist eine einmalige Kostbarkeit und daher ein einzigartiges Geschenk. Daher gilt es für einen Sikh, sein Leben gottbewusst zu GESTALTEN. Dies bedeutet in erster Linie ein reflektiertes und in sich stimmiges Leben zu FÜHREN. Dazu gehört aber auch, dass das Leben als Geschenk angesehen und mit Freude gelebt wird (GGS, S. 552, M. 5). Das bloße Einhalten bestimmter Regeln, der Regeln willen, hat nichts mit Gotteshingabe gemeinsam. Gott hat dem Menschen das Lachen nicht ohne Grund geschenkt. Sich am Geschenk Gottes, des Lebens zu erfreuen, ist der Ausdruck höchster Dankbarkeit gegenüber Gott. Die Schöpferin, die selbst in der Schöpfung weilt, ist voller Güte und Liebe; sie bestraft nicht (GGS, S. 784, M. 5).
Glaube: Man betet um Gott zu gefallen bzw. um Gott glücklich zu machen. GGS: Man betet für SICH. Die Rezitation aus dem GGS oder einem anderen spirituellen Werk dient dazu, Anleitung und Inspiration für ein spirituelles und somit harmonisches Leben einzuholen. Gott ist nicht eine Person, die glücklich oder unglücklich ist. Würde die Schöpferin auf die Gefälligkeit der Menschen angewiesen sein, müsste sie das unglücklichste Wesen des Universums sein (GGS, S. 9, M. 1; GGS, S. 1429, M. 5).
Glaube: Bestimmte Menschen besitzen übernatürliche Kräfte und können Wunder bewirken (oft beschrieben in Legendenerzählungen über die Gurus und prominente Sikhs). Guru Granth Sahib: Kein Mensch kann die Naturgesetze ändern oder sie aussetzen, sondern nur für sich nutzbar machen (GGS, S. 1, M. 1). Sogenannte Wunder, wie zum Beispiel die überraschende Heilung eines Kranken haben nichts mit dem Wirken übernatürlicher Kräfte einer bestimmten Person zu tun. Eine Heilung findet entsprechend Gottes Willen statt, also des von ihm erschaffenen biologischen Systems und dem Nutzen dieses Wissens. Dies tut zum Beispiel ein Arzt. Nur weil wir bestimmte Dinge nicht erklären können, bedeutet dies nicht, dass hier ein ‘übernatürliches’ Wunder am Werk war. Die spontane Heilung von Krebs oder anderen Krankheiten ist genauso ein Wunder wie die Heilung eines gebrochenen Knochens oder einer Wunde. Manches können wir etwas besser nachvollziehen, anderes weniger. Letztlich ist die gesamte Schöpfung und jedes einzelne Lebewesen ein Wunderwerk Gottes (GGS, S. 13, M. 1).
Glaube: Alles was die Janam-sakhian, die Legendenerzählungen über die Gurus, oder andere sogenannte historische Werke beschreiben (etwa Wunderheilungen etc.), ist wahr. Guru Granth Sahib: Vieles in den beschriebenen Werken basiert nicht auf Tatsachen, sondern mehr auf glorifizierender Liebe (scharda) zu den Gurus. Keines der Werke wurde zu Lebzeiten der Gurus selbst geschrieben. Legendenerzählungen dienen dazu, Menschen eine inspirierende Botschaft bildlich näher zu bringen. Sie müssen daher metaphorisch und nicht wörtlich verstanden werden. Die Gurus haben mit Bedacht ihre Lebensgeschichte nicht selbst aufgeschrieben um zu verhindern, dass Menschen sie selbst statt dem Inhalt der Schrift als Guru erachten (GGS, S. 465, M. 1).
Gottes Schöpfung und seine Weisheit sind wahr. Daher ist die Richtschnur der Sikhi der Guru Granth Sahib und nicht Erzählungen. Sikhs sind Schüler von Weisheit und nicht Schüler von Menschen erschaffenen Erzählungen. Es wundert daher nicht, dass der GGS keine Geschichten erzählt.
Glaube: Meditation bedeutet vornehmlich die Wiederholung eines bestimmten Wortes für Gott, wie etwa Waheguru bzw. die Ausübung einer bestimmten Technik. Guru Granth Sahib: Wahre Meditation ist die Verinnerlichung, also das LEBEN göttlicher Tugenden im Alltag und hat nichts mit einem bestimmten Wort, Ort oder Körperhaltung zu tun. Das bedeutet nicht, dass Techniken, die zur Beruhigung und inneren Konzentration dienen, überflüssig sind. Jeder muss für sich selbst entscheiden, was einem körperlich und innerlich wohl tut. Der GGS lehrt keine bestimmten Meditationstechniken. Die Gurus betonen in zahllosen Versen, dass sie weder Meditation noch Yoga ausgeübten (GGS, S. 101, M. 5; GGS, S. 12, M. 1; GGS, S. 436, M. 1). In den Versen Sidh Gosht etwa erörtert Guru Nanak im Detail seine Diskussionen mit Yogis und Meditationsmeistern. Darin kommt wunderschön zum Ausdruck, wie grundlegend sich Sikhi im Kern von technikorientierten Lehren unterscheidet.
Glaube: Guru Gobind Singh hat das Wort Waheguru als DAS besondere Wort für Gott erkoren. Daher ist es das sogenannte ‘Gurmantar’. Guru Granth Sahib: Das Mysterium was wir Gott nennen, hat keinen Namen. Um über ihn bzw. sie reden zu können, sind wir aber auf Namen angewiesen. Im GGS werden daher alle gängigen Namen der damals vorherrschenden religiösen Traditionen - wie etwa Kartar, Parmeshwar, Hari, Prabhu, Ram, Rahim, Allah etc. - gleichsam verwendet. Im Jaap (Rual Chand), Verse die Guru Gobind Singh zugeschrieben werden, steht ebenfalls, dass Gott keinen bestimmten Namen hat. Im GGS wenden sich die Gurus zumeist in direkter Rede an den Schöpfer und schreiben: Oh Du mein geliebter Freund, mein Vater, mein Bruder, meine Schwester usw.
Glaube: Wenn man bestimmten religiösen Regeln folgt, wie etwas regelmäßig betet, wird man von Leid verschont, da Gott einen besonders lieb hat. Guru Granth Sahib: Gott hat alle Lebewesen bedingungslos gleichsam lieb, egal ob es sich um einen Heiligen oder Dieb handelt. Äußerliches Leid erfährt JEDER Mensch gemäß den Naturgesetzen (GGS, S. 784, M. 5).
Glaube: Nach dem Tod wird man als X wiedergeboren oder man kommt in den Himmel bzw. in die Hölle. Guru Granth Sahib: Nur die Schöpfung selbst weiß, was nach dem Tod passiert, was vorher war und wie alles anfing. Der Mensch soll seine kostbare Zeit nicht mit Spekulationen verbringen, sondern sich von Menschen erschaffenen Glaubenssystemen lösen und göttliche Weisheit nutzen, um ein gotterfülltes Paradies im HIER und JETZT zu erschaffen (GGS, S. 12, M. 5; GGS, S. 1366, Kabir).
Es ist interessant zu sehen, dass Buddha auf Fragen wie “Ist das Universum endlich oder unendlich?” oder “Sind Seele und Körper getrennte Einheiten oder stehen sie in Verbindung?”, nicht geantwortet hat. Er betonte, dass Spekulationen über unermessliche Dinge keine spirituelle Entwicklung fördern, sondern einen vielmehr vom Wesentlichen ablenken.
Glaube: Wenn man etwas unbedingt will (wie etwa eine gute Note in der Schule, ein florierendes Geschäft oder ein Baby), dann betet man zu Gott, wünscht es sich von ganzem Herzen und bekommt es schließlich zugesprochen. Guru Granth Sahib: Aus Sicht des GGS ist dies eine sehr kindische Form der Religionsausübung. Kabir schreibt daher, dass die Menschen inzwischen auch schon Gott zu ihrem Spielzeug und Untertan gemacht haben. “Logan raam khilounaa jaanaa ...” (GGS, S. 1158, Kabir). Denn sie denken, dass wenn man der Schöpferin Geld, Tiere oder andere Dinge opfert oder aufrichtig um etwas bittet, sie einem den Wunsch erfüllt. Im GGS wird daher betont, dass der Mensch den Willen Gottes, der sich durch die Naturgesetze zeigt, nicht ändern kann. Daher wird im GGS nie für etwas (Materielles) gebetet. Außer, dass Gott einem ermöglicht, solche Menschen zu treffen, die voller Gottvertrauen und Tugenden sind. Die Gurus und die Bhagat beten um die Gnade der göttlichen Weisheit. Ansonsten äußern sie schlichtweg Dankbarkeit für all die unermesslichen Geschenke, die wir Menschen jeden Tag bekommen, wie etwa Wasser, Sonne, Luft, Pflanzen, Boden und Mitmenschen. Laut GGS liegt es am Menschen, sich bestmöglich zu bemühen. Alles andere liegt in Gottes Hand (GGS, S. 1376, Kabir).
Glaube: Bestimme Menschen (die sich selbst als Guru, Sant, Baba, Mahapursh, Siriman 108, etc. bezeichnen), haben einen besonders guten Draht zu Gott. Bittet oder bezahlt man sie (einen Granthi oder Priester etwa), für ein bestimmtes Gebet, sind die Chancen einer Gebetserhörung besonders groß. Guru Granth Sahib: Wahrhaft religiöse Menschen kommen immer ohne Titel aus. Die Gurus etwa nannten sich selbst nie Gurus, noch bezeichnet sie sich als unfehlbar. Im GGS nennen sie sich selbst voller Demut und Bescheidenheit “Nanak garib” oder “Nanak das”. Die Sikhs nannten und nennen sie respektvoll Guru, da sie sie als Vorbild ansehen.
Der Schöpfer weilt in jedem Menschen gleichsam, daher hat jeder Mensch potentiell dieselbe Fähigkeit, Gott in sich selbst zu erkennen (GGS, S. 1427, M. 9). Alle Menschen sind gleich und werden von der Schöpfung auch gleich behandelt und gehört. Ein frommer oder egoistischer Mensch kann noch so beten, aber Gottes Willen ist nicht änderbar (GGS, S. 1376, Kabir). Wenn ein schweres Erdbeben kommt, sind alle Menschen in der betreffenden Region davon betroffen. Niemand wird verschont. Denn die Natur behandelt Diebe, religiöse Menschen, Kinder, Atheisten, Tiere, Arme und Reiche gleich. Existierende Ungleicheit in der Welt entsteht durch die Menschen selbst und kann auch nur durch sie selbst überwunden werden. Daher legen die Gurus großen Wert auf eine gerechte und sozial ausgerichtete Lebensführung und Arbeitsmoral.
Glaube: Sewa bedeutet Dienst im Gurdwara. Guru Granth Sahib: Sewa bedeutet selbstloser Dienst - unabhängig vor Ort.
Glaube: Die Gurus sahen sich als Guru oder Götter. Guru Granth Sahib: Die Gurus haben sich selbst nie als Gurus gesehen, sondern ausschließlich als Diener Gottes (Nanak das, Nanak garib etc.). Aus Respekt vor ihrer Weisheit sagen wir Guru. Die Gurus haben sich selbst - wie die Bhagat auch - in der Tat als Schüler Gottes, also des Satgur - göttlicher Weisheit - gesehen (GGS, S. 13, M. 5; GGS, S. 10, M. 3).
Glaube: Guru Gobind Singh übertrug die Guru Autorität auf den Guru Granth Sahib. Guru Granth Sahib: Guru Gobind Singh hat lediglich noch einmal ganz klar gemacht, dass der Inhalt der Schrift die göttliche Weisheit in sich trägt. Die Verse (Pothi) hatten von jeher Guru-Status. Die Gurus waren immer bestrebt zu verhindern, dass sie mit göttlicher und zeitloser Weisheit gleichgesetzt werden. Daher stand auch zu Lebzeiten der Gurus und der Bhagats, der Inhalt der Weisheit im Mittelpunkt (GGS, S. 982, M. 4).
Glaube: Ein getaufter Sikh ist per se besser als andere Menschen. Guru Granth Sahib: JEDER Mensch misst sich an Gedanken, Worten und Taten. Auch ein getaufter Sikh (GGS, S. 4, M. 1).
Glaube: Gott weilt im Gurdwara oder in anderen Gebetsstätten. Guru Granth Sahib: Gott weilt gleichermaßen in allem was existiert (GGS, S. 1427, M. 9).
Glaube: Es gibt heilige Orte auf dieser Welt, wie etwa “Hemkunt Sahib”. Guru Granth Sahib: Das ganze Universum ist gleichermaßen heilig. Im GGS wird es auch Dharmsal genannt. Gemeint ist damit, dass überall - unabhängig von der spezifischen Lokation - ein religiöser Lebensweg beschritten werden kann. Kein Fleck oder Gebäude dieses Universums ist demnach heiliger als ein anderer (GGS, S. 1427, M. 9). Orte können eine besondere historische oder persönliche Bedeutung haben. Sie sind aber nicht per se heilig. Menschen machen ausgewählte Orte heilig. Sie verleihen diesen durch ihr Verhalten, durch inspirierende Musik und durch eine spezifische Architektur eine besondere Wirkung.
Beispielsweise ist “Hemkunt Sahib” in Joshimath eine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Die Stätte wurde im Nachhinein durch eine Legende (“Bachitar Natak”) mit Guru Gobind Singh in Verbindung gebracht. Heute gilt sie vielen Sikhs als heilige Pilgerstätte, die “man unbedingt einmal im Leben besucht haben sollte”. Wissenschaftler sprechen von einer “Erfindung von Tradition”. Inzwischen hat “Hemkunt Sahib” aufgrund seiner idyllische Berglage touristischen Charakter und macht einen enormen Umsatz, da Sikhs aus der ganzen Welt den dort errichteten Gurdwara besuchen. Aus Sicht der Religionsgründer sind solche vermeintlichen Pilgerstätten kritisch zu sehen. Insbesondere dann, wenn durch die Verquickung von Religion und Geld bestimmte Gruppen einen bedeutenden wirtschaftlichen Gewinn daraus erzielen. In ihren Schriften betonen die Begründer ausdrücklich, dass Wallfahrten keinen inhärenten spirituellen Sinn haben. Für sie ist die einzig wahrhaftige Pilgerreise eine Seelische. Sie bezeichnen daher das Bad in der göttlichen Seele als Pilgerreise, die Unsterblichkeit - Amrit - verleiht (GGS, S. 1136, M. 5).
Glaube: Der Ablauf im Gurdwara war schon immer so wie heute. Guru Granth Sahib: Da sich der Guru Granth Sahib einzig mit Spiritualität befasst, finden wir darin keine historischen Beschreibungen. Aus dem Inhalt und der Grundhaltung der Schrift sowie historischer Überlieferungen kann aber abgeleitet werden, dass zu Zeiten Guru Nanaks Menschen unterschiedlichster Herkunft ungezwungen zusammen kamen, gemeinsam über ein gotterfülltes Leben gemäß göttlicher Weisheit - Satgur - sprachen, musizierten sowie Ideen entwickelten und umsetzten, wie man Ungerechtigkeiten und Leid dieser Welt lindern kann. Im Gegensatz zu heute gab es keine Rituale (wie etwa Akand Path, Nishan Sahib Sewa, Sukh Asan usw.) bei diesen Zusammenkünften. Diese entwickelten sich erst später.
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