|
Der Begründer Nanak An der Schwelle zum 15. Jahrhundert, im Jahre 1469, wurde Guru Nanak Dev, der Begründer der Sikhi, in Talwandi (heute: Nankana Sahib, Pakistan) geboren. In verschiedenen Janam-sakhis (unter anderem Puratan-Janam-sakhi ud Janam-sakhi Bhai Bala), schriftlich festgehaltenen Legendenerzählungen über den ersten Guru, wird berichtet, dass Guru Nanak bereits im jungen Alter religiöse Vorstellungen, Rituale, Dogmen und das Kastensystem, die zu jener Zeit das Leben der Menschen in der Region prägten, kritisch hinterfragte: “Erkennt Gottes Licht in allem und fragt nicht nach der Herkunft (‘Kaste’). In der Welt hiernach gibt es keine Herkunft. Der Schöpfer selbst handelt und inspiriert unser Handeln und selbst berücksichtigt unsere Beschwerden. Wo Du doch der Handelnde bist, Schöpfer, warum sollte ich mich da der Welt unterwerfen?” (GGS, S. 349, M. 1).
Guru Nanak wendete sich nicht per se gegen religiöse Lehren und Institutionen; er lehnte vielmehr unreflektiertes und oberflächliches Vorgehen ab. Nur Handlungen, die zum Wohle anderer Menschen sowie für das eigene Seelenwohl ausgeübt wurden, fanden seine Bewunderung. Vertrauen und Liebe zu dem einen unermesslichen Schöpfer prägten sein Leben.
Unermesslichkeit der Schöpfung Guru Nanak verlautbarte, dass die Erde nicht das Zentrum des Universums sei, sondern nur ein Planet unter unendlich vielen: “Da gibt es Planeten, Solarsysteme und Galaxien. Redet man über sie, kommt man nie zum Ende. Welten über Welten sind Seine Kreation. Nach Seinem Willen existieren sie” (GGS, S. 8, M. 1). “Viele Welten gibt es neben dieser Erde. Welche Kraft muss existieren, um diese Last zu tragen? Die Namen und Farben all der Wesen wurden durch den unerschöpflichen Pinsel Gottes geschaffen” (GGS, S. 3, M. 1).
Einheit der Schöpfung Guru Nanak sah sich weder als Hindu noch Muslim, sondern er verstand sich als ein Diener und Botschafter Gottes. Er schreibt: “So wie sich das Wort des barmherzigen Vaters mir offenbart, so verkünde ich es, O Lalo” (GGS, S. 722, M. 1). Dem fügt sein fünfter Nachfolger Guru Arjan hinzu: “Das Wort des Erleuchters - Shabad - wurde offenbart; und so weilt der Herr auf der Zunge” (GGS, S. 1407, M. 5). Guru Nanak betonte immer wieder, alle Geschöpfe unabhängig von Geschlecht, Herkunft und sozialer Stellung gleichermaßen zu respektieren. Jeder Mensch, so seine Einsicht, kann Gott potentiell in sich under Schöpfung erfahren. “Durch Liebe bist Du auf ganz natürliche Weise zu mir gekommen. Ich weiß nichts, noch habe ich etwas vorzuzeigen. Mich, dem schlichtem Kinde, hat die Hüterin der Glückseligkeit aufgesucht. Durch ihre Gnade habe ich die Gemeinde der Heiligen gefunden” (GGS, S. 1307, M. 5).
Respekt und Verantwortung für die Mitmenschen Guru Nanak befürwortete einen ganzheitlichen Erlösungsweg, mit einer ausdrücklich integrierenden religionsübergreifenden Botschaft. Guru Nanak beanstandete nicht nur die Diskriminierung von Minderheiten und Menschen vermeintlich ‘niedriger’ Herkunft, sondern auch die der Frauen: “Von der Frau erfahren wir Freundschaft, durch die Frau setzt sich der Gang der Welt fort. ... Wie kann man sie als minderwertig bezeichnen, wo sie doch Königen das Leben schenkt? Aus einer Frau entsteht eine Frau, niemand wäre ohne die Frau. Nanak sagt, ganz ohne Frau existiert nur der eine Schöpfer” (GGS, S. 473, M. 1).
Religiöse Hingabe und ein aufrichtiges Leben waren für Guru Nanak eine edle Tugend, jedoch maß er einem sozialen Leben in der Gesellschaft, welches sich am Gottesvertrauen orientiert, eine noch größere Bedeutung bei (GGS, S. 62, M. 1). Guru Nanaks Botschaft betonte die gleichzeitige Immanenz und Transzendenz des Schöpfers. Gott weilt nicht an einem fernen Ort; vielmehr ist er ein Teil der Schöpfung. Daher, so Guru Nanak, ist die Welt auch kein Trugbild, sondern sie ist wirklich existent. Sie wird aber von ihm als Maya, als eine Illusion beschrieben, um zu betonen, dass alles außer dem Göttlichen letztlich vergänglich ist.
Guru Nanak auf Reisen Guru Guru Nanak unternahm zahlreiche Reisen, die ihn weit über die Grenzen des heutigen Indiens brachten - darunter auch in arabische Länder. Er konnte während seiner Wanderschaft viele Menschen unterschiedlichster Glaubensrichtungen durch seine Liebe und seine Eiinsichten überzeugen. Guru Nanak, Ehemann und Vater, bediente sich gerne bildreicher Erklärungen und Metaphern. In einer populären Stelle der Janam-sakhi Bhai Bala wird berichtet, dass Guru Nanak sich in der Stadt Mekka schlafen legte und dabei seine Füße in Richtung der Kaaba streckte. Empörte Muslime forderten ihn wütend auf, sein blasphemisches Verhalten zu korrigieren. Guru Nanak entschuldigte sich und forderte die protestierenden Pilger auf, seine Beine doch in die Richtung zu bewegen, wo der Schöpfer nicht weilt. Die Schilderung verdeutlicht, auf welche Art und Weise Guru Nanak die Menschen überzeugte und sie zur Hinterfragung ihrer Überzeugungen inspirierte: Er verkündete keine abstrakten Theologien, sondern sprach in tiefsinnigen Aphorismen und verdeutlichte seine Absichten anhand alltäglicher Beispiele.
Guru Nanaks Modelstadt Kartarpur Nach seinen Reisen führte Guru Nanak ein einfaches Leben als Bauer in Kartarpur, die Stadt, die er selbst gründete. Menschen verschiedenster Herkunft arbeiteten und lebten gemeinsam dort mit ihrem Vorbild Guru Nanak. Guru Nanak gründete Darmshala (Vorläufer der heutigen Gurdwara). Menschen kamen ungezwungen zusammen um die Schöpfung mit musikalischer Begleitung zu lobpreisen und sich von den Weisheiten Guru Nanaks inspirieren zu lassen. Es wurden auch Speisen für Jedermann, ungeachtet seines Geschlechts oder Herkunft, zubereitet (Langar).
Die Gedanken Guru Nanaks sowie sein eigenes Leben verdeutlichen die Lebenseinstellung vorbildlicher Sikhs: Sie wenden sich nicht von weltlichen Dingen ab, sondern führen ein Leben der sozialen und religiösen Hingabe. Die Botschaft des Gurus betont dabei, dass es weder über die Ausübung der von Menschen geschaffenen Rituale und Meditationspraktiken noch über ein asketisches Leben allein möglich ist, der Schöpfer in sich und Allem zu erkennen. Vielmehr unterstrich er die Notwendigkeit einner durchgehend religiösen Haltung im Alltag. Gleichzeitig verwies der Guru auf die Wichtigkeit, sich nicht von den “Fünf Dieben” beherrschen zu lassen. Begierde, Wut, Gier, Stolz und weltliche Abhängigkeit sollen nicht vernichtet, sondern bewusst wahrgenommen und in Tugenden transformiert werden. Wut beispielsweise könnte demnach in einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn kanalisiert werden.
Entwicklung der Sikh-Religion
Guru Nanak folgten neun weitere Gurus, die jeweils ihren spezifischen Beitrag zur Entwicklung der jungen Religion leisteten. Zunehmend entwickelte sich die kleine Gemeinschaft zu einer religiösen aber auch politischen Kraft in Nord-Indien. Der dritte Nanak (die Gurus selbst sahen sich als eine Einheit, daher spricht man vom ersten Nanak, zweiten Nanak usw.) Guru Amar Das (1479-1574) verkündete ebenso wie seine Vorgänger die universelle Botschaft der Sikhi und baute das System der freien Speisen weiter aus, um die Einheit unter Menschen verschiedenster Herkunft und Religion zu fördern. Er kritisierte die Witwenverbrennung sowie die Ausgrenzung von Frauen. “Jeder sagt es gäbe vier Kasten. Doch alle stammen von Gottes Samen. Das ganze Universum ist durch denselben Lehm hervorgegangen. Der Töpfer hat lediglich alle nach verschiedenen Gefäßen geformt. Die fünf Elemente zusammen genommen und damit den Körper geformt. Wer kann da sagen, der zählt weniger und der mehr?” (GGS, S. 1128, M. 3). Sein Nachfolgender Guru Ram Das komponierte die Verse, die als die Lavan (GGS, S. 773-774) bekannt werden. Sie werden fortan für die Heirat von Sikhs verwendet.
Die Schriften der Begründer Die wichtigste Errungenschaft vom fünften Nanak Guru Arjan war die Zusammenstellung und Edition der Verse der vier vorherigen Gurus und anderer Heiliger, der Bhagat, in dem Gesamtwerk Aad Granth. Guru Nanak, Guru Angad und Amar Das hatten zuvor jeweils dem nachfolgenden Guru die niedergeschrieben Verse vermacht. Das Originalmanuskript, die Kartarpuri Birr, ist bis heute erhalten geblieben. Über die Einordnung der jungen Religion schreibt Guru Arjan:
“Ich faste nicht, noch begehre ich den Monat Ramadan. Ich diene nur dem Einen, der mich am Ende schützen wird. Der eine Herr, der Herr der Welt, ist mein Gott, Allah. Er erteilt Gerechtigkeit - an Hindus und an Muslimen [gemeint sind Menschen aller Glaubensrichtungen]. ||1||Pause|| Ich mache keine Wallfahrt nach Mekka, noch bete ich in den heiligen Schreinen der Hindus. Ich diene dem Einen Herren und keinem anderen. ||2|| Ich vollziehe keine Anbetungsrituale der Hindus, noch rezitiere ich die Gebete der Muslime. Ich habe den Einen formlosen Schöpfer in meinem Herzen aufgenommen, dort verehre ich ihn voller Demut. ||3|| Weder bin ich ein Hindu noch ein Muslim. Mein Körper und mein Lebensatem gehören Allah (Bezeichnung Gottes bei Muslimen) - Raam (Bezeichnung Gottes bei Hindus) - dem Gott aller” (GGS, S. 1136, M. 5).
Der fünfte Guru betont in Übereinstimmung mit seinen Vorgängern, dass Sikhi ein einzigartiger, religionsübergreifender Lebensweg ist und nicht eine Abspaltung oder ein Synkretismus aus bestehenden Traditionen. In diesem Lichte ist auch die wohl einzigartige Zusammenstellung des Aad Granth zu sehen: Die Gurus bezogen Verse von 15 Heiligen (Bhagat) aus verschiedensten sozialen Hintergründen in den Aad Granth mit ein. Das entscheidende Kriterium für sie war, dass diese Heiligen ein vorbildliches Leben im Einklang mit der Schöpfung vorgelebt hatten. So schreibt Kabir, einer der Bhagat: “Veden, Puranas und Simritees [religiöse indische Schriften] kenne ich; sie können niemanden erlösen. Kabir sagt, verinnerlicht die Gegenwart des Schöpfers und Befreiung von Tod und Geburt wird euer sein” (GGS, S. 477, Kabir).
Sowohl der fünfte als auch der neunte Guru mussten für ihre religionsübergreifenden und relvolutionär anmutenden Einsichten ihr Leben lassen. Sie wurden jeweils von den herrschenden muslimischen Machthabern, die vor allem ab dem 16. Jahrhundert eine regressive Politik gegenüber Andersgläubige ausübten, hingerichtet. Die Begründer mussten sich aber auch immer wieder gegen die religiöse Priesterschaft der Brahmanen zur Wehr setzen. Diese sahen durch die egalitären Vorstellungen der Sikhi ihre gesellschaftliche und religiöse Vormachtstellung gefährdet. Zahlreiche Verteidigungsschlachten wurden seit dieser Zeit von den Sikh-Gurus und ihren Anhängern gegen die jeweiligen Machthaber geführt. Der zehnte Guru, Guru Gobind Singh, verlor im Kampf gegen lokale Bergfürsten alle vier Söhne. Er selbst starb an den Folgen eines Attentates.
Die Gemeinschaft der Reinen - Khalsa Guru Gobind Singh, der zugleich der letzte Guru war, gründete 1699, am Waisakhi-Fest in Anandpur Sahib die Bruderschaft Khalsa (Reinen). Die erstmals durchgeführte Taufe wurde Ausdruck der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft des Khalsa. Alle getauften Sikhs sollten, so der Wunsch Guru Gobind Singhs, nicht nur ihrem Geiste sondern auch ihrem Erscheinungsbild nach, Einheit bewahren. Guru Gobind Singh taufte zunächst fünf Menschen, alle aus vermeintlich niedrigen ‘Kasten’. Die fünf Sikhs, die als die Panj Piare, die Fünf Geliebten in die Sikh-Geschichte eingingen, bekamen vom Guru den Bana, das äußere Erscheinungsbild eines Getauften. Ihre innere Haltung sollte, so der Guru, von den Lehren des Guru Granth Sahib inspiriert sein. Die Fünf Geliebten, die sich dem zehnten Guru zuwandten, waren im Einzelnen:
Daya Singh (aus Lahore, urspüngliche Kaste der Khatri)
Dharam Singh (aus Hastinapur in Delhi, urspüngliche Kaste der Jatt)
Himmat Singh (aus Jagnnath Puri in Orissa, urspüngliche Kaste der Jhivar)
Mohkam Singh (Dwarka in Gujarat, urspüngliche Kaste der Chimba)
Sahib Singh (Bidar in Karnataka, urspüngliche Kaste der Nai)
Laut Tradition etablierte Guru Gobind Singh mit den Fünf Geliebten auch ein neues demokratisches Repräsentationssystem. Fortan sollten bei wichtigen Entscheidungen der Sikh-Gemeinschaft immer mindestens fünf vorbildliche Sikhs gemeinsam beraten und einen Konsens zum Wohle der Gemeinschaft ausarbeiten.
Zahlreiche andere Besucher folgten an diesem Tag den Fünf Geliebten und ließen sich taufen. Auch Guru Gobind Singh selbst ließ sich im Anschluss von den Fünf Geliebten taufen und hieß fortan Guru Gobind Singh (und nicht mehr Gobind Rai). Dies verdeutlicht den Stellenwert der Gemeinschaft der Reinen für den Guru; der Guru selbst empfängt ebenso wie die anderen Sikhs die Taufe. Der Guru und die getauften Sikhs konnten an fünf Merkmalen und gemeinsamen Nachmnamen erkannt werden.
Die Fünf K’s (Kakar) Die Eintracht des Khalsa drückt sich seither durch gemeinsame Nachnamen aus. Sikh-Frauen, die Gleichberechtigung genießen, tragen den Nachnamen Kaur (Prinzessin), die Männer Singh (Löwe). Zudem tragen Mitglieder des Khala die Fünf Kakar (K´s). Sie bestehen aus:
- Kes (ungeschnittene Haare - Würde, Respekt vor der Schöpfung; Abgrenzung von asketischen Traditionen)
- Kirpan (Schwert - Gerechtigkeitssinn, gesellschaftliche Verantwortung, Gnade und Selbstachtung)
- Kangha (Holzkamm - Reinheit; die Haare werde jeden Tag gepflegt, dies ist eine Abgrenzung von asketischen Tradition, in denen zum Teil die Haare ungeschnitten bleiben, jedoch nicht gekämmt und gewaschen werden)
- Karra (eiserner Armreif - Allgegenwart Gottes)
- Kaschaira (Boxershorts - praktisch orientierte Lebensweise und Abgrenzung von der Dhoti; sexuelle Mäßigung).
Es finden sich divergierende Ansichten über die Bedeutung der Fünf K's. Oft werden symbolische Bedeutungen von Autoren nach persönlichen Vorlieben vorgebracht. Wichtig ist, die fünf K’s aus dem damaligen historischen Kontext heraus zu verstehen. Die Fünf K’s hatten zurzeit Guru Gobind Singhs einen ganz praktischen Nutzen, da Sikhs oft in Verteidigungskämpfen involviert waren:
Schwert - Selbstverteidigung; Gnade; Hilfe für Andere
Armreif - Teil einer Soldatenuniform; Schutz vor Schwerthieben (man trug mehrere schwere Armreifen)
Short - allgemein verbreitet in Nord-Indien; damit kann man sich auch in Notfällen im öffentlichen Leben zeigen, da sie lang sind und viel bedecken
Haare - natürlicher Teil des Körpers; Abgrenzung von asketischen Traditionen
Kamm - Pflege der Haare.
Heute kämpft natürlich kein Zivilist mehr auf offenem Schlachtfeld mit einem Schwert. Darüber hinaus gibt es legale Restriktionen für den Waffengebrauch. Von daher haben die Fünf K's den Sinn, gemeinschaftliches Denken und Handeln zu fördern, das auf den Einsichten des GGS basiert. Die Fünf K´s sind Teil des ganzheitlichen Konzeptes der Gurus, wonach spirituelles und weltliches Leben Hand in Hand gehen.
Der Guru Granth Sahib Guru Gobind Singh betonte vor seinem Tod im Jahre 1708, dass weiterhin die Guru-Autorität allein im Inhalt göttlicher Wahrheiten ruht. Er fügte dem Aad Guru Granth Sahib (AGGS) die Verse seines Vaters Guru Tegh Bahadars hinzu. Seither wird das Werk Guru Granth Sahib (GGS) genannt. Der GGS dient Schülern (Sikhs) als religiöse Inspiration. In seiner Endfassung enthält der GGS Kompositionen der ersten fünf Gurus, des neunten Gurus und zahlreicher Bhagat (Kabir, Namdev, Ravidas, Trilochan, Farid, Beni, Dhanna, Jaidev, Bhikhan, Parmanand, Sain, Pipa, Sadhana, Ramanand und Soordas).
Die Zeit nach den zehn Gurus Nach zahlreichen internen politischen und religiösen Umstrukturierungen in der Sikh-Gemeinschaft wurde 1745 der erste religiöse Gemeinschaftsentscheiid (Gurmatta) verabschiedet. Repräsentanten der Khalsa-Bruderschaft (Sarbatt Khalsa) berieten über Angelegenheiten, die für die gesamte Gemeinschaft von Belang waren. Die persische Invasion unter Nadir Shah, die den Moghulen eine Niederlage einbrachte, vergrößerte die machtpolitischen Wirren in Nord-Indien. Ahmad Shah Abdali fiel zwischen 1766 und 1769 sieben Mal in Indien ein. Seine Truppen zerstörten den Darbar Sahib mehrere Male. Ranjit Singh, einer bedeutenden Sikh-Familie entstammend, nutzte im Jahre 1799 die Zerstrittenheit der drei Herrscher von Lahore und stürmte die Stadt mit Erfolg. Am Waisakhi-Fest im Jahre 1801 ließ sich Ranjit Singh zum Herrscher des Panjabs ernennen. Allerdings herrschte Ranjit Singh nur für eine kurze Zeit. Sein Reich wurde als eines der letzten unabhängigen Gebiete Indiens 1849 von den britischen Kolonisatoren unterworfen. Nach der Annektion durch die Briten wurden von Seiten der Sikhs zahlreiche Agitationen gestartet (darunter Singh Sabha Lahir), um wieder die Kontrolle über ihre historische Gebetsstätten zu erlangen und um die Sikh-Gemeinschaft wieder an die Lehren der Gurus heranzuführen.
Die Sikhs nach der Unabhängigkeit Indiens Nach der Teilung Indiens 1947 entwickelten sich zunehmend politische Auseinandersetzungen zwischen Vertretern der Sikhs und der neuen Zentralregierung in Delhi. Zunehmend standen politische Fragen im Vordergrund; religiöse Entwicklungen in der Sikh-Gemeinschaft blieben weitestgehend aus. 1984 kam es zu einer Gewalteskalation auf Seiten der Sikhs und der indischen Regierung, die mit der Stürmung des Darbar Sahib endete. Die darauf folgenden Jahre waren gekennzeichnet von Ausnahmezustände, Menschenrechtsverletzungen und tödlicher Gewalt. Die Lage im Panjab hat sich in den letzten Jahren weitestgehend normalisiert. Strittige Themen wie die Anandpur Sahib Resolution, die den Sikhs mehr Autonomie gewähren soll, die Wasserverteilungspolitik, Menschenrechtsfragen, Wiedergutmachungszahlungen und die Hauptstadtfrage um Chandigarh sind bis heute ungeklärt und bedürfen weiterhin einer zufriedenstellenden Lösung.
Die Rolle der Diaspora Eine immer wichtigere Rolle spielen die Sikhs in der Diaspora. Über eine Millionen Sikhs leben in Nordamerika und in Großbritannien; die Zahl der Sikhs in anderen Gebieten der Erde vergrößert sich ebenfalls langsam. Auch Menschen anderer religiöser Herkunft, vor allem in den USA, bekennen sich zur Sikhi. In Deutschland ist die Zahl der Sikhs in den letzten Jahrzehnten durch Zuzug von Familienangehörigen und die Geburt von Kindern ebenfalls gestiegen. Darüber hinaus gibt es einige hundert Sikhs, die ursprünglich in einem christlichen Umfeld aufgewachsen sind. Eingewanderte Sikhs müssen sich zunehmend mit anderen Realitäten als im Panjab auseinandersetzen. In Deutschland steigt die Zahl der Sikhs, die hier geboren werden. Einige Alteingesessene besitzen mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft. Es bleibt abzuwarten, wie sich Sikhs und ihre Religion in Zukunft entwickeln werden und welche Lebenswege Sikhs hier in Europa bestreiten werden. Das Internet hat in den letzten Jahren eine neue Dynamik entfacht. Sikhs sind nun besser international vernetzt und tauschen sich zusehends wieder mehr über religiöse Belange aus. Ein gewisser Trend hin zu einer Rückbesinnung auf die Einsichten des GGS ist zu beachten.
Zusammenfassung Die Sikh-Gemeinschaft hat sich in den letzten Jahrhunderten stetig weiterentwickelt. Unter anderem können folgende Errungenschaften benannt werden: Entwicklung der Gurmukhi-Schrift, Errichtung von Gebetsstätten und Institutionen, Gründung von Städten, Prägung von Münzen, Durchführung von Landreformen, Enwicklung der Kampfkunst Gatka und die Herausbildung eines spezifischen religiösen Musikstils. Die Sikhs blicken mittlerweile auf eine mit vielen Opfern verbundene Geschichte zurück (unter anderem Verteidigungskriege gegen Perser, Moghulen, Afghanen und Briten). Die Betonung von deutlich wahrnehmbaren sichtbaren Merkmalen, die demokratische Repräsentationsform der Fünf Geliebten, die Betonung der Guruwürde des GGS zeigen die Vorbereitung auf eine Zeit ohne einen Führer in menschlicher Gestalt. Sie ist Ausgangspunkt der Entwicklung von einer persönlichen Guru-Schüler-Beziehung zu einer Schrift-Schüler-Beziehung. Die Schaffung von sichtbaren Merkmalen und die Verkündung von gemeinschaftlichen Geboten verdeutlichen das Selbstbild der Sikhs. Die Gemeinschaft konstituierte sich als eigenständige Religionsgemeinschaft.
Zum Wohle der gesamten Schöpfung Es sei abschließend darauf hingewiesen, dass die Sikh-Religion gleichwohl ihrer Einzigartigkeit, eine religionsübergreifende Botschaft vermittelt. Alle Lebewesen der gesamten Schöpfung werden gleichsam respektiert. Festgehalten ist dieses Ideal unter anderem in der Ardas, dem Abschlussgebet der Sikhs. Dort wird für das Wohl der gesamten Schöpfung gebetet (sarbat da bhala). Diese religionsübergreifende Botschaft wurde von den Sikh-Gurus nicht nur gelehrt, sondern hingebungsvoll gelebt. Der fünfte und der neunte Guru stellten sich den mächtigen muslimischen Herrschern ihrer Zeit und waren nicht bereit, sich von ihrem Lebensweg loszusagen und Kritik an Ungerechtigkeiten zu unterlassen. Sie ließen Folter über sich ergehen, ohne sich von ihrer Haltung und Überzeugung abbringen zu lassen. Die Gurus lebten religiöse und soziale Ideale vor und zeigten damit, dass es ssehr wohl möglich ist, ein religiöse orientiertes und zugleich weltzugewandtes Leben zu führen. Die Gurus haben durchgängig gezeigt, dass trotz der Vielfältigkeit der verschiedenen Religionen und Kulturen eine zwischenmenschliche Annäherung möglich ist. Die Botschaft der Gurus gilt also nicht für ein bestimmtes ‘Volk’ oder für eine bestimmte Region, sie ist vielmehr eine grundsätzliche Einstellung dem Leben gegenüber.
|