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Der namen- und geschlechtslose Schöpfer Das Schöpferwesen hat im Ursprungsvers entsprechend der Einsichten der Begründer kein Geschlecht und keinen spezifischen Namen. In der poetischen Sprache des GGS ist es möglich, eine geschlechtsneutrale Bezeichnung für die Unbeschreibliche zu verwenden. Zahlreiche Verse der Gurus betonen die Unmöglichkeit der geschlechtsspezifischen Kategorisierung Gottes. Die Gurus sprechen in ihren Schriften die Schöpferin direkt an oder verwenden ganz unterschiedliche Namen sowie männliche und weibliche Anredeformen. Sie möchten dadurch zeigen, dass der Schöpfer keinen speziellen Namen hat, der einzig und allein wahrhaft ist. Die Gurus benutzen alle damals gängigen Namen für Gott wie Hari, Prabhu, Parmeshar, Jagdish, Mohan, Guru, Ram oder Allah.
Oft verwendete Wörter für den Schöpfer im Alltag sind beispielsweise Waheguru und Satguru. Populär wurde die Bezeichnung Waheguru durch Guru Gobind Singhs Gruß: Waheguru ji ka Khalsa - Waheguru ji ki fateh. Seither grüßen sich vornehmlich getaufte Sikhs mit diesem Gruß. Im Gurdwara begrüßen alle Rezitatoren und Redner die Gemeinde mit diesem Ausspruch. Im Alltag dominiert Sat Sri Akal, es bedeutet: die Unendliche ist wahr.
Das Wesen des Schöpfers Für die Gurus ist das Schöpferwesen kein entfernter, strafender Gottvater. Im Gegenteil: Gott liebt seine Schöpfung bedingungslos (GGS, S. 784, M. 5). Er ist Teil seiner Schöpfung und daher allgegenwärtig. Es wundert nicht, dass die Gurus den Schöpfer immer wieder als “geliebten Freund” bezeichnen: Sajan mit tu han || “Du bist mein geliebter Freund” (GGS, S. 410, M. 5). Gott ist für sie Freund, Mutter und Vater zugleich. Es dominieren daher Anreden wie “meine Mutter”, “mein Vater” oder ganz schlicht “Oh Du”: Tu mera pita tuhai mera mata || Tu mera bandhhap tu mera bhrata || “Du bist mein Vater, bist meine Mutter. Bist mein Verwandter und bist mein Bruder” (GGS, S. 103, M. 5).
Der Eröffnungsvers wird im GGS zum Teil am Anfang eines neuen Gebetes wiederholt und dient als Einleitung bzw. Einstimmung auf die folgenden Verse. Zudem soll dies verdeutlichen, dass wenn im folgenden Abschnitt auch auf populäre Mythologien Referenz genommen wird, es im Kern immer um das Wesen der schöpferischen Einheit geht. Die beiden ersten Zeichen des Eröffnungsverses symbolisieren den einen Schöpfer. Das erste Zeichen ik ist die Eins und das Zweite der urra, der erste Buchstabe des Gurmukhi. Es bedeutet zusammen genommen: Die Eine Unendliche. Die Unendlichkeit wird durch die Öffnung und den lang gezogenen Bogen auf dem urra ausgedrückt. Im regulären Alphabet ist der erste Buchstabe oben geschlossen.
Mantra (Mantar) aus Sicht der Begründer Zumeist wird der Eröffnungsvers als Mool Mantar bezeichnet. Im Zuge dessen wird allgemein gelehrt, diesen wie ein Mantra so oft wie möglich zu wiederholen. Im GGS selbst ist keine entsprechende Bezeichnung und Anweisung zu dem Vers zu finden. Auch darüber hinaus finden sich keine historischen Überlieferungen für ein solches Verständnis. In den Einsichten der Gurus sucht man vergebens nach einem Mantra-Konzept. Sie betonen vielmehr, dass das einzig wirksame Mantra die gelebte Weisheit universeller Tugenden sowie ein bewusstes Leben ist. Der alleinigen Wiederholung von bestimmten Versfolgen oder Worten nach bestimmten Regeln, die - so einige Traditionen - einem Helfen sollen, bestimmte persönliche Ziele oder seelische Zustände zu erreichen, wird von den Gurus als unwirksam kritisiert. Die Gurus schreiben hierzu:
“O Bruder, nur eine Medizin, ein Mantra ist wirksam: Die aufrichtige Verinnerlichung [der Tugenden] des einen Schöpfers” (GGS, S. 156, M. 1).
“Weder praktiziere ich die Wiederholung (von Versen und Worten) noch Entbehrung, Selbstbeschränkung und Rechtschaffenheit” (GGS, S. 12, M. 1).
“Durch die Wiederholung (von Versen und Worten) und Selbstbeschränkung haben sich die Menschen erschöpft. Auch nach der hartnäckigen Ausübung dieser Praktiken haben sie sich nicht von schlechten Gedanken befreien können” (GGS, S. 436, M. 1).
“Alle meditieren Ram, Ram (exemplarisch verwendet für alle gängigen Wörter für Gott). Doch kann man Ram auf diese Weise nicht erfahren. Nur wenn einem die Gnade der göttlichen Weisheit zuteil wird und man diese im Herzen verinnerlicht, erntet man die Früchte (des Seelenfriedens)” (GGS, S. 491, M. 3).
Trotz diese klaren Einsichten sieht die religiöse Praxis bei einigen Sikhs anders aus. Es kommt sogar vor, dass vermeintliche Heilige ein ‘Mantra’ - also einen bestimmten Vers aus dem GGS oder ein Wort für Gott - gegen Bezahlung an Unwissende ins Ohr flüstern und ihnen raten, das spezifische ‘Mantra’ X Mal am Tag zu wiederholen. Die Empfänger versprechen sich durch das Mantra die Erfüllung eines bestimmten Wunsches. Einige Gruppen bauen eine Verbindung zwischen Yoga, Mantren und Sikhi auf, die aus Sicht der Begründer in keiner Weise existiert. Unzählige Yoga-Kurse und Yoga-Produkte, die in die Nähe der Sikh-Tradition gerückt und entsprechend weltweit professionell vermarktet werden, sind ein Beispiel hierfür. Die Gründe für die Entwicklung solcher Praktiken können historisch gut erklärt werden.
Aus Sicht der Gurus geht es darum, die Tugenden des Schöpfers, wie im Eröffnungsvers beschrieben, im Alltag zu verinnerlichen (Nam). Ihnen ging es gerade weder allein um die Wiederholung eines bestimmten Namens oder Verses mit der Zunge noch um eine bestimmte Meditationstechnik. Verinnerlichen bedeutet für die Begründer, dass Gott im Herzen, im Denken und im Handeln vergegenwärtigt wird, unabhängig vom Ort und der Körperhaltung (GGS, S. 386, M. 5). In jedem Lebewesen, in der Natur, in allem Gott zu sehen, furchtlos und wahrhaft zu handeln, bedeutet dem Guru nach wahre Meditation. Die mechanische Wiederholung eines Wortes für Gott, ohne das Leben von göttlichen Tugenden wie Hilfsbereitschaft und Vergebung haben für die Begründer der Sikhi keinen Wert: “Ohne die Verrichtung guter Taten wird man nicht ein Heiliger” (GGS, S. 4, M. 1).
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