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Der Darbar Sahib in Amritsar gilt als einer der bedeutendsten historischen Stätte der Sikhs. Die Stadt wurde vom vierten Guru Ram Das begründet und hieß ursprünglich Chak Ram Das. Heute sprechen viele von der Stadt des ‘Harmandar Sahib’ oder des ‘Goldenen Tempels’. Früh morgens, bereits vor Sonnenaufgang, beginnen Sänger mit den Rezitationen aus dem Guru Granth Sahib (GGS), der im Zentrum des Darbar Sahib aufbewahrt wird. Bis zum Einbruch der Dunkelheit erfüllen die Rezitationen die Stätte mit einer einzigartigen Atmosphäre. Nur besonders begabte Sänger dürfen hier singen, sie werden Hazuri Ragi genannt. Das Hauptgebäude wurde im sechzehnten Jahrhundert errichtet. Es befindet sich inmitten eines Wasserbeckens. Nur ein Weg führt über das Wasser zum Darbar Sahib, der dadurch geschützt im Inneren des Komplexes liegt. Die umliegende Anlagen des Darbar Sahib ist so konstruiert, dass viele Besucher im freien Platz finden. Die Freiküchen bieten traditionsgemäß den ganzen Tag über kostenfreies Essen an. Die umgebenden Bauten sind so gestaltet, dass man sich unter überdachten Terrassen hinsetzen oder schlafen legen kann. Zusätzlich gibt es auch Herbergen, die gegen ein geringes Entgelt in Anspruch genommen werden können. Die zwei Türme im Hintergrund sind erst in den 90er Jahren errichtet worden. Zuvor existierte nur ein Turm, dieser wurde 1984 bei der Erstürmung des Komplexes fast vollständig zerstört.
Bei wichtigen Feiertagen wird der Darbar Sahib heutzutage mit zusätzlichen Lichterketten geschmückt. Im Gegensatz zum Schlichtheitsprinzip der Gurus wurde die Anlage, die viele Male durch Invasoren zerstört wurde, immer aufwendiger und pompöser geschmückt. Einige Gelehrte gehen davon aus, dass Teile der Anlage ursprünglich anders aussahen. Hintergrund ist, dass der Komplex zeitweise ein zentraler Platz für die Sikh-Gemeinschaft war, wo tausende Sikhs zusammen kamen um gemeinschaftliche Anliegen zu erörtern. Im heutigen Darbar Sahib finden kaum 100 Menschen Platz. Seit dem Reich des weltlich orientierten Herrschers Ranjit Singh wurden Goldplatten und Verzierungen angebracht. Der Marmorboden sowie die Goldplatten tragen inzwischen Namensgravuren der Spender. Meistens erhoffen sich Spender eine Gebetserhöhung bzw. einen Prestigegewinn. Aus Sicht des GGS belegen solche Handlungen den Egoismus des Menschen. Sie bestätigen, dass sich letztlich nur wenige Menschen tiefergehend mit dem Sinn von Religion beschäftigen.
Bedeutung des Wasserbeckens In dem Wasserbecken des Darbar Sahib nehmen täglich tausende Männer, Frauen und Kinder ein Bad. Entgegen den Lehren des GGS denken dabei viele Besucher, ein Bad in dem Wasserbecken befreie von vermeintlichen Sünden. Der dritte Nanak, Guru Amar Das schreibt allerdings:
“Jag houmai mail(u) dukh(u) paaea mal(u) laagie dhujai bhaie. ...” “Die Welt ist verunreinigt durch Egoismus und leidet Schmerz. Wegen der Liebe zum Weltlichen haftet Schmutz an der Welt. Da kann man noch an hundert vermeintlich heiligen Orten rituelle Waschungen vornehmen, doch der Schmutz wird bleiben. Menschen üben Rituale aller Art aus und beschmutzen sich nur mit doppelt soviel Schmutz. Auch durch Studium und Wissen kann man sich dieses Schmutzes nicht entledigen. Ihr könnt ruhig die Gelehrten fragen! Oh mein Geist, nur der Mensch, der die Gemeinschaft Gottes im Inneren findet, wird rein” (GGS, S. 39, M.3).
Wie an zahlreichen Stellen im GGS wird in dem Vers darauf hingewiesen, dass sogenannte heilige Waschungen und Rituale nicht die Seele reinigen. Nur ein tugendhaftes Leben, die Verinnerlichung des Schöpfers sowie ein Bad in der inneren Weisheit (genannt Ishnan), können dauerhaftes Seelenfrieden bringen. Tatsächlich liegt die Bedeutung des Wasserbeckens in Amritsar darin, dass Menschen verschiedenster Herkunft ein Bad in ein und demselben Wasser nehmen. Für Menschen, die in ‘Kasten’ oder anderen diskriminierenden Kategorien denken, ein unvorstellbarer Akt. Ursprünglich bot der Pool um den Darbar Sahib auch einen gewissen Schutz, da dort wichtige Dokumente, wie die Zusammenstellung des GGS, aufbewahrt wurden. Zudem konnten Besucher die aus entfernten Orten zu Fuß oder mit Pferden eintrafen, sich vor dem Betreten des Gurdwara waschen.
Heutige Gebetspraxis Der Tagesablauf im Darbar Sahib ist mittlerweile geprägt von Hektik, pompösen Zeremonien und parallel laufenden ritualisierten Rezitationen des GGS (Akand Path), die man für Geld ‘in Auftrag gibt’. Die täglichen Einnahmen, für die es keine transparenten Nachweise gibt, sind immens. Im Gegensatz zu früher finden heute auch keine Verserläuterungen mehr statt. Den Besuchern wird somit keine Möglichkeit gegeben, die Inhalte der vorgetragenen Verse näher zu verstehen. Zudem ist es Frauen im Darbar Sahib nicht erlaubt, zu singen oder zu rezitieren. Aus Sicht der Begründer der Sikhi und Erbauer des Darbar Sahib stehen diese Entwicklungen im deutlichen Widerspruch zu ihren Einsichten. Gerade weil der Darbar Sahib ein zentrale Stätte für die Sikhs weltweit ist und damit eine Vorbildfunktion ausübt, sind die globalen negativen Wirkungen vor allem im Zeitalter von Live Übertragungen verheerend. Kritische Anmerkungen ausgehend von den Einsichten der Gurus sowie historischen Tatsachen werden von der verantwortlichen Institution SGPC bzw. den Vorstehern allerdings als Blasphemie abgetan. Dadurch schützen sich die Verantwortlich auf bequeme Weise gegen den Verlust ihrer wirtschaftlichen und religiösen Vormachtstellung.
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